Im literarischen Werk Peter Handkes finden sich vielfältige Aufzeichnungen über die Eucharistie, die von der Literaturwissenschaft bislang kaum gewürdigt werden. Das Geheimnis realer Gegenwart, die Verwandlung der Gaben von Brot und Wein, die Kommunion als "Mahl der anderen Zeit", das unterschiedlichste Menschen zusammenführt – all diese Aspekte werden von Handke eindrücklich umkreist und beschrieben.

I.

Wer durch eine Stadt flaniert und die Geräusche auf den Gassen im Ohr hat – das Knattern vorbeirasender Motorroller, das Rufen der Händler, lachende Passanten, Kindergeschrei oder Hundegebell –, der kann durch plötzlich einsetzendes Glockengeläut aus der Zerstreuung herausgerissen werden. Peter Handke erinnert an ein altes Wort, das seine Resonanz beinahe verloren hat: "Die Glocken geben nicht die Zeit an, sondern gemahnen an die Ewigkeit." Ein Klang, der die Sehnsucht nach der anderen Zeit weckt, die Suche nach realer Begegnung und echter Gemeinschaft – das kann mitschwingen, wenn Glocken läuten. Vorausklang von Freude und Festlichkeit.

II.

Die Schwelle übertreten. Aus dem Stimmengewirr der Welt durch das Portal in einen Raum der Stille kommen. Die Fingerkuppen in das Weihwasserbecken tauchen und ein Kreuzzeichen machen – ein Ritus, der an die Taufe erinnert, die unserer Seele – ja, unserer Seele! – das unauslöschliche Siegel des dreifaltigen Gottes eingeschrieben hat. Die Gottes- und Christusvergessenheit, in die wir immer wieder abtauchen, wird unterbrochen. ER denkt an uns, selbst wenn wir nicht an ihn denken. Immer. Die Feuchtigkeitsspuren auf der Stirn heben uns das für einen flüchtigen Augenblick geradezu körperlich ins Bewusstsein.

III.

Beim Gang in die Kirchenbank der Blick auf die Kirchenfenster, deren leuchtendes Farbenspiel eine Ahnung vom Glanz der himmlischen Polis vermitteln und die fast erloschene Erwartung auf das Kommen Christi neu befeuern kann. Aber auch der goldene Tabernakel, der nach einer Aufzeichnung Handkes mit dem Allerheiligsten "das Allerwirklichste" birgt, lädt zum Innehalten und Verweilen ein. Daneben das ewige Licht – zartes Flackern einer Gegenwart, die uns willkommen heißt, die auf uns wartet, die uns aus unseren zerstreuten Lebenswelten in die Mitte führt: Gegenwart der Gegenwart.

IV.

Schon das Wort hat die Kraft zu verwandeln. Die Lesungen sprechen zu uns. Doch hören wir sie? Und wird uns das Wort angemessen erschlossen? "Einmal einem Prediger begegnen, der das auch mit Leib und Seele ist, und die Leute erwecken will", notiert Handke in seiner Geschichte des Bleistifts. Die oft gelangweilten Besucher des Gottesdienstes, die sich ihres Glaubens gar nicht so sicher sind, könnten durch einen beseelten Prediger selbst beseelt werden. Könnten … "Jeder Priester müsste sich doch die ganze Woche (oder jeden Tag) darauf freuen, das Evangelium zu verlesen. Aber wie ist es wirklich? (rhetorische Frage) – Die Mikrophone als Tod der Frohbotschaften", so Handke in den Phantasien der Wiederholung.

V.

Auf das Lesen und Deuten des Wortes folgt die Feier der Kommunion, die an materielle Zeichen gebunden ist: Brot und Wein. Wer leben will, muss essen und trinken. Das ist ein Grundbedürfnis. Handke hat einen Sinn für die materielle Dimension der Zeichen. "Mit dem Schluck Wein die Verwandlung der Enge in die Weite: aber es genügt ein Schluck", heißt es in den Phantasien der Wiederholung. Und: "Als mir in dem öden Gasthausaal die Flasche Wein auf den Tisch gestellt wurde, frohlockte tatsächlich das Herz (‚und die Bibel hat doch recht‘: ihre Alltäglichkeit wiederfinden)". Im Psalm steht, dass "Wein des Menschen Herz erfreut" (Ps 104,15). Ein Stück Brot, ein Schluck Wein – Wirklichkeiten, die das Zeug haben, die Wirklichkeit zu verändern.

VI.

