Kreuzfahrt gegen Veganismus: Der neue Generationenkonflikt

Es braut sich etwas zusammen im Umgang der Jungen mit den Alten. Die Generation der Babyboomer, die in einer scheinbar immer bes­ser werdenden Welt in Wohlstand und Wachstum lebte, wird langsam alt. Und hinterlässt eine bedrohte Schöpfung. Was steckt hinter den Klischees der besorgten Jungen gegen die sorglosen Alten?

Kreuzfahrt gegen Veganismus: Der neue Generationenkonflikt
© pixelio

Beim UN-Weltklimagipfel in New York im September 2019 sagte die junge schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg: „Wie konntet ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen mit Euren leeren Worten? ... Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens und alles, worüber ihr reden könnt, ist Geld und die Märchen von einem für immer anhaltenden wirtschaftlichen Wachstum – wie könnt ihr es wagen?“

Für mich ist diese Rede eine Art Zäsur in der Geschichte des Generationenkonflikts. Meine Generation hat mit den Eltern über die Zeit des Nationalsozialismus gestritten: Wie konntet ihr zulassen, dass die Nazis an die Macht kamen? Wo wart ihr im Krieg? Habt ihr nicht gemerkt, dass Juden deportiert wurden? Wie könnt ihr sagen, ihr wusstet nichts von den Konzentrationslagern? Da wurde am Esstisch heftig debattiert.

Mit der Generation meiner Kinder gab es friedliche Zeiten. Soziologen fanden heraus, das Miteinander habe sich entspannt. Töchter sahen ein freundschaftliches Verhältnis zur Mutter, Söhne wollten werden wie der Vater. Es war in unserem Land eine ruhige Zeit, ein gutes Leben, wenig Anlass für Konflikte.

Und dann kam die ganz junge Generation auf die Bühne mit der Klimafrage und Fridays for Future. Der Lebensstil von uns Älteren habe ihre Zukunftschancen zerstört, sagen sie. Zum einen haben sie ja Recht. Seit der Club of Rome 1972 die „Grenzen des Wachstums“ aufgezeigt hat, hätte deutlich sein müssen: So können wir nicht weiterleben, sonst rächt sich das! Zum anderen: Sind es nicht gerade die ganz Jungen, die ständig irgendwohin reisen, das neueste Handy haben müssen? Waren es nicht wir Alten, die schon lange auf einen nachhaltigen Lebensstil hingewiesen haben? Aber die Jungen sagen: Wir leben vegetarisch oder gar vegan, hättet ihr längst machen können. Und warum bucht ihr Kreuzfahrten?

Dieser Konflikt hat sich durch Corona verschärft. Müssen die Jungen zu Hause bleiben, weil die Alten Risikogruppe sind? Könnten die Alten nicht Rücksicht erwarten, damit sie nicht gefährdet werden? Ich finde den Konflikt weniger schlimm, sondern eher spannend. Es war immer so, dass die Jüngeren alles anders und damit besser machen wollten, das ist in Ordnung. Und die Alten haben mehr Gelassenheit, aber manchmal sind sie auch enttäuscht, dass ihre Erfahrung nicht abgefragt wird. Der Konflikt der „68er“ bestand vor allem in der Sprachlosigkeit, dieser Unfähigkeit, miteinander zu reden, der Weigerung der älteren Generation, Rede und Antwort zu stehen. Ich bin überzeugt, wenn wir bereit sind für ein offenes Gespräch, kommen wir auch in der Klimafrage gemeinsam weiter. Dass wir alle unseren Lebensstil ändern müssen, um diese Erde für künftige Generationen lebenswert zu erhalten, das ist klar.

Die geburtenstarken Jahrgänge (von 1955 bis 1969) der sogenannten Baby-Boomer sind inzwischen in die Großeltern-Generation gelangt. Für keine andere Generation gab und gibt es so viele Chancen auf Bildung und Wohlstand. Ob diese Generation glücklicher als andere ist, ist sozialpsychologisch umstritten. Ihre Eltern waren oft kriegstraumatisiert. In den 1980er Jahren, den Jugend-Jahren dieser Generation, entstand in der Friedens- und Umweltbewegung nach und nach das Bewusstsein für die Grenzen des Wachstums.

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