Weihnachten in der modernen Literatur

"Alle Jahre wieder..."? Tatsächlich, jedes Jahr im Advent stellt sich vielen das gleiche Problem. Man begibt sich auf die Suche nach guten, unverbrauchten, zugleich stimmungsvollen wie gedanklich herausfordernden Weihnachtstexten. Jenseits von Kitsch, Klischee und Kommerz, aber auch jenseits der Wiederholung von nur zu gut Bekanntem sucht man Texte, um die Vorbereitung auf das Fest, aber auch dessen Gestaltung selbst anzuregen. Die Strategen des Buchmarktes kennen dieses Problem und bieten immer wieder neu Anthologien1 an, Geschenkbände, kommentierte Textausgaben2, ausgewiesen oft genug vor allem durch die Prominenz des Herausgebers.

Stereotypen literarischer Weihnachtsbeschreibung

Der Befund bleibt aber immer wieder ernüchternd und enttäuschend. Vor allem sieben Grundtypen literarischer Weihnachtsgestaltungen finden sich, allesamt auf je spezifische Weise unbefriedigend:

1. Da sind zunächst Geschichten, die lediglich die immer stärker amerikanisierten Accessoires der "Weihnachtsstimmung" aufrufen, ohne jegliche gedankliche Tiefe und theologische Reflexion: Erzählungen um Schneeflocken, Schlitten, Rentiere, Geschenkpakete, den Weihnachtsmann und winterlichen Glockenton. In Liedern wie "O Tannenbaum" oder "I'm dreaming of a white Christmas" finden solche Strategien ihre Hymnen. Hier überlagert das heraufbeschworene Gefühl jeglichen Sinn des Festes, wird Weihnachten der christlichen Sinngebung bewußt­unbewußt entkleidet.

2. Daneben treten Kindheitserinnerungen an das "Weihnachten, wie es einmal war". In solchen verklärenden Erinnerungen wird die damalige Spannung beschworen, die Stimmung von einst lebendig, die kindliche Erwartungshaltung vor Augen gestellt. Häufig führen solche Berichte in eine Zeit, in welcher der grenzenlose Konsum unserer Gegenwart eben noch nicht herrschte, in der die Freude auf das kleine Geschenk alles überlagerte, in der der Kirchgang zu den wirkliche Höhepunkten des Festes zählte. Bei allem Glanz, den solche Geschichten verbreiten: Letztlich entlarven sie ungewollt all das, was heute eben nicht mehr gilt. Die idealisierte Erinnerung legt die heutige Unfähigkeit bloß, das Fest sinnvoll zu gestalten und wirklich tief zu erleben.

3. Ganz anders sind Erzählungen, die zurückgehen in die biblische Zeit. Sie verbleiben eng an den biblischen Erzählvorgaben, um sie historisierend und psychologisierend auszuschmücken und anzureichern, ohne dabei die "Malvorlage" der Kindheitsevangelien zu verändern. Hier geht es vor allem um eine immer wieder neu bestätigende Ausdeutung der neutestamentlichen Geburtslegenden.

4. Harmlos bleiben letztlich auch "moralisierende Bekehrungsgeschichten" oder "symbolische Rettungsgeschichten"3, die vor allem in der älteren Literatur zu finden sind. Erfolgt im ersten Typ angesichts des Geistes von Weihnachten eine Umkehr von Hartherzigkeit zu Nächstenliebe, so schildert der zweite Typ wunderbare Rettungen aus Not, die an das Weihnachtsgeschehen angekoppelt werden. In solchen Erzählungen können auch Transfigurationen eingesetzt werden, in denen entweder heutige Menschen Züge der bei den Geburtsgeschichten beteiligten Personen annehmen oder in denen das Jesuskind in andere Zeiten versetzt wird.

