Vigil (lat. vigilia = „Nachtwache“) bezeichnet ursprünglich das nächtliche Wachen im Gebet. Gemeint sein kann sowohl das persönliche Gebet in der Nacht als auch eine gemeinschaftliche Feier der Gemeinde. Der Begriff verweist auf eine Haltung wacher Erwartung: Christinnen und Christen bereiten sich betend auf das Kommen Gottes vor und erwarten das Heil.
Schon früh entstanden gemeindliche Vigilfeiern vor wichtigen Festen, besonders vor Ostern. Dabei versammelte sich die Gemeinde zu ausgedehnten Schriftlesungen, Psalmen und Gebeten in der Nacht. Auch Totenvigilien als Gebetswachen bei Verstorbenen waren verbreitet. Im Mittelalter wurden viele Vigilfeiern zeitlich immer weiter vorverlegt, teils bis in den Morgen des Vortages. Unter Papst Pius XII. wurde in den 1950er Jahren diese Entwicklung besonders bei der Ostervigil korrigiert und die Feier der Osternacht als nächtliche Liturgie wiederhergestellt. Heute bezeichnet „Vigilmesse“ auch die Vorabendmesse eines Hochfestes.
Im Stundengebet meint Vigil außerdem die nächtliche Gebetsstunde der klösterlichen Tradition. Mönche und Nonnen unterbrachen dafür ihren Schlaf, um Psalmen zu singen und Lesungen zu hören. Später verschmolz diese Feier weithin mit der Matutin, dem frühen Morgengebet. Nach der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils trat an ihre Stelle in der römisch-katholischen Kirche die zeitlich frei betbare Lesehore, die an Sonn- und Festtagen zu einer erweiterten Vigil gestaltet werden kann.
Manuel Uder, Trier