Tagzeitengebet

Wir Menschen schauen oft auf die Uhr. Wir brauchen Zeitangaben, um unser Tagwerk zu planen und zu gestalten. Auch der Biorhythmus des Körpers gibt uns kreative und Ruhe-Zeiten vor. „Meine Zeit steht in deinen Händen", singen wir in einem Lied und drücken damit aus, dass unser ganzes Leben Geschenk Gottes ist.

Im Tagzeiten-Gebet vertrauen Christen ihre Stunden und Tage dem Schutz Gottes an. Bereits die frühen Christen haben sich regelmäßig am Morgen und am Abend zum Gebet versammelt. Bei Sonnenaufgang empfingen sie den neuen Tag und feierten die Auferstehung des Herrn. Bei Sonnenuntergang verabschiedeten sie den Tag und gedachten des Todes des Herrn. Die Asketen und Mönche haben dann aus den besonderen Bedürfnissen des Klosterlebens das Stundengebet entwickelt, das v.a. vom Psalmen-Gebet geprägt ist. Bis heute werden in vielen Klöstern und Kathedralkirchen die Gottesdienste des Stundengebets, die so genannten „Horen" (lat. Stunden), gefeiert.

Am bekanntesten sind die drei Horen „Laudes" (lat. Lob-Lieder), „Vesper" (lat. Abend) und „Komplet" (lat. Fülle, Ende [des Tages]). Auch die Priester haben sich zum Stundengebet verpflichtet, das sie in Form des so genannten „Breviers" (lat. Kurzfassung) meist allein für sich vollziehen. Viele laden aber auch ihre Gemeinde zum gemeinsamen Tagzeitengebet in die Pfarrkirche ein.

Auch das Gebet des „Angelus" (Engel des Herrn) ist ein Gebet zur Strukturierung des Tages. Es ist v.a. im bäuerlichen Umfeld weit verbreitet (gewesen): Dreimal am Tag unterbricht Glockengeläut die Arbeit und ruft zum Innehalten und Beten.

Redaktion

Im Wikipedia-Artikel „Mittagsläuten“ habe ich gelesen, dass die Einführung dieses Brauches auf ein Dekret Papst Calixtus‘ III. von 1456 zurückgeht. Das Läuten sollte alle Christen dazu aufrufen, für den Sieg der Ungarn über die Türken zu beten. Liegt es nicht nahe, diesen Brauch heute als Aufruf der Christen gegen die Verunglimpfung der Kirche und die weltweite Christenverfolgung zu interpretieren? G. S.

Der angesprochene Wikipedia-Beitrag ist sehr einseitig. Denn das Mittagsläuten geht ursprünglich nicht auf eine päpstliche Anordnung gegen die Türkengefahr zurück, sondern ist im Laufe des Mittelalters aus dem klösterlichen Kontext erwachsen: Höchstwahrscheinlich geht das Glockenzeichen am Morgen, Mittag und Abend auf den Ruf zum kirchlichen Stundengebet zurück (Laudes, Sext und Vesper). Das päpstliche Rundschreiben Calixtus‘ III. verfestigte also nur das ohnehin schon verbreitete Angelusläuten und vereinnahmte es als Gebet gegen die Türkengefahr. Wenn man das Läuten heute weiterhin in einem solchen Sinne versteht, verfehlt dies also den ursprünglichen Sinn. Und wem wäre auch damit gedient?

Der Liturgiewissenschaftler Rupert Berger schreibt in seinem "Pastoralliturgischen Handlexikon": „Eine echte Wiederbelebung des Gebetsläutens müsste es wieder als volkstümliche Teilnahme am Stundengebet verdeutlichen.“ Das Angelusläuten kann eine Chance sein, den Alltag zu unterbrechen und sich bewusst zu machen, dass all unser Tun letztlich auf Gott ausgerichtet ist und durch ihn ermöglicht wird.

Manuel Uder

Wir wollen in unserer Gemeinde die Tagzeitenliturgie feiern und mit einer regelmäßigen Vesper beginnen. Welche Vorgaben, ergänzend zu der „Allgemeinen Einführung in das Stundengebet“, gibt es hierfür? Muss ein Priester oder Diakon mitwirken? H. S.

Wir können in einer Gemeinschaft aus Laien ohne geweihten Amtsträger Tagzeitenliturgien feiern. Mehr noch: Wir können sie sogar ökumenisch feiern, weil diese Gottesdiensttradition zu den Wurzeln aller Konfessionen gehört und uns darin nichts trennt. Schauen Sie mal auf der Homepage des Vereins „Ökumenisches Stundengebet“ vorbei (www.oekumenisches-stundengebet.de). Alle Dienste (Lektor/in, Kantor/in [oder Schola] und Leiter/in) können von Laien übernommen werden. Den Abschluss der Vesper finden Sie in GL 632,3 + 4. Ganz allgemein gilt: Laien segnen in der sprachlichen „uns“-Form und machen über sich selbst das Kreuzzeichen.
Sehr hilfreich - auch mit einführenden Texten - ist das „Gotteslob“: GL 613-667, dazu der Psalmen-Teil (GL 30-80) sowie die Morgen- (GL 81-86), Abend- (GL 89-102) und Lobpreis-Lieder (GL 379 ff.) und Psalmen-Lieder (eine numerische Liste findet sich hinten im GL). Auch Gebete und Wechselgebete aus dem Andachtsteil können übernommen werden (GL 672-680). Außerdem empfehlenswert ist das Buch „Versammelt in Seinem Namen. Werkbuch für Gottesdienste an Wochentagen“.

Iris Maria Blecker-Guczki, Trier