5. Außerdem finden sich Texte, die eher als Meditationen verfaßt sind. In ihnen sind Assoziation und Reflexion gestaltet, die heutige Gedanken an Weihnachten prägen. Selten gehen solche Texte über fromme spirituelle Impulse hinaus, die eher als binnenchristliche Selbstbesinnungsversuche verstanden werden können. Diese bislang geschilderten fünf Typen dienen vorgeblich einer affirmativen Lesart der Weihnachtsgeschichte.

6. Das Gegenteil trifft zu auf die beiden noch zu nennenden Typen. In ihnen wird Weihnachten angefragt, zurückgewiesen, als unglaubwürdig entlarvt. Das kann zunächst mit dem Stilmittel der Satire erfolgen: Friedrich Dürrenmatts kurze Erzählung "Pilatus" arbeitet so, Heinrich Bölls Geschichte "Nicht nur zur Weihnachtszeit", aber auch Gedichte etwa von Kurt Tucholsky oder Erich Kästner4. Vordergründig entlarven sie eine bestimmte bürgerliche Art des Feierns dieses Festes. Grundsätzlich gerät aber der Sinn des Festes selbst in Zweifel.

7. Schließlich geht es im letzten Typ darum, die damalige Geschichte und ihre Heilsdeutung der Kirchen mit der harten Realität der Gegenwart zu konfrontieren und dadurch in Frage zu stellen. In den üblichen theologisch-literarischen Abhandlungen über Weihnachten wird diesen sozialkritisch-politisch ausgerichteten Texten der größte literarische Stellenwert zugesprochen: Wolfgang Borcherts "Die drei dunklen Könige", Wolfdietrich Schnurres "Anbetung", Peter Huchels "Dezember 1942" oder Marie Luise Kaschnitz' "Dezembernacht" gehören zu den "Klassikern" dieser Tradition5. Typisch für den Zeitsprung solcher Erzählungen oder Gedichte ist die (Rück-)Besinnung auf das Weltkriegsszenario, welches der Weihnachtsgeschichte entgegengestellt wird. Dieses Szenario eines eindeutig benennbaren Kontextes von Not, von richtig und falsch, entspricht jedoch nicht mehr der so komplizierten postmodern-unüberschaubaren Gegenwart. Für viele Menschen dient das hier zugrundeliegende eindeutig komplementär wertende Schema eben nicht mehr der Beschreibung heutiger Lebenssituation. Bei aller Qualität derartiger Texte, bei aller bleibenden Notwendigkeit der sozialkritischen Infragestellung:

Diese Tradition beleuchtet nur einen Strang der Weihnachtsbotschaft, der zudem bei ständiger Wiederholung seine Provokationskraft verliert.

Was in all diesen - in sich ganz verschiedenartigen und nicht gleich zu bewertenden - Traditionen fehlt, sind Texte, die auf hohem ästhetischen Niveau spirituell und theologisch zum Kern von Weihnachten führen; die dazu herausfordern, sich dem zu stellen, was die Botschaft jenseits von flacher Stimmung und politischer Sprengkraft immer wieder neu aktuell macht; die das Fest zu einem eben auch religiösen Höhepunkt der Jahresgestaltung werden lassen. Was wird aus Weihnachten jenseits der notwendigen Entlarvungen all der Fragwürdigkeiten seiner bürgerlich ummäntelten Feierlichkeit? - Der Befund an solchen Texten bleibt spärlich. Während es zu Tod und Auferweckung Jesu, zu Karfreitag und Ostern herausragende literarische Zeugnisse gibt6, bleibt der Ertrag im Blick auf Weihnachten gering. Offensichtlich wirken die weihnachtlichen Erzählungen literarisch eher unproduktiv. Einerseits erzählen sie in sich erschöpfend - kein Text dürfte weltweit so bekannt sein wie die lukanische Geburtsgeschichte -, andererseits verströmen sie so nur schwache Anregungskraft7.

