Margot Käßmann & Özden TerliAuf heiße Sommer kann ich mich nicht mehr freuen

40 Grad und mehr im Sommer bei uns, Regen statt Schnee in der Arktis, Dürre, Extremgewitter – der Klimawandel ist allerorten spürbar. In der Corona­krise zeigte sich, dass Maßnahmen schnell entschieden werden können, wenn politisch gewollt. Mit dem Wetter-Experten Özden Terli diskutiert Margot Käßmann, ob radikales Handeln auch in Sachen Klima und Umwelt möglich ist und inwiefern die Generationen hier an einem Strang ziehen sollten.

Auf heiße Sommer kann ich mich nicht mehr freuen
Der 1971 in Köln geborene Diplom-Meteorologe Özden Terli machte zunächst eine Ausbildung zum Fernmeldeanlagen-Elektroniker. Auf dem Zweiten Bildungsweg erlangte er mit dem Schwerpunkt Physik/Philosophie die allgemeine Hochschulreife, um in Berlin Meteorologie mit Nebenfach Astrophysik zu studieren. Seit 2004 arbeitet Terli als Wetterredakteur, seit 2013 beim ZDF im ZDF-Morgenmagazin, ZDF-Mittagsmagazin, bei heute und heute journal sowie drehscheibe und hallo deutschland.© ZDF/Torsten Silz

Mitten im Leben: Wünschen Sie sich noch einen heißen Sommer?

Özden Terli: Nein, einen heißen Sommer kann ich mir nicht mehr wünschen, denn die heißen Sommer haben heftig zugelegt. Vor einem Jahr habe ich mit einem Kollegen einen Beitrag gesehen, in dem es im Sommer 1976 hieß, es werden über 30 Grad erreicht und dazu wurden Menschen auf der Straße befragt: Die waren total außer sich. Mittlerweile sind 30 Grad überhaupt nichts Besonderes mehr, wir überschreiten regelmäßig Jahr für Jahr die 40-Grad-Marke, letztes Jahr hatten wir sogar einen Rekordwert, der nun also bei 42,6 Grad liegt. Nein, auf heiße Sommer kann ich mich nicht freuen!

Margot Käßmann: Das geht mir auch so. In meinem Garten auf Usedom – wo es ja klimatisch noch relativ sanft hergeht – kommt im Sommer, wenn ich den Rasen mähe, nur noch Staub hoch. Die Klimakatastrophe ist bei uns angekommen.

Ö.T.: Das ist nicht nur gefühlt. Nach den Daten des deutschen Wetterdienstes der letzten Jahrzehnte ist klar, die Temperaturen gehen nach oben. Daran gibt es definitiv nichts zu deuteln. Die Erhöhung der Temperatur sorgt verkürzt gesagt zu Extremwetterereignissen, was im Sommer zum Beispiel auch zu Extremgewittern führen kann wie 2016.

Wann ist Ihnen der Klimawandel zum ersten Mal bewusst geworden?

Ö.T.: Das muss Anfang 1993 gewesen sein, da war ich mir nicht so sicher, in welche Richtung es geht mit meinem damaligen Studium der Nachrichtentechnik. Ich hatte mich immer für Physik, Astronomie, Astrophysik, weniger für Meteorologie interessiert. Dann kam ich an die Warnung von Klimatalogen und Meteorologen in einer Veröffentlichung der WMO (Weltorganisation für Meteorologie), woraufhin ich mein Studium abbrach, um das Abitur nachzuholen mit dem Ziel, Meteorologie zu studieren.

M.K.: Respekt für Sie! – Mir ist der Klimawandel beim Besuch der Partnerkirchen in Indonesien richtig bewusst geworden: Ob wir Jakarta als Hauptstadt überhaupt halten könnten, wir müssten wahrscheinlich höher. Ich war in Lagern von Menschen, die ihre Heimat hatten verlassen müssen, weil der Wasserpegel angestiegen ist. Da habe ich zum ersten Mal begriffen, das trifft Menschen in ihrer ganzen Existenz.

Ö.T.: Diesen Menschen muss man nicht erklären, was der Klimawandel ist, die erleben das am ganzen Körper. Den Menschen in der Arktis schmilzt der Boden unter ihren Füßen weg. Wo früher Schnee fiel, fällt immer mehr Regen. Auf Spitzbergen steigt die Temperatur massiv.

Wie gehen Sie mit den Leugnern des Klimawandels um?

