Gottesdienst gestalten

Das Wort „Gestaltung" kann zweierlei bedeuten: Es kann meinen, einer Sache eine Gestalt geben oder ihr ihre Gestalt geben. Ersteres ist ein höchst schöpferischer Prozess. Vorhanden ist lediglich eine Idee. Aus einer amorphen Masse wird dann etwas gebildet, das der Idee Gestalt gibt: eine Statue aus Stein, ein Bild aus Farben, ein Musikstück aus Klängen.

Diese Art Gestaltung ist in Bezug auf die sakramentale Liturgie allerdings nicht gemeint, denn hier gibt es bereits eine klare Gestaltungsvorgabe: den Stiftungsauftrag unseres Herrn Jesus Christus. Es gibt Brot und Wein, verbunden mit einem großen Lob- und Dankgebet. Es gibt das Wasser der Taufe, verbunden mit dem Wort des Taufauftrags Jesu. Diese Zeichen- und Worthandlungen sind bewahrt und über Jahrhunderte hinweg weitergegeben worden - wie eine Kathedrale, an der Generationen weitergebaut haben entsprechend ihrem Verständnis, immer aber getreu ihrer Grundgestalt: Ort der Versammlung zur Gottbegegnung. Nur eine Ge­staltung, die einem „Gegenstand" seine Gestalt gibt, wird der Liturgie gerecht.

Dennoch: Liturgie ist nichts Statisches. Wie ein Musikstück braucht sie handelnde Personen, um Wirklichkeit zu werden. Genau das ist Gottesdienst-„Gestaltung": durch konkrete Handlungen, Gesten, Bewegungen, Farben, Gesänge, durch Sprache, Tonfall usw. einer liturgischen Feier die ihr und den Mitfeiernden angemessene Gestalt geben. Die Leitfrage dabei muss immer lauten: Wie kann das, worum es ursprünglich geht, am besten Gestalt gewinnen? Und zwar so, dass es die Feiernden verstehen und mit vollziehen können? Auch das ist ein sehr kreatives Geschehen.

Redaktion

Ist es erlaubt, an Halloween (31.Oktober) einen Vorabendgottesdienst zu Allerheiligen mit Geistern, Kürbissen und Magie zu gestalten? Gibt es dazu Stellungnahmen? Als ich davon hörte, war ich sehr erschrocken. M. L.

Der Begriff „Halloween-Gottesdienst" begegnet uns in Ihrem Schreiben zum ersten Mal. Da stellt sich wirklich die Frage, was das sein soll. Die Ursprünge von Halloween haben mit vorchristlichem Totenkult zu tun: Es ging um das Abwehren vermeintlich böser Geister. Diese alten Rituale aber bieten keinerlei Anhaltspunkte für einen christlichen Gottesdienst. Das ist so eindeutig, dass es keine offiziellen Stellungnahmen zu diesem Thema gibt.

Die meisten Beteiligten dürften allerdings um diesen Ursprung kaum wissen, sondern sehen das Ganze einfach als lustigen Grusel-Klamauk, ähnlich wie Karneval. Aber was hat das mit christlichem Gottesdienst zu tun, in dem es letztendlich immer um das Heilsgeschehen geht, das in der Menschwerdung Jesu, seiner Lebenshingabe, seiner Auferstehung und Verherrlichung gipfelt? In jedem Gottesdienst feiern wir mit unterschiedlichen Akzenten die Leben spendende Zuwendung Gottes zu uns Menschen und antworten ihm mit Lobpreis, Dank und Bitte, ggf. auch einmal mit Klage.

Es ist jedoch in keiner Weise zu erkennen, wie diese grundsätzliche Funktion gottesdienstlicher Feiern und auch ihre besondere, nicht alltägliche Würde mit Horrormasken, Geistern, Kürbissen und Magie in Einklang zu bringen ist.

Redaktion

Darf ein Kommunionkind in einer normalen Pfarrmesse eine Lesung vortragen, wenn es zuvor mit dem Vater, der Lektor ist, geübt hat? Die Familie wurde vom Gottesdienstleiter abgewiesen, nach seiner Meinung dürfen Kinder dies nur in Familiengottesdiensten tun. Der Vater wollte mit dem Lesen der Tochter den Gottesdienst etwas interessanter gestalten und wollte die Tochter auch begleiten. U. M.

