Anzeige
Anzeige: Mitten im Leben. Post von Margot Käßmann?

Heft 2/2019Februar

Inhalt

Liebe Leserinnen und Leser,

haben Sie Ihren Weihnachtsbaum schon fortgeräumt? Wir tun das erst nach dem 2. Februar — und ich kenne eine ganze Reihe von Menschen, evangelische wie katholische, die es eben so halten. Lichtmess oder „Darstellung des Herrn“ heißt dieser Tag, vierzig Tage nach Weihnachten. Vierzig Tage nach Jesu Geburt bringt Maria als gesetzestreue Jüdin die damals vorgeschriebenen Opfer im Tempel dar. Dort trifft sie den alten Simeon. Der hat einmal eine großartige Verheißung bekommen: Du wirst erst sterben, wenn du den versprochenen Heiland gesehen hast! — Sein ganzes Leben lang wartet er nun schon darauf.

Simeon war fromm und gottesfürchtig. Er wartete unablässig auf den Messias. Dann durfte er ihn schauen: „Denn meine Augen haben das Heil gesehen!“ Nichts geschieht, als dass ein alter Mann einen Dank ausspricht für eine Begegnung. Er ist bereit, nun in Frieden aus dieser Welt zu gehen. Simeon, ein Mensch, der zur Reife und zur Ruhe gekommen ist. Er ist an das Ziel seines langen Weges gelangt und weiß nun: Ich kann gehen! Er hat erkannt — und das ist auch die Hoffnung für uns: Wo Kinder geboren werden, da ist Hoffnung. Da wächst eine neue Generation heran, die die Welt weiter gestalten wird und die diese Hoffnung auf eine bessere Zukunft weiterträgt. Simeon konnte warten und wurde nicht enttäuscht.

Warten, bis es soweit ist. Vorgegebene Zeiten einhalten. Sich auf etwas freuen und dann nicht gleich zum nächsten Ereignis übergehen. Das scheint heute nicht mehr recht zu passen. Da kann man schon im Spätsommer Spekulatius und Lebkuchen kaufen — und bereits am 26. Dezember wünscht man einander, „frohe Weihnachten gehabt zu haben“. Die Ersten räumen den Baum dann auch schon fort. Wenn ich das nicht tue, dann gehe ich nicht mit der Zeit, sondern bleibe bewusst etwas zurück. Notfalls muss ich sogar gegen die Zeit gehen. Auf den ersten Blick ist das völlig unzeitgemäß. Aber bräuchten wir das nicht gerade heute? Sich Zeit nehmen, Dinge bewusst in ihrer Reihenfolge erleben. Wissen, wann und wo etwas hingehört und wann es eher unpassend ist.

Simeon hat sich ein ganzes langes Leben Zeit genommen mit dem Warten. Bis sich die Verheißung erfüllt, die er bekommen hat.

Was packen wir nicht alles in unsere Tage! Wie oft nehme ich mir vor, die Dinge dann zu erledigen, wenn sie dran sind — und mir eben nicht mehr aufzuladen oder aufladen zu lassen, als ich in Ruhe erledigen kann! Und dann bleibt es doch wieder bei dem guten Vorsatz.

Maria und Simeon nehmen sich Zeit. Manches braucht einfach seine Zeit. Manchmal brauche ich Zeit, weil die Dinge noch nicht reif sind. Ein alter Brauch wie der, den Weihnachtsbaum bis Lichtmess stehen zu lassen, kann mir helfen, dieses Warten zu üben. Wenn die katholischen Christen Lichtmess feiern, dann meint das: 40 Tage nach Weihnachten werden wir erinnert, dass wir bedingungslos geliebt werden von Gott. Jesus hat das in seinem menschlichen Leben zeigen wollen. 40 Tage haben wir Zeit, um in uns diese Liebeserklärung wirken zu lassen. Krippen und Christbäume bleiben deshalb auch heute noch an manchen Orten bis zum 2. Februar stehen. Doch warten können heißt für mich nicht, dass sich alles wunschgemäß erfüllt. Und manchmal erkenne ich erst im Nachhinein, warum es gut ist, dass etwas eingetroffen ist oder nicht. Warten können heißt für mich auch nicht, dass alles in meinem Sinne gut ausgeht. Aber ich hoffe, dass alles bei Gott einen letzten Sinn hat und sich nicht im Nichts verliert. Und dass Gott mir gut will. — So versuche ich, auszuhalten, offen zu bleiben für neue Erfahrungen, mich überraschen zu lassen und mir dabei möglichst treu zu bleiben.

In diesem Sinne — und in Verbundenheit, Ihre Redaktion LEBENSSPUREN