Allerdings verlangt der Gottesdienst Sorgfalt und Sammlung. "Das 'Tut zu meinem Gedächtnis!' in der Liturgie: Aufruf zur höchsten Sorgfalt", notiert Handke, das routinierte Herunterzelebrieren hingegen ruft seinen Einspruch hervor: "Die meisten Priester sind geistlose Arrangeure, die da vorn am Altar ordinäre Haushaltsgeräusche vollführen. Jedes kleine Zeichen von Geist aber würde mich sogleich zu Tränen rühren." Die Internatsgeistlichen, die selbst während der Messe als Pädagogen, ja Kontrolleure wirkten, hatten auf den jungen Handke eine abschreckende Wirkung:

"Wie anders war es mit dem Pfarrer des Dorfs gewesen: Gerade hatte er noch vor meinen Augen die Kisten mit den Äpfeln in den Keller geschafft, die Radionachrichten gehört, sich die Haare aus den Ohren geschnitten – und jetzt stand er im Prachtornat im Gotteshaus und beugte das Knie, mochte dieses auch knacksen, vor dem Allerheiligsten, entrückt uns übrigen, die aber gerade so zu einer Gemeinde wurden."

VII.

Romano Guardinis Frage nach der Liturgiefähigkeit des modernen Menschen zielt auf Geistliche und Gläubige gleichermaßen. Die einen können sich nicht früh genug in der ars celebrandi üben: "Mit Hilfe der Messe lernen die Priester, schön mit den Dingen umzugehen: das sanfte Halten von Kelch und Oblate, das gemächliche Auswischen der Behältnisse, das Umblättern des Buchs; und das Ergebnis des schönen Umgangs mit den Dingen: herzbeflügelnde Fröhlichkeit." Das aber kann ein frommes Mitgehen, eine echte Teilnahme bei den anderen freisetzen, die von bewussten körperlichen Gesten unterstützt wird:

"Eine der Wohltaten der Heiligen Messe: ich sitze ordentlich; ich stehe, zum Beispiel beim Lesen des Evangeliums, ordentlich auf; ich setze mich bei der Predigt ordentlich nieder; ich kniee bei der Wandlung ordentlich hin; ich reihe mich beim Gehen hin zum Empfangen des 'corpus Christi' ordentlich ein in die anderen Empfänger; ich kehre danach auf einem ordentlichen Umweg zurück in die Bank."

VIII.

"Gegenwärtige Menschen sind selten", diagnostiziert Botho Strauß. Und Handke antwortet, als wolle er gegensteuern: "Übe die Gegenwart!" Sich in Andacht sammeln, die Ablenkungen hinter sich lassen und warten, bis die Wahrheit kommt und erscheint: "Das schönste Warten: das auf die Verwandlung", heißt es in Handkes Gestern unterwegs. Aber: "'Was ist Wahrheit?' – Ich kann nur sagen, wie sie wirkt. Wenn sie erscheint, nickt man jedenfalls nicht und sagt: 'Ja, das ist wahr, ja das stimmt', sondern man ist erschüttert, bis zum Aufschrei (oder zum Inschrei)". Dabei spielt auch die Form eine Rolle: "Mich in die Formen zu begeben – und auch die Messfeier ist eine Form –, das gibt mir zu denken." Und: "Cézanne: 'die Empfindung (durch den Gegenstand) realisieren': auch eine Messe könnte solch eine 'Realisation' sein". In seinem Buch Langsame Heimkehr erzählt Handke von einer solchen Realisation:

"Ein Schwanken ging durch die Welt, als das Brot in den göttlichen Leib und, 'simili modo', der Wein in das göttliche Blut verwandelt wurde … Entschlossen kniete der Erwachsene nieder."

In der konsekrierten Hostie begegnet das Allerwirklichste. Dem Vorwurf, das sei spirituelle Idolatrie, hier werde ein Ding zum Objekt der Anbetung stilisiert, kann entgegengehalten werden: Die Gegenwart ist nicht das Produkt meiner Erinnerungsleistung, sie ist Gabe des Anderen. Und diese Gabe wird mir bei der Elevation gezeigt, sie tritt meinem Bewusstsein entgegen. Die Exteriorität des Dings schützt die Alterität des Heiligen, das mich meint und befragt: "Die Frage Gottes in mir: 'Warum bist du nicht da?'"

IX.

Menschen kommen zusammen, um gemeinsam zu essen und zu trinken. Aber die Mahlzeit, die in der Kommunion zusammenführt, ist nicht nur Mahlzeit. Brot und Wein haben einen Sinnüberschuss, der über die Stillung menschlicher Grundbedürfnisse hinausreicht. Durch das Wort der Wandlung werden Brot und Wein zu Zeichen der Gegenwart des Anderen, der uns anders machen kann und will. In Real presences von George Steiner steht: "Die 'Andersheit', die in uns eintritt, macht uns anders."

X.

