Psalm

Lat. psalmus (= Lied, Gesang; urspr. griech.: das Zupfen auf einem Saiteninstrument). Das alttestamentliche Buch der Psalmen (Psalter) bildet eine Sammlung von 150 Liedern. Ihnen gemeinsam ist die Hinwendung des Dichters zu Gott. Ihm bringt er sein Vertrauen entgegen (z.B. Ps 23) und lobt ihn für seine Schöpfung (z.B. Ps 104) und sein Handeln in der Geschichte Israels (z.B. Ps 136). In anderen Psalmen klagt der Beter (z.B. Ps 22) und bittet Gott um Zuwendung (z.B. Ps 130).

Jesus und seine Jünger haben als Juden mit den Psalmen gebetet. Daher werden sie im Neuen Testament zitiert und als bekannt vorausgesetzt, etwa Ps 22,1 in Mk 15, 34: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen." Entsprechend selbstverständlich übernahmen die Christen die Psalmen in ihren Gottesdiensten. Sie sind wesentlicher Bestandteil des Stundengebetes. Im römischen Stundenbuch werden die Psalmen in einem vierwöchentlichen Rhythmus wiederholt (Vierwochenpsalter), in einigen Klöstern sogar wöchentlich. Das morgendliche Invitatorium, von lat. invitare (= einladen), vor den Laudes beginnt täglich mit Psalm 95. In der Eucharistiefeier wird nach der 1. Lesung ein Antwortpsalm gesungen.

Während im Stundengebet die Psalmverse im Wechsel zwischen einem Kantor und der Gemeinde oder zwischen zwei Gemeindehälften gesungen werden, ist es üblich, den Antwortpsalm in der Eucharistiefeier responsorial zu singen. Ein Kantor oder eine Schola singen den Psalm vor und die Gemeinde antwortet mit Kehrversen, lat. respondere (= antworten). Jeder Psalm in der Liturgie schließt mit der Doxologie (griech., bedeutet Lobruf) "Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie im Anfang so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen." Die Psalmen des Stundengebetes haben eine Antiphon (griech. = Gegenchor), einen Rahmenvers, der ein zentrales Anliegen des Psalms aufgreift.

Einige Psalmen werden zu bestimmten liturgischen Anlässen und Zeiten verwendet, z.B. Ps 51 und Ps 131 als Bußpsalmen, Ps 118 zu Ostern, Ps 96 zu Weihnachten, Ps 104 zu Pfingsten, Ps 63 und Ps 150 als Laudespsalmen an Sonn- und Festtagen.

Warum steht im „Gotteslob“ nach jedem Psalm das „Ehre sei dem Vater“, obwohl es in der Messe oft weggelassen wird? K. R.

Das Christentum verstand die Psalmen lange Zeit einseitig als Gebete Christi, die er selbst oft gebetet hat (vgl. z.B. Mt 27,46 mit Ps 22,2), und sah durch Tod und Auferstehung Christi in ihnen „einen messianischen Sinn“, weswegen das ganze Psalmenbuch aus der jüdischen Bibel übernommen wurde (vgl. Allgemeine Einführung in das Stundengebet, Nr. 109; GL 30).
Entsprechend wurden sie „verchristlicht“, was besonders an der Kleinen Doxologie, dem „Ehre sei dem Vater“, am Ende der Psalmen erkennbar ist, die erstmals im 5. Jh. belegt ist und die bereits Benedikt von Nursia im 6. Jh. als selbstverständlich festschreibt (vgl. Regula Benedicti, Kap. 9,2.6 und weitere Stellen). Sie „verleiht dem alttestamentlichen Gebet den Charakter des Lobes, zugleich auch christologischen und trinitarischen Sinn“ (AES 123). Obwohl das Zweite Vatikanische Konzil das Psalmengebet zunächst als „die Stimme der Braut, die zum Bräutigam spricht“ (SC 84), versteht, wurde die Doxologie am Ende der Psalmen beibehalten.
Dass sie dennoch in der Praxis entfällt, dürfte aus Respekt gegenüber dem Judentum geschehen und soll wohl deren Älterenrechte an den Psalmen einräumen sowie die nachträgliche christliche Vereinnahmung rückgängig machen.

Christoph Neuert