Schöpfungsmythen und biblische Schöpfungserzählungen

Die religiöse Frage nach der Schöpfung und schöpferischen Mächten führte in der biblischen Umwelt zu Schöpfungsaussagen in der Gestalt des Mythos.

Umfangreiche Texte in sumerischer Sprache zeigen seit Mitte des 3. Jahrtausends v.Chr. Vorstellungen einer vielköpfigen Götterwelt und einer „Theogonie“ (griechisch = das Werden von Göttern, vor allem durch Zeugung), bei der Göttinnen und Götter für Himmel, Erde und Meer zuständig waren. Der Luftgott Enlil trennte Himmel und Erde. Bei den Akkadern trat in dem Epos „Enuma elisch“ (um 1100 v.Chr.) an dessen Stelle der babylonische Stadtgott Marduk, der die Urmeergöttin Tiamat tötete, aus ihrem Leib Himmelsgewölbe und Erde errichtete und damit die dämonischen Chaosfluten besiegte. Wie bei den Sumerern wird der Mensch aus der großen Flut gerettet, er soll auf Marduks Befehl Fronarbeit für die Götter leisten. Nach sumerischem und babylonischem Glauben soll ein König in einer heiligen Stadt die weiter von den Chaosmächten bedrohte Welt verteidigen und zwischen Göttern und Menschen vermitteln.

In den ägyptischen Mythologien wirkt jeweils nur eine Gottheit schöpferisch. Eine aus sich selber entstandene Gottheit bringt aus einem Urzustand das vielfach Differenzierte hervor. Dieses Schöpfungswerk muss wiederholt und bestätigt werden; beim Sonnenaufgang, an Neujahr und bei Erneuerung des Königtums. Misslingt diese Wiederholung, dann kehren Schöpfung und Schöpfer in den Anfangszustand zurück. In der Mythologie von Heliopolis verkörpern die Gottheiten Nun und Amun das Chaos der Vorzeit. Aus ihm ersteht der Stadtgott Atum als Ur-Hügel, der die Menschen in ihrer Zweiheit als sein Ebenbild hervorbringt und ihnen die Welt als Heimat bildet.

Die Mythologie von Hermupolis erzählt die Schöpfung mit Bildern von Frosch, Schlange, Kuh, Ur-Ei und Lotuspflanze. Nach dem Mythos von Theben schwebt der Stadtgott Amun als Vogel über der Chaoswelt und wirkt durch sein Rufen schöpferisch. Der Wassergott Chnum bildet den Menschen aus Lehm. Nach dem Mythos von Memphis (um 700 v.Chr.) war der Gott Ptah nach einem in seinem Inneren ersonnenen kunstvollen Programm schöpferisch tätig und ruhte nach der Vollendung, so dass hier die Schöpfung nicht in einem weitergehenden Prozess besteht.

Das AT enthält zwei Schöpfungserzählungen, die ältere Gen 2, 4b-24 und die jüngere Gen 1, 1 – 2, 4a (die weiter in Gang befindliche Diskussion über Alter und Quellen hat noch kaum zu einem Konsens geführt). Zu ihrem Kontext: Urgeschichte. Die Erzählungen stehen offenbar in bewusstem Kontrast zu den Schöpfungsmythen der Umwelt, kommen aber ohne deren Vorstellungsmaterial nicht aus. Der Gott der biblischen Offenbarung ist nicht das Produkt einer Theogonie. Seine Einzigartigkeit gegenüber der antiken Göttervielfalt zeigt sich auch darin, dass keine für Einzelheiten der Schöpfung zuständigen Gottheiten oder göttlichen Kräfte auftauchen; auch die anderswo verehrten Gestirne mit Sonne und Mond werden einfach als erschaffene Leuchten vorgestellt. Mehr als in Gen 1–2 zeigen andere Texte des AT, dass Gottes Schöpfertätigkeit dem Kampf gegen die Chaosmächte und der Errichtung einer Ordnung galt (Ps 18; 68; 104; Ijob 38–41; Jes 51, 9 f. und ö.). Diese war von Gott („anthropozentrisch“) zugunsten des entsprechend mancher Umweltideen aus Akkerlehm geformten ersten Menschen errichtet worden. Die Erschaffung der Eva aus Adam weist unmissverständlich nicht nur auf die selbstverständliche gleiche „Würde“, sondern auf ihre Gleichberechtigung in allen Bereichen der Schöpfung hin. Der Bewahrung dieser „gut“ gelungenen Schöpfung galt die Beauftragung beider Menschen in ihrer Gottebenbildlichkeit. Ihre Verurteilung zu mühseliger Arbeit ist erst Folge ihrer Ursünde und hat mit einer Bestellung zu dienstbarer Fronarbeit nichts zu tun. Die symmetrische und rhythmische Komposition der biblischen Schöpfungserzählungen zeigt, dass sie (wenigstens in der jetzigen Form nachexilisch) zur Verwendung in der Liturgie erarbeitet wurden.

Quelle: Herbert Vorgrimler: Neues Theologisches Wörterbuch, Neuausgabe 2008 (6. Aufl. des Gesamtwerkes), Verlag Herder

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