Ö.T.: Auf Twitter blockiere ich sie. Ganz ehrlich, ich diskutiere darüber nicht mehr. Das ist Zeitverschwendung, man kriegt die Leute nicht mehr gefasst. Neu ist, dass man selbst diskreditiert wird.

M.K.: Ich kann das auch nicht ernst nehmen: Wenn ihr nicht in der Lage seid, euch seriös zu informieren, dann seid ihr raus aus der Debatte.

Hat die Corona-Zeit in Ihren Augen etwas für die Umwelt gebracht?

M.K.: Na, ich hoffe mal, dass die Menschen überlegen: Muss ich permanent fliegen, meine Hochzeitsreise auf den Malediven planen? Was ist wirklich wichtig für mein Leben? 49 Prozent der Menschen haben laut einer Umfrage gesagt, dass sie nach Corona achtsamer sein werden.

Ö.T.: Man muss zwischen Umweltschutz und Klimaschutz unterscheiden. Beim Umweltschutz geht es um den Feinstaub, Abgase von den Autos – da ist die Luftqualität teils schon besser gewesen. Beim Kohlendioxidausstoß hat es nicht viel gebracht, im besten Fall vielleicht 10 Prozent. Projektiv auf das nächste Jahr wird sich das in den Daten der Atmosphäre kaum auswirken. Spannend, wir haben jetzt alles gemacht, was individuell möglich ist. Wir sind weniger gereist, haben uns weniger bewegt und weniger konsumiert. Das wirft doch die Frage auf: Kann der Einzelne wirklich so viel machen? Nein, das ganze System muss weniger verbrauchen, weniger schädlich sein. Hier ist die Politik gefragt.

M.K.: Das hat uns Corona gelehrt: Wenn die Politik will und genügend Druck entsteht, kann sie sehr schnell Entscheidungen treffen.

Ö.T.: Offensichtlich! Vorher hieß es oft: Ich lass mir meine Freiheit nicht beschränken. Was heißt das, wenn die Freiheit des Einzelnen die Allgemeinheit schädigt? Ein bisschen zu verzichten, sichert die Zukunft unserer Kinder.

M.K.: Zuhause bleiben rettet Leben, wurde uns gesagt; 130 km/h auf Autobahnen rettet auch Leben.

Was ist mit den internationalen Absprachen?

Ö.T.: Bisher ist auf den Klimakonferenzen nichts passiert. Es hat keinen Klimaschutz gegeben. Davon könnte man nur reden, wenn die CO2-Emissionen weniger werden würden. Seit Jahren steigen die Werte, in diesem und letztem Jahr stagnieren sie mal, aber nach der Coronakrise wird es wieder hochgehen. International muss jetzt genauso viel passieren wie national. Aber was ist, wenn in einem Land wie Indien 500 Millionen Menschen sagen, wir feuern jetzt mal genauso viel raus wie ihr? Die Industrieländer müssen eine Klimagerechtigkeit herstellen! Wir haben 7,9 Tonnen pro Person jährlich, der Durchschnitt global liegt bei knapp unter 5 Tonnen.

M.K.: Wie die Politikerin Andrea Fischer einst sagte, erst mal geht es um unser Land. Aber selbstverständlich heißt Klimagerechtigkeit auch globale Verantwortung. Das wissen wir seit dem Weckruf des Club of Rome 1972.

Hilft ein Zusammenspiel aller gesellschaftlichen Kräfte?

Ö.T.: Definitiv! Zivilgesellschaftlich sind wir da ohnehin schon weiter als die Politik, aber selbst die Wirtschaft hat verstanden: Wenn sie nicht klimakonform arbeitet, schwimmen ihr die Felle weg, da gibt es einen echten Marktdruck. Transformation muss her, so kann es nicht weitergehen.

M.K.: Die Theologie hat in den letzten Jahrzehnten gelernt, dass Bebauen und Bewahren eine Verantwortung für die Schöpfung bedeuten. Es gilt, die Erkenntnisse der Naturwissenschaft umzusetzen. In vielen Kirchengemeinden sind daher seit Jahren Solardächer, Energiesparen etc. selbstverständlich.

Der Astrophysiker und die Theologin: Was sehen Sie, wenn Sie in die Sterne schauen?

Ö.T.: Ich sehe die Milchstraße, Planeten, Nebel, viele Strukturen, und ich sehe auch, wie klein wir sind. Die Erde rast als kleines Schiff durchs Weltall. Es ist wahnsinnig faszinierend, was für Kräfte da draußen herrschen und dass die bei uns nicht herrschen. Diese Stabilität gilt es zu bewahren.

M.K.: Mir fällt das Kinderlied ein: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl.“

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