Anzeige
Anzeige: Ich würde Jesus meinen Hamster zeigen

Heft 10/2021Oktober

Inhalt
1. Auflage 2021
Bestellnummer: Z350035

Manchmal habe ich so das Gefühl, als ob das Erntedankfest inzwischen ein wenig aus der Zeit gefallen ist. Eine schöne Folklore, die mit der Wirklichkeit, zumindest hier bei uns, leider nicht mehr ganz Schritt halten kann. Denn die Zeit, als die Ernte darüber entschied, ob den Menschen nun ein halbwegs entspanntes Jahr bevorstand oder eine schlimme Zeit mit Hunger und Not, die sind hier in Europa – Gott sei Dank – schon lange vorbei.

Der Dank für eine gute Ernte, das hieß jahrhundertelang auch: Danke sagen für ein halbwegs sorgenfreies Jahr. Darum ist das Erntedankfest auch kein ursprünglich christliches Fest. Es stammt aus einer Zeit, als es das Christentum noch gar nicht gab. In fast allen Kulturen und Religionen hat man die Ernte gefeiert. Oft verbunden mit einem Dank an die Götter oder den einen Gott. Eine reichhaltige Ernte – für die Menschen damals war das schlicht und einfach überlebenswichtig. Doch heute? Gut möglich, dass es dieses Jahr weniger Kartoffeln oder Weizen gibt. Im nächsten Jahr vielleicht dann wieder weniger Obst. Von Mangel oder gar Not allerdings kann keine Rede sein. Im Gegenteil. Rund 10 Millionen Tonnen Lebensmittel landen bei uns jedes Jahr sinnlos im Müll. Wollte man das auf unseren Feldern anbauen, bräuchte man dafür eine Fläche so groß wie z. B. das Saarland und Mecklenburg-Vorpommern zusammen. Dank also für eine Ernte, die dann nachher im Abfall landet? Auch das wirkt merkwürdig. Und merkwürdig ist auch, dass wir Menschen uns immer erst Gedanken machen, wenn wir irgendetwas nicht haben oder nicht mehr haben.

Erst wenn ich krank bin, merke ich, dass Gesundheit nicht selbstverständlich ist. Erst wenn einmal kein Wasser aus dem Wasserhahn kommt, merke ich, dass das, was wertvoll und notwendig ist, keine Selbstverständlichkeiten sind. Wenn also Christenmenschen das Erntedankfest feiern, hat das auch mit Denken zu tun – hoffentlich! Denken und nachdenken und auch an den denken, dem wir alles verdanken: Gott – dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Und dieses Nachdenken kann uns zu einer neuen Dankbarkeit führen. Dankbarkeit tut gut: Mir selber und anderen, wenn ich achtsam, großzügig und freigebig nicht für mich behalte, was mir geschenkt ist. Die Welt könnte, gerade in diesen Zeiten, ein bisschen anders aussehen.

Hanns Dieter Hüsch hat ein Gedicht vom Danken geschrieben. Darin erinnert er, wie Denken und Danken zusammenhängen:

Ich hab die Faser nicht gesponnen,
die Stoffe nicht gewebt,
die ich am Leibe trage,
ich habe nicht die Schuhe,
die Schritte nur gemacht.
Ich habe nicht gelernt, zu schlachten,
zu pflügen und zu säen,
und bin doch nicht verhungert,
ich kann nicht Trauben keltern
und trinke doch den Wein.

Und dann schließt er:

Wer mich ansieht, sieht viele andere nicht,
die mich genährt, gelehrt, gekleidet haben,
die mich geliebt, gepflegt, gefördert haben.
Mit jedem Schritt gehen viele Schritte mit.
Mit jedem Dank gehen viel Gedanken mit.

Vielleicht können wir beim diesjährigen Erntedank neu Dinge entdecken, die so selbstverständlich gar nicht sind und die einen dankbar machen. In diesem Sinne: Auch Ihnen allen ein gesegnetes Erntedankfest und schöne goldene Oktobertage.