Um so wichtiger, wenn sich Ausnahmen von diesem Gesamtbefund finden, wenn es Erzählungen und Gedichte gibt, die tatsächlich zum Kern des Festes hinführen. Einen eindeutigen Kanon dazu gibt es nicht, auch letztlich keine objektiven, allseits akzeptierten Kriterien. Aber wie reizvoll kann es werden, eigene "Herzenstexte" zu erkunden, vorzustellen und zur Diskussion vorzulegen! Drei solche für mich wichtige Texte möchte ich im folgenden anbieten, mit Deutungsansätzen versehen, ohne sie dadurch vollends ausdeuten zu wollen oder zu können. "Schöne", leichte, harmonische und deshalb harmlose Gedichte sollte man dabei nicht erwarten.

Kurt Marti: weihnacht

1963 erschien ein Gedichtband, in dem ein Schweizer evangelischer Pfarrer in bis dahin ungekanntem Ton biblische Texte neu zum Leben erweckte: Kurt Marti (geb. 1921). "Gedichte am Rand" war der Titel des bescheidenen Bändchens, in dem neutestamentliche Verse in knappen Strichen neu gedeutet, gegen den Strich gebürstet, meditativ und assoziativ neu frag-würdig gemacht wurden. In den folgenden Jahrzehnten sollte Marti sich etablieren als der wirkmächtigste und sprachbegabteste christliche Dichter, der aus binnenkirchlicher Perspektive Gedichte schreibt. Gehör und Rezeption findet er aber auch über die kirchlichen Grenzen hinaus8. Die 1984 erschienene und überarbeitete Neuauflage des Bandes von 1963 sollte den Titel "geduld und revolte" tragen und dadurch den aufsprengenden Charakter dieser Texte deutlich herausstellen. Gleich der zweite, zur Andeutung des poetisch-lyrischen Charakters in durchgängiger Kleinschreibung gehaltenen Textes trägt den schlichten Titel "weihnacht"9.

weihnacht

damals

als gott
im schrei der geburt
die gottesbilder zerschlug

und

zwischen marias schenkeln
runzlig rot
das kind lag

Acht knappe Zeilen, karg, nüchtern, enttabuisierend - das soll ein "guter" Weihnachtstext sein? Einige Deutungsstriche: Je ein einzelnes Wort bestimmt zunächst den Rahmen. Der Titel gibt das Thema an: "Weihnacht". Darum geht es. "Damals", durch die abgehobene Stellung als Sinneinheit hervorgehoben, gibt die Blickrichtung an: zurück, in historischer Besinnung, gleichzeitig aber auch in unbezweifelter Geschichtlichkeit - die Erzählung, um die es geht, ist in der Geschichte verankert, nicht Phantasie, nicht Vision, nicht Fiktion. Das macht das Christentum aus - die Bezogenheit auf ein punktuelles geschichtliches Ereignis.

Die zweite Versgruppe benennt die Bedeutung dieses einzigartigen Ereignisses aus christlicher Sicht: Diese Geburt zerschlug tatsächlich "alle Gottesbilder": die der anderen Religionen genau so wie die Götzen der eigenen Tradition. Weihnachten ist immer wieder die Anfrage an alle menschgemachten Vorstellungen von Gott. Das also bedeutet Inkarnation: die Infragestellung religiöser Wunschbilder.

Um genau das leisten zu können, darf aber auch Inkarnation selbst nicht in zu abstrakte, zu harmlose, zu dogmatisch-definitorisch festgelegte Vorstellungen und Sprachbilder gegossen werden. Deshalb durchbricht die abschließende Versgruppe das Tabu einer naturnahen Darstellung der Geburt Jesu: Hier ist die Rede von "Schenkeln", zwischen denen "runzlig rot" das Neugeborene liegt. "Wahrer Mensch": Diese wenigen Sprachbilder rufen das Wissen um die Brutalität und Drastik ("schrei") realer Geburtsvorgänge auf. Wenn es stimmt, daß Gott Mensch wurde, dann eben so. Hier geht es nicht um eine Provokation um ihrer selbst willen, sondern um das Ernstnehmen des Kerngedankens von Weihnachten: Gott ward Mensch.

