Mit dem Motiv der Gottesfurcht wird das Bildungsprogramm des Buches der Sprichwörter in einen religiösen Rahmen gespannt. Dass die Gottesfurcht Anfang der Erkenntnis ist, wird in leichten Variationen insgesamt viermal gesagt: im ersten Teil des Buches zweimal und dann noch einmal in der Mitte; das Buch schließt mit dem Lob der tüchtigen und überaus erfolgreichen Frau, "die den HERRN fürchtet":
1,7 Die Furcht des HERRN ist Anfang der Erkenntnis,
Weisheit und Bildung verachten die Toren.
9,10 Beginn der Weisheit ist die Furcht des HERRN,
und die Kenntnis des Heiligen ist Einsicht.
15,33 Die Furcht des HERRN ist Erziehung zur Weisheit,
und vor der Ehre kommt die Demut.
31,30 Trügerisch ist Anmut, vergänglich die Schönheit,
eine Frau, die den HERRN fürchtet, sie ist zu loben!
Wir hatten bereits darauf hingewiesen, dass es im Buch der Sprichwörter nicht in erster Linie um religiöse Wahrheiten geht. Die Geschichte Gottes mit seinem Volk, wie sie vor allem in den Büchern der Tora erzählt, bezeugt und reflektiert wird, spielt im Buch der Sprichwörter so gut wie keine Rolle. Von der Berufung Abrahams, der Befreiung Israels aus der Knechtschaft Ägyptens, dem Bundesschluss am Sinai und der Einrichtung des Kultes – also den klassisch religiösen Themen der Heiligen Schrift – wird im Buch der Sprichwörter weitgehend geschwiegen.
Ähnliches gilt für die Bücher Ijob und Kohelet. Erst in den jüngeren weisheitlichen Büchern, die uns im Septuaginta-Kanon überliefert sind und zur "katholischen" Bibel gehören, im Buch der Weisheit (Salomos) und im Buch Jesus Sirach, werden Schlüsselthemen der Heilsgeschichte, wie etwa die aus ägyptisch-hellenistischer Sicht problematische Landnahmeerzählung des Buches Josua zum Gegenstand einer weisheitlich-kritischen Reflexion gemacht.
Mit anderen Worten: Das Buch der Sprichwörter vertritt ein offenes Vernunftkonzept. Es geht davon aus, dass wahre Erkenntnis der Wirklichkeit nur erreicht werden kann, wenn sich die menschliche Vernunft nicht aus einer falsch verstandenen Demut heraus in die Schranken weisen lässt.
Offenes Vernunftkonzept
Im Buch der Sprichwörter ist das noch nicht der Fall. Das Buch – so könnte man sagen – beschäftigt sich mit den natürlichen, nicht mit den übernatürlichen Dingen. Umso erstaunlicher ist, dass das Bildungsprogramm des Buches eine Haltung der Ehrfurcht gegenüber Gott einfordert. Damit wird unausgesprochen vorausgesetzt, dass derjenige, der die mit dem Wort "Gott" bezeichnete Wirklichkeit von vornherein aus dem Bildungsprogramm ausschließt, sowohl den Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis also auch den Realitäten des alltäglichen Lebens nicht gerecht wird.
Mit anderen Worten: Das Buch der Sprichwörter vertritt ein offenes Vernunftkonzept. Es geht davon aus, dass wahre Erkenntnis der Wirklichkeit nur erreicht werden kann, wenn sich die menschliche Vernunft nicht aus einer falsch verstandenen Demut heraus in die Schranken weisen lässt, sondern grundsätzlich bereit ist, sich auch jener Dimension der Wirklichkeit gegenüber zu öffnen, die sich dem oberflächlichen und schnellen Zugriff entzieht. Mehr noch, die Gottesfurcht betrifft nicht nur die Erkenntnis, sondern auch das Ethos. Im Buch Jesus Sirach wie auch im später hinzugefügten Epilog des Buches Kohelet wird sie mit dem Halten der göttlichen Gebote in Verbindung gebracht oder sogar weitgehend mit ihr identifiziert: "Fürchte Gott und achte auf seine Gebote. Das allein hat jeder Mensch nötig" (Koh 12,13).
