Was macht die Corona-Krise und Social Distancing mit der Familie?

Der renommierte Psychotherapeut Andreas Steiner beantwortet Fragen, wie sich Isolation und Social Distancing auf die Familie auswirken können.

Familien in Deutschland und weiten Teilen der ganzen Welt sehen sich im Zuge der Corona-Pandemie gleich zwei Extremsituationen gegenüber. Zum einen sind Kernfamilien – also etwa Mutter, Vater, Kind(er) – angehalten, sich auf engstem Raume zu isolieren, zum anderen müssen wir Distanz zu unseren älteren Familienmitgliedern wie den Großeltern wahren, um diese nicht zu gefährden. Über diese Extreme und was sie mit uns machen können, haben wir mit dem renommierten Psychotherapeuten Andreas Steiner gesprochen.

Wir alle sind Individuen und gleichzeitig eingebunden in Familien. Welche Rolle spielt die Familie in Zeiten von Corona?

Die Familie ist das wichtigste und einflussreichste soziale System, das wir kennen. Durch sie sind wir auf der Welt, durch sie lernen wir die Welt kennen. Sie kann viel Halt und Geborgenheit geben. Wir haben in diesen Zeiten die Möglichkeit, uns solcher Ressourcen wieder bewusster zu werden und sie als Quelle von Kraft wiederzuentdecken. Und natürlich werden wir uns angesichts einer drohenden, schwer einschätzbaren Gefahr bewusst, was ein Verlust geliebter Menschen bedeuten würde, was in unserer oft hektischen, schnelllebigen Zeit oft vergessen wird.

Um die Infektionsraten nicht in die Höhe schnelle zu lassen, sind wir dazu gezwungen, uns zu isolieren. „Social Distancing“ lautet das Schlagwort. Wie verändert die Isolation Familien?

Normalerweise sind Familien Anlaufstellen, Stützpunkte, Heimathäfen, für die ganz Kleinen der Ort permanenter Zuwendung und Geborgenheit – wenn es sich um eine funktionierende Familie handelt. Die Isolation zwingt zu einer Nähe, die ungewohnt ist und auch übergriffig, grenzüberschreitend, einengend und sogar beklemmend wirken kann. Konflikte, die sonst umgangen oder verborgen werden können, werden womöglich offenkundig und können nicht mehr verdrängt werden. Umgekehrt bewirkt der erzwungene Abstand zu Familienangehörigen Gefühle von Verlorenheit, Einsamkeit, und damit Angst und Depression.

Social Distancing führt nicht nur zu mehr Abstand, sondern auch zu mehr Enge. Wie wirkt sich das erzwungene Aufeinanderhängen auf die Familie aus?

Die erzwungene Enge verleitet zu Verhaltensweisen, die sonst nicht nötig wären – schließlich haben wir es mit massiven Einbußen von Unabhängigkeit zu tun. Menschen entwickeln dann andere Arten sich abzugrenzen: innerer Rückzug, Ablenkung, Konzentration auf anderes. Außerdem mischen sich auch Ängste hinein, denn man weiß ja, was der Grund für diese Isolation ist. Auch das verleitet zu Tendenzen, der Realität irgendwie entfliehen zu wollen. Kreative Menschen nutzen die Zeit vielleicht, um zu schreiben, zu malen oder Musik zu machen, andere vertiefen sich in Bücher, schauen Serien oder versinken in Computerspielen. Vielleicht wird auch die ein oder andere Flasche Bier mehr geleert als sonst. All das kann vermehrt zu Streit und Spannungen führen, wogegen die jüngsten Familienmitglieder die Situation vielleicht sogar als Bereicherung und größere Geborgenheit empfinden. Nicht zuletzt sind auf einmal auch Väter viel mehr präsent, wenn sie zu Hause bleiben müssen.

Familien werden aber nicht nur zusammengedrängt, sie werden auch auseinandergerissen. Alte Menschen können ihre Kinder nicht mehr treffen, Großeltern nicht ihre Enkel. Was bedeutet das für Familien?

Gelebte Liebe zwischen den Familienmitgliedern – also Besuche, Gespräche, echter physischer Kontakt, seelische Nähe – kann nicht mehr so stattfinden, wie Menschen es brauchen. Das ist ein großer Verlust, der in unserem Medienzeitalter – Telefon, Handy, Skype – wenigstens ein bisschen aufgefangen werden kann; das ist aber nur ein Ersatz. Grundsätzlich macht eine solche Situation Angst; sie nährt irrationale Befürchtungen, reaktiviert alte, archaische Ängste von Verlust, fehlender Kontrolle und Ohnmacht. Das betrifft besonders Menschen, die alleine wohnen – Einsamkeit macht krank, seelisch wie physisch. Und wenn es dann eintreffen sollte, dass alte Menschen erkranken und sogar sterben, sind die Selbstvorwürfe und die Schuldgefühle groß, dass man nicht dagewesen ist, um zu helfen oder nicht mehr Zeit miteinander verbracht zu haben.  

In Ihrem Buch schrieben Sie viel über immer wiederkehrende Familienmuster. Was meinen Sie damit?

Schon im frühesten Kindesalter geraten wir in Dynamiken, die sich oft im Lauf mehrerer Generationen entwickelt haben. Bereits ganz kleine Kinder haben eine starke Wahrnehmung insbesondere für Bedrohungen, Probleme und Bedürftigkeiten der Eltern: Alte Ängste, Tabus, Verbote, Sehnsüchte, unerledigte Probleme, unverarbeitete Trauer. Da die kindliche Sicht auf die Welt noch sehr von liebevollem Wunschdenken und dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit und glücklichem Ausgang beherrscht ist, etablieren sich so Rollen und Lebensthemen. Die sind dem späteren Erwachsenen aber nicht mehr bewusst, beeinflussen seine Wahrnehmung, sein Denken und Handeln aber stark. Daraus können sich regelrechte Familientraditionen entwickeln. Das ist besonders dramatisch, wenn dadurch Probleme wiederholt, Symptome übernommen oder unrealistische Ziele verfolgt werden. Viele problematische Muster im Leben, Störungen, Misserfolge, problematische Partnerwahl und verpasste Chancen gehen auf solche Lebensmotive zurück.