Erich Fried: Weihnachtslied

Der zweite hier aufgerufene Autor mag überraschen: Erich Fried (1921-1988)10. Als Lyriker hat sich der selbsterklärt nichtgläubige Jude vor allem durch Liebesgedichte und politische Gebrauchstexte einen Namen gemacht. Sein Werk ist jedoch voller biblischer Anspielungen, Zitate und Verweise sowohl auf das Alte wie Neue Testament11.

Das folgende Gedicht mit dem Titel "Weihnachtslied"12 ist ein Frühwerk aus dem Jahr 1947, aus einer kurzen Phase religiös offener Sinnsuche des Dichters, die sein Hauptwerk später so nicht mehr bestimmen würde. Kein typischer Text für Fried also, aber ein in das gültige Werk aufgenommener. Er wurde 1968 in den Band "Befreiung von der Flucht. Gedichte und Gegengedichte" integriert. Konzipiert ist er demnach - im Sinn des siebten der oben benannten Typen gegenwärtiger Weihnachtsdichtung - als ein Gegengedicht gegen die gängige Weihnachtsverharmlosung angesichts der Erfahrungen des Weltkriegs und der Judenvernichtung.


Weihnachtslied


Eine Streu von Stroh
Eine Wand von Wind
Eine Woge als Wiege
Ein Kind

Ein Schwamm voller Essig
Eine Kammer voll Gas
Eine Waage am Wege
Eine Grube im Gras


Eine Gasse voll Dirnen
Eine Gosse voll Wut
Eine Stirne voll Dornen
Eine Mutter voll Blut


Eine Streu von Stroh
Eine Wand von Wind
Eine Woge als Wiege
Ein Kind


Ein "Weihnachtslied", wie es der Titel verspricht? Formal gesehen ist dies ein ganz einfacher Text, verfaßt ohne auch nur ein einziges Verb: vier Strophen zu vier Versen, von denen sich der zweite und vierte reimt. Jede Zeile benennt in karger Sprache jeweils einen Gegenstand. Dabei wird häufig der gleiche Wortanlaut zweifach verwendet, um durch diese Alliteration die Assoziationskraft zu verdichten ("Streu von Stroh"). Denselben Effekt erzeugen die zusätzlich verwendeten Wortähnlichkeiten, in denen allein ein Vokal andere Bedeutungen hervorruft: "Dirnen/Dornen", "Gasse/Gosse", "Woge/Wiege", "Waage/Wege". Die erste und letzte Strophe sind identisch. So entsteht eine collagenhafte Bildfügung, die sich selbst zunächst jeder Aussage und Wertung enthält. Gerade das ist die Stärke dieses Textes: Die Deutung wird an die Lesenden selbst zurückgegeben. Eine letzte formale Bemerkung weist solchen Deutungen den Weg. Das metrische Muster der Einzelverse wird an einer Stelle signifikant unterbrochen: in der Schlußzeile der Rahmenstrophe "Ein Kind". Zwei harte Einsilber. Dadurch bekommt dieser Vers ein Schwergewicht, das aus dem Gesamtgefüge hervortritt.

Welche Bildfetzen werden hervorgerufen? Auch wenn man es zunächst übersieht, da gibt es das klassisch mit dem Weihnachtsfest assoziierte Wortfeld "Krippe", das die Erwartungen an ein Weihnachtslied aufnimmt: "Stroh, Wiege, Kind, Mutter". Daneben jedoch steht - für Weihnachten ungewöhnlich - das Wortfeld "Passion": "Schwamm, Essig, Dornen, Blut". Drittes Wortfeld, endgültig gegen jegliche Erwartungen an das Genre Weihnachtsgedicht: "Widrige Lebensbedingungen": "Wand, Wind, Woge, Gasse, Gosse". Und schließlich das Wortfeld "Krieg, Konzentrationslager": "Gas, Waage, Grube". In den nur knapp aufgerufenen Bildfragmenten wird ein Unheilsszenario heraufbeschworen, das die Wirklichkeit der Nachkriegswelt - aber darin jeder Gegenwartswelt - vor Augen stellt. In genau diese Wirklichkeit hinein wird "das Kind" geboren.

