Von der Ökonomisierung zur HumanisierungPapst Franziskus Enzyklika "Fratelli tutti" und der Kampf für eine bessere Welt

Die neue Papst-Enzyklika "Fratelli tutti" wird kontrovers diskutiert. Sie thematisiert unsere Art zu leben und welche wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Folgen sich daraus ergeben. Jörg Alt SJ ist Sozialwissenschaftler und Hochschulseelsorger, Markus Vogt ist Professor für christliche Sozialethik an der LMU München und Martin Kirschner ist Professor für "Theologie in Transformation" an der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Die drei Autoren beleuchten insbesondere die sozial-ökologische Dimension der Enzyklika.

© Giorgos Kritsotakis

Als bekannt wurde, dass Papst Franziskus eine neue Enzyklika plant, verbanden sich sofort große Hoffnungen damit: „Pope Francis … has been trying to answer a thorny question…: how do we build a better, post-COVID world?”[i] Von „einem Grundsatzdokument für eine globale Neuorientierung nach der Corona-Pandemie“ war die Rede.[ii] Da die vorherige Enzyklika Laudato si´(abgekürzt LS) im Schlussteil eine Reihe von Politikvorschlägen hatte (z.B. Bepreisung von umweltschädlichen Produkten)[iii], erwarteten viele auch hier konkrete Vorschläge, wie aus Sicht des Papstes eine sozial gerechtere und ökologisch nachhaltigere Welt erzielt werden kann, wenn die Corona-Krise vielleicht unter Kontrolle ist, aber sich zeigt, dass die Gefahren etwa durch Klimawandel, Artensterben und Ungleichheit ungebremst weiterwachsen.

Hat Papst Franziskus diese Hoffnungen mit Fratelli tutti (abgekürzt FT) erfüllt? Auf den ersten Blick sicher nicht.

Zunächst deshalb, weil die Arbeiten an den Themen der Enzyklika schon lange vor Corona begannen und die Pandemie nicht im Zentrum steht (FT 7). Und sodann, weil das Dokument trotz seiner außergewöhnlichen Länge und anders als Laudato si´ kaum konkrete, schnell umsetzbare Politikvorschläge liefert.

Auf den zweiten Blick ist diese Enzyklika jedoch ein sehr starker Rückenwind im Kampf für eine bessere Welt, und zwar mehr, als jeder zuvor geahnt hat. Aber der Reihe nach:  

Was ist eine Enzyklika und wie verhalten sich Laudato si' und Fratelli tutti zueinander?

Enzykliken sind Lehrschreiben, mit denen Päpste aktuelle Herausforderungen von Kirche und Gesellschaft aufgreifen und die Glaubens- und Sozialverkündigung vertiefen und weiterentwickeln. Dabei geht es weniger darum, neue Themen in einem einzigen Dokument in sich abgeschlossen zu behandeln. Eher wird gezeigt, wie diese Enzyklika mit ihren Themen im Kontext früherer Publikationen steht und wie sich, bauend auf den Äußerungen der Vergangenheit, durch eine Weiterentwicklung der Lehre auch neue Herausforderungen bewältigen lassen.  

Konkret: Auch und gerade wenn Papst Franziskus in Fratelli tutti weniger zur drängenden Frage des Klimawandels oder des Artensterbens sagt als in Laudato si', so wird schnell deutlich, dass Laudato si'  und Fratelli tutti zusammengehören und zusammen gelesen werden müssen.

Das geht zum einen aus der Ausgangsinspiration hervor, die beiden Enzykliken zugrunde liegt: Der heilige Franziskus von Assisi:

„In der Tat wusste sich der heilige Franziskus, der sich als Bruder der Sonne, des Meeres und des Windes verstand, noch viel tiefer eins mit denen, die wie er von menschlichem Fleisch waren. Er säte überall Frieden aus und ging seinen Weg an der Seite der Armen, der Verlassenen, der Kranken, der Ausgestoßenen und der Geringsten.“ (FT 2)

Zudem wurde in Laudato si´ bereits der Blick auf die Themen von Fratelli tutti geöffnet: Dort betont Franziskus, dass die Krise, unter der die Menschheit leidet, zwei Seiten hat: eine ökologische und eine soziale. (30.

„Entscheidend ist es, ganzheitliche Lösungen zu suchen, welche die Wechselwirkungen der Natursysteme untereinander und mit den Sozialsystemen berücksichtigen. Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise. Die Wege zur Lösung erfordern einen ganzheitlichen Zugang, um die Armut zu bekämpfen, den Ausgeschlossenen ihre Würde zurückzugeben und sich zugleich um die Natur zu kümmern.“ (LS 139, vgl. LS 49)

Während also Laudato si´  aufgrund ihrer Themen als „Umweltenzyklika“ wahrgenommen wurde, ergänzt Fratelli tutti jetzt die soziale Seite: „Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft“ – so der Untertitel.