Der Lektorendienst setzt grundsätzlich voraus, dass die betreffende Person den Inhalt des Textes verstehen und so vortragen kann, dass er von den anderen Mitfeiernden erfasst werden kann. Zugleich ist der Lektorendienst ein Glaubenszeugnis: Aufgrund von Taufe (und Firmung) verkünden Christen ihren Schwestern und Brüdern Gottes Wort. Nun ist das Kommunionkind erst auf dem Weg, ganz in die Glaubensgemeinschaft eingegliedert zu werden. Seiner Situation entspricht darum vor allem das Hören des Wortes Gottes, aber weniger das Belehren. In anderen Bereichen des Lebens wird man kaum auf die Idee kommen, einem Kind den Vortrag eines wichtigen Textes vor einer Versammlung Erwachsener zu übertragen.

Die Beauftragung mit dem Lektorendienst ist Sache des zuständigen Pfarrers bzw. des Zelebranten.

Das persönliche Anliegen, dem Kind den Gottesdienst „interessanter zu gestalten", ist hoch zu schätzen; ihm aber gleich einen solchen für die Gemeinde wichtigen Dienst zu übertragen, wird aber in der Regel das Kind - und vielleicht auch die Gemeinde - überfordern.

Eduard Nagel

Unter dem Eindruck wachsender Spannungen zwischen dem Islam und der westlichen Welt suchen christliche Gemeinden bewusst den Kontakt mit muslimischen Mitbürgern - bis hin zu gemeinsamen Gottesdiensten. Was ist da möglich und wo liegen Grenzen?

Solche Initiativen sind grundsätzlich eine gute Möglichkeit, einander besser kennen zu lernen und Ängste vor einander abzubauen. Die lebendige Erfahrung, dass Juden und Muslime ebenso wie die Christen den Gott Abrahams verehren, kann Vertrauen schaffen. Kaum etwas anderes kann das gegenseitige Verständnis so fördern, wie wenn man einander in dem so persönlichen Bereich des Glaubens erlebt. Haltungen, Gesten, Melodien, Texte erschließen sich zum Teil von selbst, zum Teil lösen sie Fragen aus, wecken Interesse und führen so zu Gesprächen über die Überzeugungen und Einstellungen.

Aber gerade weil es um das Kennenlernen und die Begegnung geht, ist darauf zu achten, dass die Unterschiede der verschiedenen Religionen deutlich bleiben. Das bedeutet: Es darf keine Mischformen geben, die nach mehr Übereinstimmung aussehen, als in Wirklichkeit gegeben ist. Denn selbst der gleiche Wortlaut hat in verschiedenen Religionen oft unterschiedliche Bedeutungen. Konkret: Es gibt - wie es der Papst 1986 in Assisi mit anderen Religionsführern vorgemacht hat - ein Beten im gleichen Anliegen am gleichen Ort oder auch in Anwesenheit der anderen, aber nicht das gemeinsame Gebet.

Redaktion

Nach meiner Ansicht ist ein ökumenischer Gottesdienst ein Wortgottesdienst nach katholischer oder evangelischer Liturgie, unter der Teilnahme des jeweils anderen Geistlichen. Gibt es eine (anerkannte) gemeinsame Liturgie für Ökumenische Gottesdienste oder ergibt sich eine Liturgie aus dem Konsens beider Pfarrer? K. G.

Vor einer Antwort auf die gestellte Frage ist ein Hinweis wichtig: Leicht wird übersehen, dass die Ökumene nicht nur evangelische und katholische Christen umfasst, sondern viel mehr Kirchen und kirchliche Gemeinschaften, die je nach örtlichen Verhältnissen zu berücksichtigen sind.

Aus Erfahrungen gelernt - der Taufgedächtnisgottesdienst

Eine fest vorgeschriebene Struktur für ökumenische Gottesdienste gibt es nicht.