Wie können wir mit solchen Familienmustern umgehen, wenn uns die Bewegungsfreiheit fehlt?

Das ist schwierig, zumal sie unbewusst sind. Daher wirken sie in dieser besonderen Situation umso direkter und ungebremster. Es gibt Kinder und Jugendliche, denen es besser geht, wenn sie nicht in ihrer normalen Familie leben, weil die belastenden Dynamiken dann unterbrochen sind. Das ist in einer Situation wie gegenwärtig nicht mehr möglich. Je mehr Rückzugsmöglichkeiten es gibt, desto geringer fallen diese Konflikte aus. Allerdings wirken solche Muster auch weiter, wenn man gar nicht mehr zu Hause wohnt und ein eigenes Familiensystem gegründet hat. Und es gibt auch heimliche Profiteure einer belastenden Familiendynamik, die – ebenfalls unbewusst – dafür sorgen, dass sich die Muster nicht ändern, etwa eine belastete Mutter, die zu ihrem Sohn eine engere Beziehung aufbaut als zu ihrem Mann, um einen Komplizen zu haben. Das aufzulösen geht oft nur durch Einfluss von jemandem, der in dieser Dynamik nicht drinsteckt, sondern sie distanziert und objektiver beurteilen kann, z.B. ein Therapeut.

Welche Gefahr für unerkannt schlummernde Konflikte und Familienmuster bietet die jetzige Ausnahmesituation?

Reizthemen, destruktive Verhaltensmuster, inadäquate Schuldgefühle können dadurch besonders offenbar werden – es gibt ja kein Entrinnen. Insbesondere in dysfunktionalen Familien, wo es auffällige Symptome gibt – zum Beispiel: die Mutter trinkt, hat Wutanfälle, der Vater ist depressiv, verhält sich wie ein Kind, der Sohn zieht sich zurück, die Tochter spielt die Übermutter –, kann es dann so richtig „krachen“. Ich würde mich nicht wundern, wenn derzeit die Fälle von häuslicher Gewalt zunähmen. Vielleicht wird die Scheidungsrate massiv steigen, je länger die Quarantäne, desto mehr. Menschen verhalten sich sowieso zunehmend irrational, wenn Angst eine Rolle spielt. Man wird dünnhäutig, „kurzluntig“, es kommt zu übersteigerten Vorwürfen, angestaute Themen entladen sich, unerledigte Dinge kommen wieder zum Vorschein. Das kann mit der aktuellen Angst vor dem Virus zu tun haben, aber auch mit familieninternen Ängsten, die sowieso ständig herumgeistern, die aber niemand zu benennen wagt.  

Wie gehen wir mit der Bedrohung um, der unsere Eltern ausgesetzt sind?

Da können wir nicht viel machen – die Bedrohung ist ja da. Was aber viel zu viel ist, ist der Anspruch, völlige Sicherheit zu bewirken und sich dann Vorwürfe zu machen, wenn das nicht gelingt. Worauf wir uns besinnen sollten, ist eine gewisse Demut – wir können ja nichts dafür und haben gar nicht die Macht, unsere Eltern vollkommen zu beschützen. Aber es ist auch wichtig, sich von all den Katastrophenmeldungen nicht allzu sehr hypnotisieren zu lassen.

Allein die unterschiedlichen Strategien, mit der Bedrohung umzugehen, können zu heftigen Auseinandersetzungen führen und nicht nur Freundschaften, sondern auch Familien sprengen. Wir haben es mit einer Woge von Horror zu tun, die von außen in die Familien hineinschwappt und sich mit alten Ängsten verbindet. Angst verbraucht in großem Ausmaß Ressourcen. Sie kann zu krankmachenden Nocebo-Effekten führen, das Immunsystem nachhaltig schwächen und gefährliche, weil unvernünftige Verhaltensmuster induzieren. Warnen ist gut, Beruhigen aber auch!

Krisen können immer auch als Chancen verstanden werden. Welche Chancen bietet die Corona-Krise beim Verstehen und Aufarbeiten von Familienmustern?

Die Chancen bestehen darin, dass problematische Muster in einer Weise erkannt werden können, wie es sonst nicht möglich ist – weil zu viel Ablenkung und zu viele Möglichkeiten des Zudeckens und Schönredens da sind. Nur wenn solche Dinge bewusst werden, kann man an ihnen arbeiten. Vielleicht erweisen sich viele Familienmitglieder als viel kompetenter und konstruktiver, als man es ihnen zugetraut hätte. Wir alle neigen dazu, Menschen wie durch einen Filter zu betrachten: Wir beurteilen sie nicht, wie sie sind, sondern nach dem Bild, das wir von ihnen haben, und das kann falsch oder verzerrt sein. Indem man dazu gezwungen ist, miteinander auszukommen, zusammenzuarbeiten und sich gegenseitig wahrzunehmen, können unentdeckte Schätze zutage treten und falsche Bilder durch angemessenere ersetzt werden. Wir haben auch die Chance, eine natürliche Ordnung und realistischere Klarheit zu entwickeln, die auf kindliche Lebensentwürfe verzichtet und zu einem unabhängigen, erwachsenen Dasein führt.

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