Last but not least wird die Zusammengehörigkeit durch häufige Zitierung betont: 20 Mal nimmt Franziskus in Fratelli tutti ausdrücklich Bezug auf Laudato si´.

Ein zweites ist wichtig, um Sozialenzykliken einordnen zu können: Diese richten sich nicht nur und in erster Linie an Bischöfe, Theologen und Katholiken, sondern meist ausdrücklich an „alle Menschen guten Willens“, also auch Angehörige anderer christlicher Kirchen, anderer Religionen und auch an jene, die nicht an einen Gott glauben, aber aufgrund ihres Gewissens gedrängt werden, sich für andere einzusetzen.

In Fratelli tutti setzt Papst Franziskus allerdings einen bislang einzigartigen Akzent, indem er seine Begegnung mit einem muslimischen Religionsführer als eine der Ausgangsinspirationen für die Abfassung der Enzyklika angibt:

Erneut ist der historische Franz von Assisi hierfür Vorbild: Für diesen war der Besuch beim Sultan von Ägypten ein Anliegen, um so „den Graben der Herkunft, der Nationalität, der Hautfarbe und der Religion zu überspringen“ (FT 3). Papst Franziskus schildert seine Begegnung mit Großimam Ahmad Al-Tayyeb im Februar 2019 und die mit diesem geteilte Erkenntnis, dass Gott „alle Menschen mit gleichen Rechten, gleichen Pflichten und gleicher Würde geschaffen und sie dazu berufen hat, als Brüder und Schwestern miteinander zusammenzuleben“, als wesentlichen Anlass für die Verfassung von Fratelli tutti und ihre Themensetzung. Der Titel „Fratelli tutti“ knüpft mit einem Zitat von Franz von Assisi zugleich unmittelbar an das Abschlussdokument dieses Treffens mit Al Tayyeb an.[iv] Grenzüberschreitender Dialog gegen „die Schatten einer abgeschotteten Welt“ (so die Überschrift des ersten Kapitels) ist das Leitmotiv der Enzyklika, was sich sozialethisch zugleich als kommunikative und politische Voraussetzung für die Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen einordnen lässt.[v]

Was will Papst Franziskus mit Fratelli tutti?

Kritik der gegenwärtigen Ordnung

Mit Fratelli tutti plädiert Papst Franziskus tatsächlich für eine neue Weltordnung, und zwar umfassender als erwartet. Nämlich für eine Ordnung, die aufbaut auf „Geschwisterlichkeit und soziale[r] Freundschaft … [,] die alle politischen und räumlichen Grenzen übersteigt“ (FT 1). Denn für den Papst ist evident, dass aufgrund der internationalen Vernetzung der Globalisierung mit all ihren guten und schlechten Seiten die Menschheit eine weltweite Schicksalsgemeinschaft geworden ist, weswegen alle, wie spätestens Corona zeigt, „in einem Boot sitzen.“[vi] Und deshalb ist jeder Mensch aufgerufen, Verantwortung auch für scheinbar ferne Menschen wahrzunehmen und in ihnen „Geschwister“ zu erkennen (FT 8).

Diese Sichtweise widerspricht allen Nationalisten und Populisten, die betonen, dass die Grenze des eigenen Familienverbands oder Volkes auch die Grenze der erwartbaren Solidarität ist.[vii] Und sie widerspricht dem Neoliberalismus mit seiner Überbetonung des freien, ungeregelten Markts, der Unantastbarkeit des Privateigentums und seinem Glauben an die Wohlstandsmehrung durch den Trickle-Down Effekt, also das vermeintlich automatische „Durchsickern“ des Wohlstand zu den Armen (FT 168). In Fratelli tutti geht es also um mehr als nur eine neue Art zu wirtschaften. Es geht um die Frage, welche Kultur, welches Wertesystem insgesamt das Zusammenleben der Menschen lenkt. Deshalb ist es absolut bedeutsam, wenn in Fratelli tutti erstmals ein Papst den Neoliberalismus nicht nur in einzelnen Aspekten, sondern als normative Werte-Ideologie namentlich kritisiert.[viii]

Dabei knüpft Franziskus an einem Unbehagen an, welches bereits Johannes Paul II. befiel, als dieser 2001 beobachtete, dass sich marktorientiertes Denken nicht auf den Bereich der Wirtschaft beschränkte, sondern sich zunehmend auch in Bereiche drängte, wo es eigentlich nichts zu suchen hat und, indem es beanspruchte, handlungsleitend zu sein, in eine „neue Form des Kolonialismus“ führte.[ix] Dies vertiefend führt Franziskus aus: Das Interesse der Wirtschaft ist, „ein einziges kulturelles Modell durchzusetzen. Eine solche Kultur eint die Welt, trennt aber die Menschen und die Nationen.“ Die Globalisierung macht Menschen zu Verbrauchern, Zuschauern und Nachbarn, nicht aber zu Geschwistern und ermöglicht so den „wirtschaftlichen Mächten …. das ‚Teile und Herrsche‘“ (FT 12). Wir erleben „neue Formen einer kulturellen Kolonisation“, in der „das geschichtliche Bewusstsein, das kritische Denken, (der) Einsatz für Gerechtigkeit und die Kurse zur Integration“ aufgelöst werden (FT 14).