So weit geht das Buch der Sprichwörter nicht. Die Gottesfurcht bewegt sich hier im Rahmen einer Tugendethik, nicht einer Gesetzesethik. Es geht zunächst und vor allem um die rechte Haltung, aus der heraus, durch Übung und Erfahrung und in richtiger Einschätzung der jeweiligen Situation, das rechte Handeln folgt: "Die Furcht des HERRN ist ein Lebensquell, um den Schlingen des Todes zu entgehen" (Spr 14,27).
Ethos der Gerechtigkeit und Menschenwürde
An dieser Stelle müssen wir unsere Aussage noch ein wenig präzisieren. Genau genommen spricht der Mottovers nicht von der "Gottesfurcht", sondern von der "JHWH-Furcht". Das aus vier Buchstaben bestehende Wort JHWH, das sogenannte Tetragramm, bezeichnet nicht irgendeinen Gott, sondern den einen und einzigen Gott, wie er in den Schriften Israels bezeugt wird. Ohne die darin enthaltenen Inhalte direkt in das Bildungsprogramm aufzunehmen, verlangt das Buch der Sprichwörter aber doch, die darin zum Ausdruck kommende Haltung der Offenheit gegenüber Gott einzunehmen, und zwar sowohl in Bezug auf die Erkenntnis als auch bezüglich des sittlichen Verhaltens: "Wer geradeaus seinen Weg geht, fürchtet den HERRN, wer krumme Wege geht, verachtet ihn" (Spr 14,2).
Das Ethos der Gerechtigkeit und die Würde eines jeden Menschen als Geschöpf Gottes spielen eine prominente Rolle: "Segen kommt auf das Haupt des Gerechten, im Mund der Frevler versteckt sich Gewalttat" (Spr 10,6). Auch wenn nicht ausdrücklich von den Geboten Gottes gesprochen wird, so dürfte mit dem singulären Spruch: "Verständiger Sinn nimmt die Gebote an, wer Törichtes redet, kommt zu Fall" (Spr 10,8) doch gemeint sein, dass es dabei um den Willen Gottes geht.
Das hier zum Vorschein kommende Ethos zwischen einer unbefangenen Offenheit gegenüber der Weltlichkeit der Welt und der religiösen Grundhaltung der Gottesfurcht lässt sich vielleicht mit dem Begriff einer weltlichen Frömmigkeit umschreiben.
Vielleicht trifft die Haltung der sogenannten Gottesfürchtigen, die im Neuen Testament als eine eigene Gruppe zwischen "Juden und Heiden" in Erscheinung treten, das mit dem Begriff Gemeinte durchaus: Die Gottesfürchtigen wie etwa der römische Hauptmann Cornelius in der Apostelgeschichte übernahmen den jüdischen Monotheismus und die ethischen Grundnormen des Judentums, ohne durch Beschneidung formell zum Judentum überzutreten (Apg 10,2; 13,16.26).
Weltliche Frömmigkeit
Das hier zum Vorschein kommende Ethos zwischen einer unbefangenen Offenheit gegenüber der Weltlichkeit der Welt und der religiösen Grundhaltung der Gottesfurcht lässt sich vielleicht mit dem Begriff einer weltlichen Frömmigkeit umschreiben. Die darin liegende Spannung lässt sich auch noch in der Redaktionsgeschichte des Buches erkennen. Die bereits genannte gezielte Positionierung des Motivs am Anfang, in der Mitte und am Ende des Buches deutet darauf hin, dass das Motiv erst im Rahmen der Endredaktion in den Text eingefügt worden ist.