Wie ist das zu deuten? Hier wird jeder Lesende selbst die für ihn oder sie plausible Erklärung zu suchen haben: Überschattet die aufgerufene Wirklichkeit der damaligen und heutigen Passionen die Geburt des Kindes, so daß dieses "Weihnachtslied" nur zu einem bitteren Abgesang auf jegliche Hoffnungen wird? Oder durchbricht "das Kind" nicht nur das Metrum des Gedichts, sondern auch die Wirklichkeit in dem Sinn, daß in die harte Realität ein Hoffnungszeichen gesetzt ist? Beide Deutungen sind möglich, bleiben vielleicht auch gerade in Spannung zueinander bestehen.

Aufgrund der formalen Beobachtungen im Blick auf das Metrum erweist sich trotzdem die zweite als wahrscheinlich. Das Kind durchbricht das aufgerufene Schreckensszenario, freilich ohne es zu beseitigen. Dann wäre dieses Gedicht nicht einfach - wie viele andere der sozialkritischen und kontrastiv aufgebauten Weihnachtsgedichte - die Ausmalung einer radikalen Gegenerfahrung, die das Weihnachtsgeschehen letztlich als unglaubwürdig entlarvt, sondern gerade angesichts dieser Erfahrungen, in diesen Erfahrungen erweist sich der Glaube an Inkarnation. "Ein Kind"? - Tatsächlich, daraus besteht in seiner Schwachheit, Zerbrechlichkeit, in seinem Widersinn das Zentrum des christlichen Glaubens. Inkarnation heißt, trotz der widrigen Erfahrungen, auf dieses Kind - auf das, wofür es steht - zu vertrauen. Zu hoffen nicht aus einer Situation ewigen Friedens und harmonisch-perfekten Lebens, sondern gerade angesichts von Chaos und Unheil. Dann wäre dieses Gedicht, gegen den ersten Eindruck, tatsächlich das, was der Titel verspricht: ein "Weihnachtslied" - tief, ernst, wahrhaftig.

Silja Walter: Abwesenheit ist dein Wesen

Das dritte Beispielgedicht13 stammt von Silja Walter (geb. 1919), einer Ausnahmeerscheinung in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Um Person und Gedicht zu verstehen, bedarf es einiger Hinweise auf den Hintergrund, den Anlaß und die Absicht des Textes. Silja Walters Vater, streng katholisch, war ein erfolgreicher Verleger (Walter-Verlag, Olten/Schweiz), Urtyp des Firmengründers in der industriellen Aufbruchszeit, ein Patriarch, Nationalrat, Offizier, Vater von zehn Kindern. Das jüngste der Geschwister, der einzige Sohn Otto, neun Jahre jünger als die Zweitälteste Silja, wurde Verlagslektor und ein erfolgreicher Romancier, brach aber völlig mit der Welt, für die sein Vater stand: der Welt des Unternehmertums, der Bürgerlichkeit, des Katholizismus. Sie selbst, Silja, trat nach akademischer Ausbildung im Alter von 29 Jahren in das kontemplative Benediktinerinnenkloster Fahr bei Zürich ein, wo sie seit über 50 Jahren in strenger Klausur lebt.

Eine Nonne, die weithin beachtete Lyrik verfaßt, Oratorientexte und religiöse Spiele, Erzählungen um den Sinn klösterlich-kontemplativen Lebens in der heutigen Zeit - darin ist sie tatsächlich einzigartig. Zentral für unsere Thema: 1982 führte sie ein aufsehenerregendes Radiogespräch mit ihrem Bruder, aufgezeichnet bei ihr, im Kloster, ein Jahr später veröffentlicht unter dem Titel "Eine Insel finden". Hier sie, die in Klausur lebenden Nonne; dort er, der jüngere Bruder, der Religion völlig entfremdet, sozialistisch-politisch engagiert, vom Leben desillusioniert, aber weiterhin kämpferisch im Einsatz für eine bessere Welt. 20 Jahre lang hatten sie einander nicht gesehen. Die Themen des Gesprächs: ihr Elternhaus, ihre unterschiedlich verlaufenden Lebenslinien, der Sinn des Schreibens, Religion. Seine Erinnerung an das Aufwachsen mit Religion: "Das Katholische, patriarchalisch natürlich und übermächtig, war für mich, mit all seinen Schuldzuweisungen, eine ständige Bedrohung."14 Ganz anders die Schwester: "Für mich ist dieser Bereich völlig selbstverständlich geblieben." Trennende Erfahrungen mit Religion von Anfang an.

