Eine Logik in ritueller Praxis, so wird behauptet, liegt in folgender Annahme: Die Einübung von Ritualen, das kontinuierliche Gedenken und Verinnerlichen von entscheidungsmächtigen Momenten fördert unsere religiöse und idealerweise damit auch unsere moralische Haltung. Rituale unterstützen die Schulung des Gewissens, wird behauptet. Trotzdem lässt sich auffällig häufig auch der Gegenbeweis anführen, den ich im Folgenden aus meiner Familiengeschichte nehme.
Es existiert diese eigenartige Szene, die in meiner Jugend immer wiederkehrte. Wir fahren mit Verwandten aus Neuengland nach Belgien. Unser Ziel ist der amerikanische Soldatenfriedhof Henri-Chapelle. Dort befinden sich 7.992 Gräber von alliierten Soldaten, meist Amerikanern und Kanadiern, die während der Ardennenoffensive dort gefallen sind. Meine Tante Brenda und ihr Mann John sind zu Besuch. John diente fünf Jahre vor meinem Vater in Vietnam und verließ anschließend, anders als mein Vater, die Army. Wohingegen Paul Campbell – also der Ältere – sich nach Westdeutschland versetzen ließ und hier meine Mutter kennenlernte. Der amerikanische Dichter Karl Shapiro (1913–2000) sagte bekanntlich einmal auf seinen Reisen im Nachkriegsdeutschland: "German women make great American wives." Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 1945 und 1995 circa fünf bis sieben Millionen Amerikaner sich auf diese Weise in Deutschland als, wie soll ich sagen, Gastarbeiter aufhielten. Und auch heute noch leben viele Amerikaner in Deutschland, wenn es auch keine Millionen mehr sind.
American Cemetery Henri Chapelle, morgens
Aber zurück zur Geschichte: Wir fahren also Mitte der Neunziger in zwei Autos über die ehemalige Reichsautobahn, jetzt A3, nach Belgien zu einem Friedhof, auf dem niemand begraben ist, mit dem wir verwandt oder bekannt sind. Für diesen Ehrenbesuch zwängt sich Onkel John in seine eingemottete Ausgehuniform, die ihm um die Taille mit den Jahren zur Herausforderung geworden war. Mein Vater, der diese Uniform noch häufig dienstlich trägt, legt sie an diesem Anlass auch an. Wir verlassen Aschaffenburg schon vor sechs Uhr in der Früh, um noch vor elf Uhr vor Ort zu sein und erreichen Henri-Chapelle meist schon früher.
Unsere kleine Versammlung bewegt sich durch eine lange Platanenallee. Meine Cousins und ich lassen nach Ermahnungen kurzzeitig das Streiten um den Gameboy. Dicht umgeben von einem Wald ist das zentrale Monument, sodass die weite Lichtung des Gottesackers menschenfern und entrückt wirkt. Im Spätsommer hebt sich in der Früh der Nebel zwischen den leicht gekrümmten Reihen der Kreuze und den darunter spärlich verteilten Magnolien mühsam empor und verflüchtigt sich nur widerwillig. Überall Namen – Namen von Unbekannten, Namen, die mit unseren Familien nichts zu tun haben, auch wenn sich hier und da darunter etwa irgendein Campbell liest.
Das Paradox
Und da stehen wir nun. Wir sind noch die einzigen Besucher an diesem Mittwochmorgen. Die Väter in ihren Uniformen unschlüssig und ergriffen, aber trotzdem – im Rückblick – eigenartig distanziert und unverbunden mit dem, was um sie herum diese enorme Fläche von dreiundzwanzig Hektar darstellt. Als Jugendlicher kommen sie mir sonderbar vor. Wenn wir später in der kleinen Stadt zum Essen gehen, schäme ich mich, als die Bewohner die beiden in ihren olivgrünen Sakkos und penetrant goldenen Dienstgrade und farbigen Abzeichen anstarren. Die beiden Mütter, von denen eine – meine – eine Deutsche ist, lesen manche der Namen laut vor, als stellten sie wenigstens so eine echohafte Verbindung her zwischen den tausenden von Männern, die hier liegen, und von deren Lebensgeschichten wir so gut wie nichts wissen.
Zwei Jahrzehnte nach solchen Besuchen – es dürfte im Winter 2015 gewesen sein – ruft mich mein Vater eines Abends an. Er hätte mit Tante Brenda und ihrem Mann John telefoniert. Nein, es gehe ihnen gut. Sie wollten auch wieder im nächsten Sommer zu Besuch kommen, auch wenn es ihnen zunehmend schwerer fällt, von ihrem Haus in Lynn, Massachusetts, nach Unterfranken zu reisen.
Ohne dass ich ihn auffordere, sagt er plötzlich: "Did you see that crazy stuff on your Aunt Brenda's Facebook?" Ich weiß, dass er über hässliche Memes spricht und die cartoonartigen Bilder, die meine Tante Brenda vom damaligen Kandidaten Donald J. Trump postet. "They’re with the crazies now" sagt mein Vater am Telefon.
Zehn Jahre später – also 2025 – sind beide Tanten und Onkels in Neuengland noch immer Anhänger dieses Präsidenten. Obwohl Donald Trump Veteranen wie John McCain und Gold Star-Familien von Gefallenen aus den Irak- und Afghanistankriegen verunglimpfte und, wie der pensionierte General und Stabschef des schändlichen Präsidenten, John F. Kelly, berichtet, die Gefallenen in der Normandie als "suckers and losers" bezeichnet haben soll.
Was meine Verwandten angeht, die ich sehr liebe, bringt dies einen großen Zweifel in mein Verständnis von Ritualen. Wie kann es sein, dass die Beobachtung des Totengedenkens in aller Form, das Ehren von Helden ihrer Elterngeneration, die sogenannte Greatest Generation, die Veteranen von D-Day und the Battle of the Bulge … dass diese Observanz sie nicht immun macht gegen die Schande, die Donald J. Trump (oder andere Figuren wie er) macht?