Man kann das Phänomen mit der häufig in kirchlichen Dokumenten anzutreffenden nota explicativa praevia vergleichen. Wenn ein von einer Kommission erstelltes kirchliches Dokumente dem Lehramt als zu einseitig oder in wesentlichen Punkten als unklar erscheint, wird das Dokument gewöhnlich mit einer vorausgehenden Erklärung veröffentlicht, die signalisiert, in welchem Sinn der folgende Text zu lesen und zu verstehen ist. So muss man sich das auch beim Buch der Sprichwörter vorstellen. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass einige Exegeten der Ansicht sind, die biblische Weisheitsliteratur sei ein Fremdkörper innerhalb der Heiligen Schrift, da sie die Wirklichkeit im Lichte der natürlichen menschlichen Vernunft und nicht im Lichte der göttlichen Offenbarung betrachte.
Dieser Ansicht liegen eine Erkenntnistheorie und eine Metaphysik zugrunde, die der Bibel fremd sind. Inzwischen ist diese Position nur noch selten anzutreffen. Wie dem auch sei, in jedem Fall macht der Mottovers: "Die Furcht des HERRN ist Anfang der Erkenntnis, Weisheit und Bildung verachten die Toren" von vornherein klar, dass sich das hier vertretene Bildungskonzept im Horizont der religiösen Traditionen Israels bewegt, ohne sie ausdrücklich anzuführen.
Während im jüdischen und christlichen Bildungskonzept, das bis in die frühe Neuzeit vorherrschend war, das Motto nicht grundsätzlich in Frage gestellt wurde, hat die neuzeitliche Erkenntniskritik die Reichweite menschlicher Vernunft beschnitten und folglich dem Wort von der Gottesfurcht als Anfang der Erkenntnis widersprochen.
Prinzip der Weisheit
Anhand des Mottoverses ließe sich eine Geschichte der abendländischen Bildungs- und Erkenntnistheorie schreiben. Während im jüdischen und christlichen Bildungskonzept, das bis in die frühe Neuzeit vorherrschend war, das Motto nicht grundsätzlich in Frage gestellt wurde, hat die neuzeitliche Erkenntniskritik die Reichweite menschlicher Vernunft beschnitten und folglich dem Wort von der Gottesfurcht als Anfang der Erkenntnis widersprochen. Augustinus war einer der ersten, der dem antiken Bildungsprogramm, das er selbst noch durchlaufen hatte und mit dem er bestens vertraut war, eine "christliche Bildung" als die bessere Alternative gegenüber gestellt hat.
In seiner "Doctrina christiana" nennt er in einem siebenstufigen Modell des Aufstiegs als erste Stufe die der Gottesfurcht, als siebte und letzte Stufe die der Weisheit, denn "Anfang der Weisheit ist die Furcht der Herrn" (II, 7, 9–11). Auf der dritten Stufe soll der Schüler intensiv die Heilige Schrift studieren. Für Thomas von Aquin ist die Gottesfurcht der Anfang der Erkenntnis, weil sie nicht nur die Liebe, sondern auch die Vernunft zur echten Ordnung führt. Bei Immanuel Kant verflüchtigt sich die epistemische Funktion der Gottesfurcht in eine "Ehrfurcht vor dem moralischen Gesetz" und bei David Hume und seinen Nachfolgern wird sie zum Hindernis menschlicher Erkenntnis und muss deshalb aus dem methodisch voranschreitenden Verfahren der (Natur-)Wissenschaften herausgehalten werden.
Die Gottesfurcht als "Prinzip der Weisheit" hält einerseits die Vernunft offen, so dass sie die natürliche Gotteserkenntnis sowie die Zeugnisse der Offenbarung nicht von vornherein aus ihrer Zuständigkeit verbannt, lässt ihr aber doch auch jene Zucht (disciplina) zuteil werden, die sie wachsen und reifen lässt und ihr die Kraft verleiht, dem verlockenden Angebot der Torheit zu widerstehen und auf den Ruf der Weisheit zu hören: "Lasst ab von der Torheit, dann bleibt ihr am Leben und geht auf dem Weg der Einsicht!" (9,6).