Wie wichtig solch orientierende Werte und Normen für das menschlich-gesellschaftliche Miteinander sind, lässt sich aus Sicht der Autoren gut am Beispiel vom Magnet und den Eisenspänen veranschaulichen: Die Ausrichtung Letzterer wird dadurch bestimmt, welcher Magnet wie an sie herangehalten wird. Entsprechend werden gesellschaftspolitische Diskussionen um Wohlstand, Entwicklung und Fortschritt anders entschieden, wenn man an die „unsichtbare Hand“ des Marktes glaubt, als wenn man von der Notwendigkeit wertbezogener Marktregulierung überzeugt ist. Im Hinblick auf die heute dominierenden Marktideologen stellt Franziskus fest, dass

„die dogmatischen Rezepte der herrschenden Wirtschaftstheorie … sich als fehlbar erwiesen (haben). Die Zerbrechlichkeit der weltweiten Systeme angesichts der Pandemie hat gezeigt, dass nicht alles durch den freien Markt gelöst werden kann und dass – über die Rehabilitierung einer gesunden Politik hinaus, die nicht dem Diktat der Finanzwelt unterworfen ist – wir »die Menschenwürde wieder in den Mittelpunkt stellen müssen. Auf diesem Grundpfeiler müssen die sozialen Alternativen erbaut sein, die wir brauchen.«[x]

Natürlich hört man von Verteidigern der gegenwärtigen Ordnung, dass es der freie Markt mit seinen Kräften von Innovation, Effizienz, Skalengewinnen und Verteilungsmechanismen irgendwann schon noch richten wird, wenn man ihm denn genügend Zeit lässt. Aber: Wieviel Zeit soll es denn bitteschön noch sein? Die aktuelle Form der Weltwirtschaft hat beispielsweise hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs keine Reduktion geschafft, sondern beschleunigt ihn im Gegenteil trotz aller Klimaverhandlungen immer weiter, da jeder Effizienzgewinn bislang durch den Rebound-Effekt wieder überkompensiert wurde und wird.[xi] Uns ist nicht erkennbar, warum das ab morgen anders sein sollte.

Fundament der neuen Ordnung

Dreh- und Angelpunkt für Franziskus Begründung eines Perspektivenwechsels hin zu einer neuen Ordnung ist seine Auslegung der Geschichte vom Barmherzigen Samariter im Evangelium nach Lukas: In der Welt gibt es Räuber, die Menschen ausplündern. Franziskus betont ausdrücklich, dass wir uns mit der Suche nach den Räubern nicht aufhalten müssen, denn: „Wir kennen sie“ (FT 72). Zuerst und zunächst gilt es, dem Verprügelten ganz konkret zu helfen. Dass ein Priester vorüber geht und den Verwundeten sieht, ignoriert und liegenlässt „ist eine besondere Bemerkung wert: Es weist darauf hin, dass die Tatsache, an Gott zu glauben und ihn anzubeten, keine Garantie dafür ist, dass man auch lebt, wie es Gott gefällt“(FT 74).[xii]

Lediglich der andersgläubige Ausländer lässt sich anrühren und hilft dem Überfallenen sowohl unmittelbar und persönlich, aber auch unter Ausnutzung der bestehenden Infrastruktur, indem er seine übernommene Verantwortung dem Wirt überträgt, den er für seine Dienstleistungen bezahlt. Franziskus zeigt: Entscheidendes Kriterium einer Ethik in dieser Weltzeit ist nicht, „danach zu fragen, wer die sind, die uns nahe sind, sondern uns selbst (anderen) zu nähern, selbst zum Nächsten zu werden“ (FT 80).

Weil Papst Franziskus mit seiner Enzyklika auch Menschen ansprechen will, die keine Christen sind, greift er auf einen anderen Begründungsstrang zurück, der in der Katholischen Soziallehre zunehmend an Bedeutung gewann: Eine menschenrechtliche Betrachtung der gleichen Würde aller Menschen, die unbedingt und für jeden gilt.  Da aber nicht jeder Mensch gleich ist und unterschiedliche Bedürfnisse hat, schließt dies Ungleichbehandlung nicht aus und gebietet sie bisweilen aus Gerechtigkeitsgründen sogar. Aber: Jede Ungleichbehandlung muss auf dem Hintergrund der zuvorliegenden Gleichheit begründet und gerechtfertigt werden.