Die Bildung einer Gemeinschaft, die aus Menschen besteht, die sich sonst nie zusammenfinden würden, ist – soziologisch betrachtet – beinahe ein Wunder, sicher aber ein Alleinstellungsmerkmal der Liturgie. Kein Club, kein Verein weist eine solche Diversität auf. Dieses Zusammenkommen der Vielen um die Mitte des Einen feiert Handke als Epiphanie des Volkes: "Beim Hochamt jetzt, wieder in der Kathedrale, während der Kommunion das Erscheinen des Volks: als stilles Drängen (und eine kleine zerzauste Alte geht nun noch ein zweites Mal kommunizieren)", heißt es in Gestern unterwegs. Und in der Geschichte des Bleistifts steht: Das "Gemeinschaftserlebnis … beim Kommuniongang des Volkes in der Kirche".

Handke schreibt auf, was er sieht und erlebt, und das trägt dazu bei, dass er das Zusammenkommen der Vielen genauer erfasst:

"In der Kirche bei der Kommunion sah ich das Volk: ganz sinnenhaft wurde da die Größe und die Kleinheit des Volkes, der Jugend und des Alters, der Schlauköpfe und der Schwachsinnigen, der Normalen und der Wahnsinnigen ('Preise, Zunge, das Mysterium des glorreichen Körpers und Blutes' …); und als dann beim Auszug des Volks aus der Kirche die großen Glocken dröhnten, sah ich die Glocken als Schwelle und sah zugleich die Gebeine der Toten unter der Erde als Antwortschwelle und war in dieser wilden alles durchdringenden Phantasie endlich mir selber keine Schwelle mehr. 'Die Glocken reißen alle zusammen', sagte ein Zuhörer (Tränen)."

Und weiter: "Einzig Jesus Christus hat eine reale Vision von der Zusammengehörigkeit aller Menschen, von nosotros, gehabt; Jesus war der einzig wahre Politiker."

XI.

Ein Wort, das man auf die eucharistische Kontemplation beziehen könnte. "Betrachtung heißt: Ich werde dem Gegenstand einverleibt und von diesem beseligt", so heißt es in den Phantasien der Wiederholung. Beim Empfang der Kommunion assimilieren nicht wir Christus, sondern dieser uns.

XII.

Die gewandelten Gaben können eine Gabe der Wandlung sein: "'Geheimnis des Glaubens' (nach der Wandlung – der Transsubstantiation), und darin inbegriffen: Geheimnis des Lassens; und das Bild dazu: Noch lange nach der Messe mit Wandlung und Kommunion geht das Kind auf der sonntäglichen Dorfstraße weiter mit wie all die Zeit zuvor in der Kirche gefalteten Händen im Nebel heimwärts", heißt es in Handkes Journal Die Baumschattenwand nachts.

XIII.

Die Eucharistie trägt einen Zeitpfeil in sich, der über die Gegenwart hinausragt; sie ist geistlicher Proviant für die letzte Reise, die den homo viator im Land des Vaters – patria – ankommen lässt. "Der Priester erzählte von dem Sterbenden, als er ihn aufsuchte für die Letzte Ölung: Dieser, fast schon bewegungsunfähig, sei noch einmal aus dem Bett gestiegen und habe sich für das Sakrament davor hingekniet mit den Worten: 'Gott kann man nur auf den Knien empfangen!'" Das notiert Handke in seinem Journal Gestern unterwegs.

Überhaupt erschöpft sich Kirche nicht in denen, die heute leben und zu glauben versuchen. Sie ist Gemeinschaft der Lebenden und Verstorbenen. Sie übt anamnetische Solidarität mit den Toten und steht gegen das flinke Vergessen derer, die uns vorangegangen sind. Die Namen der jüngst Verstorbenen werden im Eucharistischen Hochgebet dem lebendigen Gedächtnis Gottes anempfohlen, der als der "Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs" die Seinen nicht vergisst. Handke: "Das Achte Sakrament (das Poussin nicht gemalt hat): das Sakrament – die Gesellschaft mit den Toten".

XIV.

Nach einer langen Phase der Unterbrechung ist Handke ab den 1990er Jahren wieder zur Messe gegangen. Das Abendmahl sei hier für ihn "eine Art Morgenmahl" geworden – "etwas wie ein Gewecktwerden für einen anderen Tag, für eine andere Zeit". Zugleich habe sich die alte Scheu vor dem Heiligen wieder eingestellt. Der Empfang der Kommunion ist kein alltägliches Essen, weder Fastfood noch Gemeinde-Picknick, sondern Begegnung mit dem Allerheiligsten. Mit anderen zusammen an diesem "Mahl der anderen Zeit" teilzunehmen, stiftet Gemeinschaft, flüchtige oder beständige, und ruft Dankbarkeit hervor. "Meine Dankbarkeit bleibt, und täglich vermisse ich das 'mich zu DIR hinübermahlzeiten' im Sinne von Celans 'hinüberdunkeln zu dir'."

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