Im Kern des Gesprächs aber geht es um die Gottesfrage. Silja Walter sagt dazu:

"Ich kann das Absolute nicht beschreiben. Und trotzdem. Trotzdem bemühe ich mich immer wieder, einen Ausdruck dafür zu finden. ... Ich bemühe mich um das Finden von neuen Bildern, Symbolen. ... Aber da bleibt trotzdem eine Unzulänglichkeit. Unter dieser Unzulänglichkeit, über Gott reden zu können, leide ich."

Vor allem leidet sie darunter, ihrem Bruder (mit dem sie über die Begrenzungen der Klausur hinweg "immer besonders nahen Kontakt" fühlte), ihren Glauben nicht wirklich erklären zu können. "Ich sehe ihn nicht, ich sehe diesen Gott nicht", so Otto F. Walter im Gespräch. Diese Spannung wurde für Silja zum Anlaß, neue Gedichte zu verfassen, neue Versuche, "das Absolute zu beschreiben" im Bewußtsein der Unmöglichkeit und Unzulänglichkeit dieses Versuchs. Sie will ihrem Bruder ihre Lebensweise und ihre Religion erklären. Wenn es schon nicht im Gespräch möglich war, so doch vielleicht wenigstens im Gedicht. Schon zuvor hatte sie Lyrik verfaßt und veröffentlicht. Doch nie so geschlossen formuliert, so konzentriert: 1985 erschien der Gedichtband "Feuertaube" mit dem Untertitel "Für meinen Bruder". Ein einzigartiges zeitgeschichtliches und theopoetisches Dokument: der Versuch, dem ungläubigen Bruder ihren Glauben zu erklären. Aus diesem Band stammt das folgende, wie stets bei Silja Walter ohne Titel veröffentlichte Gedicht15:


Abwesenheit ist
dein Wesen
darin finde ich dich
Die Nägel
meiner Sehnsucht
bluten vom Kratzen
an den Eismeeren
der Welt
Verkohlt ist die Sucht
meiner Suche
in seiner Kälte
Aber da bist du
darin
seit das Kind schrie
bei den Schafen
und brennst
lichterloh
zu mir


Dieses Gebetsgedicht ist ganz dem Versuch gewidmet, Gott zu beschreiben, die Beziehung der Dichterin/Beterin zu Gott. "Abwesenheit ist dein Wesen" - was für eine Aussage: Nur paradoxe Sprachbilder können Gott annäherungsweise genügen. Nur in der Abwesenheit läßt sich Gott finden! Das ist der Versuch, mystischer Erfahrung Sprache zu geben, einer Erfahrung, die buddhistischen Vorstellungen nahekommt. "Sehnsucht" wird beschrieben, "Suche" wird genannt im Versuch, diese Abwesenheit zu überwinden, sie als Nähe zu erfahren. Umsonst: Das "Kratzen an den Eismeeren der Welt" führt nur zu "blutigen Nägeln", die Sehnsucht der Suche ist an der "Kälte verkohlt". Erneut paradox formuliert: "Verkohlen" deutet eigentlich auf Feuer hin, wird hier aber durch Kälte hervorgerufen. Doch dann die fast verzweifelt formulierte Aussage: In dieser "Kälte" der weltlichen Eismeere - Bild für die Beziehungskälte der Menschen und die Gleichgültigkeit des Kosmos? - "da bist du".

