Es gibt Situationen und Orte, an denen der Antwortpsalm eine feste Größe des Wortgottesdienstes ist oder werden könnte, aber eine solistisch gesungene Ausführung nicht möglich ist oder kein/e Kirchenmusiker/in zur Verfügung steht. Dennoch kann der Antwortpsalm spirituell gewinnbringend und poetisch gestaltet werden; dazu sollen hier Möglichkeiten aufgezeigt werden.
In jedem Fall ist es besser, den Antwortpsalm zu sprechen als ihn wegzulassen! Und: Er ist konkrete Verkündigung, daher gehört sein Vortrag an den Ambo. Wenn der Psalm nicht gesungen werden kann, wird er von einem/r Lektor/in gesprochen. Da er sich von den anderen Schriftlesungen darin unterscheidet, neben der Verkündigung auch Gebet und Meditation zu ermöglichen, sollte das nicht dieselbe Person sein, die auch die Erste und/oder Zweite Lesung vorträgt. Und weil Verkündigung aufmerksames Hören voraussetzt, sollte er auch nicht wie im Stundengebet im Wechsel oder als Psalmlied zur Gänze von der Gemeinde gesungen werden: Der Teil des Antwortpsalms, der der Gemeinde zukommt, ist der Kehrvers. Das ist auch der Fall im gesprochenen Vollzug, um den es hier gehen soll. Wenn der Kehrvers im Lektionar zu lang und zu schwer zu memorieren ist, kann ein Kehrvers aus dem „Gotteslob“ angegeben werden – auch wenn er lediglich gesprochen wird. Hilfreich für die Auswahl des passenden Kehrverses ist die Beilage in den Lektionar-Bänden: „Kehrverse für den Gesang des Antwortpsalms“. Zu beachten ist ferner, dass der Sprachfluss des Antwortpsalms beim Asteriscus-Symbol (*) nicht durch eine Sprechpause unterbrochen wird.
Aber selbst wenn der Psalmtext als solcher gesprochen wird, sind viele Lektor/innen in der Lage, einen einfachen Kehrvers aus dem „Gotteslob“ vorzusingen. Um die Hemmschwelle niedrig zu halten, sollte man sich anfangs auf eine kleine Auswahl von Kehrversen beschränken, angelehnt an die „Commune-Texte für den Gesang des Antwortpsalms – Kehrverse“ im Anhang der Lektionar-Bände, z. B.:
- Advent: GL 229/KG 48 (Herr, erhebe dich[, hilf uns und mach uns frei])
- Weihnachtszeit: GL 635,3 (Heute ist uns der Heiland geboren[, Christus, der Herr])/ KG 363 (Alle Enden der Erde schauen Gottes Heil)
- Fastenzeit: GL 38,1/KG 320 (Der Herr ist mein Licht und mein Heil)
- Osterzeit: GL 174–176,2/KG 88–93 (Halleluja) oder GL 401/KG 85,7 (Lobet den Herrn[, preist seine Huld und Treue])
- Pfingsten: GL 312,2/KG 489 (Sende aus deinen Geist[, und das Antlitz der Erde wird neu])
- Jahreskreis (mit einem Lobpsalm): GL 58,1 (Lobe den Herrn, meine Seele)/KG 625 (Meine Seele, preise den Herrn)
- Jahreskreis (mit einem Bittpsalm): GL 518/KG 400 (Beim Herrn ist Barmherzigkeit [und reiche Erlösung])
- Allgemein: GL 312,7/KG 629 (Herr, du hast Worte ewigen Lebens)
Diese Kehrverse kann eine Gemeinde auch ohne Gesangbuch und selbst ohne Orgel problemlos nachsingen. Außerdem lassen sie sich leicht kürzen, wenn man den Teil weglässt, der in eckigen Klammern steht. Zu erwägen ist auch das Singen des Kehrverses auf einen einzigen Ton, ähnlich den gesungenen Kantillationen in der Messe. Die Orgel kann dabei unterstützen.
1. Wenn kein/e Kantor/in vorhanden ist, aber ein/e Organist/in (Orgel/Organist/in steht im Folgenden auch für alternative Instrumente wie Klavier, Keyboard, Gitarre, Lyra/Harfe, oder auch Flöte, Klarinette, …):
- Kehrvers wird von der Orgel intoniert und ohne Vorsingen sofort von der Gemeinde gesungen und zwischen den Psalmversen wiederholt.
- Kehrvers wird vor- und nachgesprochen. Anschließend „untermalt“ die Orgel mit einer sehr leisen Registrierung den gesprochenen Vortrag des Psalms – in freier Improvisation oder durch passende melodische Motive, z. B.:
- Melodie des Psalmtons aus dem „Gotteslob“, entsprechend dem Ton des vorher gesprochenen Kehrverses. (Orgelbegleitung dazu z. B. im Orgelbuch zum Gotteslob, im Orgelbuch light zum Gotteslob oder im Gitarrenbuch zum Gotteslob.) Oder Spielen der ausnotierten Begleitung im Freiburger Kantorenbuch.
- Melodie des gesprochenen „Gotteslob“-Kehrverses.
- Melodie eines Liedes, das man mit dem Psalmtext assoziiert, z. B. zu Psalm 91 „Wer unterm Schutz des Höchsten steht“ (GL 423/KG 542) oder zu Psalm 100 „Nun jauchzt dem Herren, alle Welt“ (GL 144/ KG 40). Eine Hilfe zum Finden dieser Lieder ist das „Verzeichnis biblischer Gesänge – Psalmlieder“ im hinteren Registerteil des „Gotteslob“.