Als ökumenische Gottesdienste aufkamen, wurde zunächst vor allem eine Mischform zwischen evangelischem Predigtgottesdienst und dem Wortgottesdienst der katholischen Eucharistiefeier gewählt, wobei die Aufgaben meist nach dem Proporzprinzip verteilt wurden. Das führte mitunter zur Wiederholung von Elementen, z. B. zwei Predigten.

Nicht nur aus Unbehagen über diese Form, in der sich niemand so recht zuhause fühlte, wurde vor allem für Katholikentage und evangelischen Kirchentage als neue Form ein Taufgedächtnisgottesdienst entwickelt. Dahinter stand der Gedanke: Die Taufe ist unser gemeinsames Fundament. Im Taufgedächtnisgottesdienst vergewissern wir uns dieser gemeinsamen Basis.

Im Taufgedächtnisgottesdienst spielt immer das Zeichen des Wassers eine Rolle; in der Regel wird ein Lobpreis über dem Wasser gesprochen und bezeichnen sich die Mitfeiernden selbst oder gegenseitig mit dem Kreuzzeichen mit Wasser (freiwillig!).

Andere Traditionen entdecken

Wo häufiger ökumenische Gottesdienste gefeiert werden, wird darin mehr und mehr eine Chance entdeckt, die Tradition der jeweils anderen näher kennen und besser verstehen zu lernen. Das bedeutet: Eine Konfession feiert einen nicht-eucharistischen Gottesdienst ihrer eigenen Tradition und lädt dazu die anderen ein. Dabei ist darauf zu achten, dass niemand durch Drängen zu einem ungewohnten Vollzug unter Druck gesetzt oder gar verletzt wird. Das betrifft z. B. die Auswahl der Gesänge aber auch Gesten wie das Kreuzzeichen oder den Umgang mit Weihwasser usw.

Besonders gut eignen sich die Formen der Tagzeitenliturgie oder eine Vigilfeier zu einem zu besonderen Anlass. Das kann so weit gehen, dass zum regelmäßigen Morgen- oder Abendlob einer Gemeinde die Gläubigen anderer Konfessionen ausdrücklich eingeladen werden.

Eine Einführung und eine Anzahl von Modellen bietet das Buch:
Ökumenische Gottesdienste. Anlässe, Modelle und Hinweise für die Praxis. Hrsg. vom Deutschen Liturgischen Institut, Trier, und vom Gottesdienst-Institut der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern, Nürnberg. Verlag Herder - Gütersloher Verlagshaus, Freiburg - Gütersloh. ISBN 3-451-28213-5 oder 3-579-03298-4.

Redaktion

In unserer Pfarrkirche wird am Palmsonntag anstelle des Evangeliums ein Kinder-Passionslied gesungen und von Kindern szenisch umgesetzt. Viele Gottesdienstbesucher scheinen von diesem Stück beeindruckt zu sein. Der Pfarrer plädiert für diese Variante der Evangeliumsverkündigung, weil dadurch die Botschaft des Evangeliums eindringlich vermittelt werde. - Kann das als „Lesung des Evangeliums" gelten?

Die Schriftverkündigung im Gottesdienst hat den Charakter einer „Proklamation". Der Schrifttext ist ein Dokument, das öffentlich bekannt gemacht wird. Bei einem Dokument kommt es immer darauf an, dass es nicht verändert wird. Der Inhalt kann dann zusätzlich auf ganz unterschiedliche Weisen weiter vermittelt und vertieft werden, damit sich all ihn aneignen. Es kann ein Kommentar folgen (die Homilie), eine spielerische Darstellung (die Palmprozession), ein Gesang, usw.

Bei der Anwendung des Direktoriums für Kindermessen auf die Gemeindemesse am Palmsonntag wird in der Regel von dem auszugehen sein, was dort im Kapitel über Messfeiern für Erwachsene mit Teilnahme von Kindern steht. Zu bedenken ist zudem: Der Palmsonntagsgottesdienst hat aufgrund seiner Bedeutung im liturgischen Jahr ein unverwechselbares Gesicht. Kinder sollen (und wollen) in die Welt der „Großen" hineinwachsen; darum ist es wenig sinnvoll, das „Große" auf ein kindliches Format zu verkleinern. Damit ist letztlich weder ihnen noch den Erwachsenen geholfen.

Eduard Nagel