Stärkenorientierte EntwicklungsdokumentationKinder wertfrei beobachten

Noch ist eine regelmäßige, stärkenorientierte Entwicklungsdokumentation im offenen Ganztag nicht selbstverständlich. Das muss sich ändern.

Kinder im offenen Ganztag wertfrei beobachten
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Jeden Tag findet im offenen Ganztag neben Betreuung vor allem Bildung und Entwicklung statt. Zum einen sammeln die Kinder beim Spielen und bei sozialen Interaktionen Erfahrungen und verarbeiten sie; natürlich bekommen sie auch Impulse vonseiten der Fachkräfte – sei es direkt oder indirekt. Auch die Raumgestaltung und die Materialien im Ganztag regen Bildungsprozesse bei den Kindern an. Die regelmäßige Lern- und Entwicklungsdokumentation sollte daher ein wichtiger Bestandteil der Qualitätssicherung im Hort und offenen Ganztag sein. Fachkräfte im offenen Ganztag können so festhalten, wie die Entwicklung der Kinder verläuft, sich besser mit den Lehrkräften und Eltern austauschen und passgenaue Angebote entwickeln. Zudem lässt sich durch die Dokumentation ablesen und erkennen, welche (Lern-)Interessen oder Bedürfnisse die Kinder haben. Auf dieser Grundlage können pädagogische Fachkräfte zielgerichtete Impulse geben, Spiele gestalten oder individuelle Lernangebote offerieren.

SCHUBLADENDENKEN VERMEIDEN

Viele Fachkräfte im offenen Ganztag sind gewohnt, eine ganzheitliche Beobachtung von Kindern zu praktizieren und zu dokumentieren. Andere stehen noch am Anfang. Aber in den wenigsten Einrichtungen gibt es dazu Vorgaben oder Richtlinien. Dass dokumentiert werden soll, darüber besteht Konsens – aber wie es gehen kann, sagt niemand. Oft wissen die Fachkräfte nicht, welche Beobachtungs- und Dokumentationsformen sinnvoll und vor allem auch alltagstauglich, also händelbar, sind. Nach wie vor nutzen etliche Fachkräfte dazu ihre Kladden – oder greifen auf Tabellen und Entwicklungsraster zurück, die grafisch veranschaulichen, in welchen Bereichen das Kind seine Stärken oder wo es Schwachpunkte hat. Diese Unterscheidung von Stärken und Schwächen bei Kindern ist bei Erzieherinnen und Erziehern beliebt. Leider ist sie aber immer auch eine von außen vorgenommene Bewertung darüber, wie Kinder handeln und was sie erleben. Hat ein Kind nicht ein Recht darauf, dass vor allem seine Kompetenzen in den Blick genommen werden? Oder vielmehr: Müssten wir nicht generell auf eine Unterscheidung zwischen „Stärken“ und „Schwächen“ im offenen Ganztag verzichten und stattdessen neutral von „Beobachtungen“ sprechen? Schließlich stellt sich oft erst im Gespräch mit dem Kind und später mit den Kollegen oder Lehrern heraus, ob es sich dabei um vorteilhafte oder nachteilige Merkmale handelt.
Seine Beobachtungen neutral zu schildern, hat noch andere Vorteile: Es ermöglicht wertfreie Gespräche. Es hilft den Fachkräften, das Wahrgenommene tatsächlich aus der Perspektive des Kindes zu betrachten, ohne mit den eigenen vorgefertigten Schemata zu beginnen. Selbst scheinbar Nebensächliches kann so an Bedeutung gewinnen. Ich glaube, in diesen Bereich gilt es, gut hinzuschauen und in den Diskurs einzutreten. Und vielleicht müssen auch an der einen oder andern Schule noch „dicke Bretter“ gebohrt werden, um eine neuen Umgang mit scheinbaren Schwächen und offensichtlichen Stärken herbeizuführen.  

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