- Oder ganz einfach Anhalten des Schlussakkords der Kehrversbegleitung mit leiser Registrierung.
- Kurze improvisierte Zwischenspiele in der zeitlichen Länge eines Kehrverses zwischen den gesprochenen Psalmversen.
- Zu Beginn und/oder am Ende des Psalms: Gemeinsames Singen einer zum Psalm passenden kurzen Liedstrophe oder eines Taizé-Gesangs.
- Vortrag eines kürzeren Orgelstückes vor oder nach dem Psalmvortrag:
- Choralbearbeitung zu einem passenden Psalmlied, z. B. in Choralvorspiele für Orgel zum Gotteslob, Bd. 1–4, Ökumenisches Orgelbuch, Bd. 1+2.
- Improvisation über die gregorianische Graduale- oder Introitus-Antiphon des Tages.
2. Wenn kein/e Kantor/in vorhanden ist, aber eine Schola oder ein mehrstimmig singender Chor:
- Eine einzelne Person aus der Schola singt den Kehrvers vor, Gemeinde und Schola wiederholen ihn; der Psalmtext wird gesprochen vorgetragen.
- Schola singt den Kehrvers vor, Gemeinde wiederholt ihn.
- Schola singt den Psalm einstimmig nach den zwei- oder vierzeiligen Psalmtonmodellen des „Gotteslob“, nach der Lektionar-Beilage „Psalmtöne“ oder aus verschiedenen Kantorenbüchern mit leicht singbaren Vertonungen (z. B. Münchener Kantorale, Psalmenbuch) oder einstimmig ein Psalmlied aus dem „Gotteslob“ oder anderen Liederbüchern.
- Mehrstimmig singender Chor singt den Psalm nach mehrstimmigen Psalliermodellen. Antwortpsalmen mit eingerichteten Psalmen der drei Lesejahre bietet: Gurker Psalter – Antwortpsalmen für vierstimmigen Chor. Oder Vortrag eines mehrstimmigen Psalmliedes, wobei auf gute Textverständlichkeit zu achten ist. Auch eine deutsche oder fremdsprachige Chormotette kann, selbst wenn der Text nicht unmittelbar zu verstehen ist, ab und an eine Bereicherung sein. Letzteres bietet der Gemeinde Raum zur Meditation über den vorher gehörten Schrifttext.
3. Wenn weder ein gesungener Psalmvortrag noch Instrumentalbegleitung möglich sind:
Die einfachste Lösung ist das Sprechen von Kehrvers und Psalm. Auch in diesem Fall kann man wie oben beschrieben einen Kehrvers aus dem „Gotteslob“ als Textvorlage für die Gemeinde angeben. Die kreative Herausforderung beim rein gesprochenen Vollzug liegt darin, den Text im Voraus auf seine literarischen und dramaturgischen Qualitäten „abzuklopfen“ – im Falle des gesungenen oder instrumentalbegleiteten Antwortpsalms reicht ja häufig allein das musikalische Gewand als Interpretation.
Einige wenige Beispiele aus der Fülle an Möglichkeiten:
- Verteilte Rollen (Schrägstrich = Sprecherwechsel):
- Ps 24,7–10: Frage/Antwort; Ps 30,4/5/12a; Ps 89,3/4; Ps 91,13/14; Ps 95,7d/8; Ps 130,4/5.
- Ps 19,8 ff.: „Die Weisung des Herrn ist vollkommen, / sie erquickt den Menschen. / Das Zeugnis des Herrn ist verlässlich, / den Unwissenden macht es weise.“ usw.
- Rhetorische Pausen (Steigerung der Aufmerksamkeit):
- Ps 40,10: „… meine Lippen verschließe ich nicht;“ – Pause – „Herr, du weißt es.“
- Ps 32,5: „Meine Frevel will ich dem Herrn bekennen.“ – Pause – „Und du hast die Schuld meiner Sünde vergeben.“
- Crescendo/Decrescendo:
- Ps 93,3–4: leise: „Fluten erhoben, Herr,“ – lauter: „Fluten erhoben ihr Tosen,“ – lauter: „Fluten erheben ihr Brausen.“ – am lautesten: „Mehr als das Tosen vieler Wasser, gewaltiger als die Brandung …“
- Ps 22,18–20: laut: „Ich kann all meine Knochen … starren mich an.“ – am lautesten: „Sie verteilen … das Los um mein Gewand.“ – leise (resigniert?): „Du aber, Herr, … eile mir zu Hilfe!“
- Stimmhafte Konsonanten, Alliteration:
- Ps 8: „gewaltig“; Ps 22: „Rotte“, „gaffen“, „starren“; Ps 104: „Gewimmel“; Ex 15: „zerschmettert“.
- Ps 71: „meiner Mutter“; Ps 90: „Dann gewinnen wir ein weises Herz“.
- Heben/Senken der Stimme (Tonhöhe):
- Ps 30,6ab: heben: „Denn sein Zorn dauert nur einen Augenblick,“ – senken: „doch seine Güte ein Leben lang“ (auch Vers 6cd).
- Ps 107,26: heben: „Sie stiegen empor zum Himmel,“ – senken: „in die Urtiefen sanken sie hinab“ (auch Vers 28/29).
Unter Umständen sollte man bei der vorbereitenden „Analyse“ des Psalms die Abschnitte bzw. die Stellen für den Kehrvers anders einteilen als im Lektionar, um Sinnzusammenhänge zu wahren.
Die angeführten Beispiele und „rhetorischen Kniffe“ (die übrigens auch für das Singen gelten!) können beliebig fortgesetzt werden – haben Sie Mut zur Gestaltung!