Seit wann ist Gott, das im Gebetsgedicht angerufene "du", "in der Welt"? Genau hier wird nun eine biblische Vorstellung eingespielt, schließlich "scheint die Heilige Schrift als Erdboden" im ganzen Werk von Silja Walter "durch in biblischen Gestalten und Grundsituationen"16, so Ulrike Wolitz in ihrer Dissertation über Werk und Person der Autorin. Das Bild der lukanischen Weihnachtserzählung wird assoziativ aufgerufen: "Seit das Kind schrie bei den Schafen". Inkarnations-Christologie gibt den theologischen Hintergrund an: Gott ist in dieser Welt, "darin", seit und durch die Menschwerdung Jesu Christi. Wichtig für die Beziehung Gott - Mensch: Seitdem brennt Gott "lichterloh zu mir". Hintergrund dieses Schlußbildes ist das im Gedichtzyklus immer wieder aufgerufene Bild der "Feuertaube", des Geistes, der - laut westlichem Credo - "vom Vater und vom Sohn ausgeht". In diesem Bild mischen sich die biblischen Bilder für den Geist von Taube (vgl. Mk 1, 10) und Feuerzungen (vgl. Apg 2, 3) zu einer eigenen dichten Metapher.

Erneut paradox formuliert: Die Sehnsucht der Gottsuche ist "verkohlt" in der Kälte der Eismeere. Gegen diese Verkohlung brennt Gott ihr selbst in seinem Geist lichterloh entgegen. Wird die eine Verkohlung die andere aufheben? Wird die verzweifelte und ergebnislose Suchbewegung der Beterin durch das Entgegenkommen der "Feuertaube" aufgefangen? Das "Finden von neuen Bildern, Symbolen", das Silja Walter im Radiogespräch erwähnte, führt zu paradoxen Bildern, zu Symbolen, die weniger Erfüllung und Frieden ausdrücken als vielmehr Zerstörung, vollständiges Erfaßt-Sein und Verändert-Werden. Das Schicksal der in diesem Gedicht mit solchen Bildern beschworenen Gottessehnsucht bleibt offen. Doch wenn es einen Grund gibt, an den Abwesend-Wesenden zu glauben, dann aufgrund der im Weihnachtsbild aufgerufenen Inkarnation.

Weihnachten literarisch? - Ausblick

Nein, es ist kein zentrales Motiv der Weltliteratur, das Weihnachtsfest mit seinen Gründungslegenden. Zu festgelegt, zu bestimmt, zu belastet ist es, um ein freies Motiv zu sein, das literarische Produktivität reizt und fördert. Und dennoch gibt es Weihnachtstexte, die dem Geheimnis der Inkarnation auf der Spur sind. Mit Kurt Marti und Silja Walter kamen Vertreter der zeitgenössischen christlichen Literatur - im theologisch wie ästhetisch reflektierten Sinne - zu Wort. Erich Fried steht da­gegen für eine Annäherung an das Weihnachtsgeschehen von außen.

Was die drei Texte verbindet, ist die Suche nach dem Sinn von Weihnachten jen­seits aller verharmlosenden Affirmation, jenseits aller satirischen oder sozialkriti­schen Entlarvungen, jenseits aller möglichen Kritik, aber auch jenseits dogmati­scher Behauptungen. Ihre Qualität zeigt sich darin, daß sie deutungsoffen bleiben. Was Weihnachten ausmacht, kann man andeuten, in Bildern und Symbolen an­bieten, nicht aber definitorisch festlegen. Eine Geburt, in der alle Gottesbilder zer­schlagen wurden (Kurt Marti); ein Kind, das den Rhythmus von Chaos und Gewalt durchbricht (Erich Fried); eine Abwesenheit, die im Kind als Anwesenheit erfahr­bar wurde und sich dennoch der Faßbarkeit entzieht (Silja Walter) - solche Sprach­bilder suchen Raum im Zuhörenden und Lesenden.

Stimmen der Zeit (2005) 833-842

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