Zwar gibt es die Anerkennung der Menschenrechte für alle bereits seit über 70 Jahren, doch behindert ihre oft einseitige Anwendung, ihre Einbettung in „verkürzte anthropologische Sichtweisen“[xiii]und die Unterordnung dieser Rechte unter ein Wirtschaftsmodell, „das auf dem Profit gründet und nicht davor zurückschreckt, den Menschen auszubeuten, wegzuwerfen und sogar zu töten“ (FT 22), die Entfaltung des Menschenrechtsgedankens und seine Fruchtbarwerdung für das Gemeinwohl.  

Um die ursprüngliche Inspiration des Menschenrechtsgedankens, also Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit,[xiv] wieder gesellschaftsprägend werden zu lassen, braucht es zudem eine Wiederentdeckung und Wertschätzung von moralischen Tugenden,[xv] die gerade im Kontext der Wirtschaft lange Zeit als überholt angesehen, belächelt und bespöttelt wurden. Mit ihnen verschwand jedoch auch der selbstverständliche und bedingungslose Respekt vor nichtverhandelbaren Werten, etwa die Anerkennung der absoluten und gleichen Würde eines jeden Menschen und/oder die Bereitschaft, etwas Richtiges unentgeltlich zu tun, nicht weil es einem Nutzen bringen kann, sondern schlicht deshalb, weil es das Richtige ist, das jetzt getan werden muss.[xvi] 

Um zu zeigen, dass Fratelli tutti keine abstrakte Mahnung für irgendeinen späteren Zeitpunkt oder ein fernes Land ist, rückt Franziskus (wieder) Flüchtlinge ins Zentrum: Ob man seine Worte ernst nimmt, erweist sich im Umgang mit dieser Gruppe, die weltweit zu den am meisten marginalisierten und oft auch politisch oder kulturell abgelehnten Menschen gehören: Hier, vor Ort, geht es darum, ob meine „Nächstenliebe“ sich echt und ehrlich für sie interessiert und ich ihnen menschlich und auf Augenhöhe begegne. Meine „Fernstenliebe“ erweist sich darin, dass ich mich für die Verringerung von Fluchtursachen jeder Art einsetze, denn „ideal wäre, wenn unnötige Migration vermieden“ werden könnte, „indem man in den Herkunftsländern die Bedingungen für ein Leben in Würde und Wachstum schafft.“ (FT 129)

Sozialpakt und Kulturpakt

Die Akzeptanz und Anerkennung, dass jeder Mensch in Würde und Rechten gleich ist, wird von jedem verlangt, der Papst Franziskus auf dem Weg zu einer neuen Weltordnung folgen möchte.[xvii]All jene, die dies tun, können den Grundstock zu einem neuen Sozialpakt bilden, der zum Aufbau dieser neuen Ordnung geschlossen wird. Damit aber diese Erkenntnis von der Gleichheit in Würde und Rechten nicht theoretisch-abstrakt  im Kopf bleibt, sondern auch wirklich im Herz verankert wird, ist Begegnung und Dialog mit dem Anderen, insbesondere den Armen, so wichtig – weshalb auch ein Kulturpakt erforderlich ist, innerhalb dessen echte Begegnung und echter Dialog gefördert wird und stattfinden kann.[xviii] Gelingt dieser, sind jene, die aktuell viel haben, auch bereit „zu akzeptieren, dass man eventuell etwas für das Gemeinwohl aufgeben muss.“ (FT 221).[xix] Das Herz zu gewinnen ist wichtig, um eine Einsicht auch in die Realität hinein umzusetzen.

Aufgrund der gewachsenen Globalisierung und den daraus erwachsenden grenzübergreifenden Verbindungen und Bedrohungen kann man seine Bemühungen für eine bessere Welt nicht lokal, regional oder national begrenzen. Eine Ordnung im Sinne der in Fratelli tutti angesprochenen katholischen Soziallehre-Prinzipien und Werte, also von Menschenwürde, Gemeinwohl, universaler Bestimmung der Güter für alle, Solidarität, Subsidiarität, Nachhaltigkeit[xx] und Partizipation,[xxi] kann nur multilateral zustande kommen und gesichert werden. Entsprechend plädiert Franziskus dafür, jenen rechtlichen und institutionellen Strang wiederzubeleben, zu reformieren und zu stärken, der 1948 mit der, alle Kulturen und Nationen umfassenden, Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte begann und aus dem die Vereinten Nationen hervorgegangen sind (FT 173, 257). Damit reiht Franziskus sich bei all jenen seiner Vorgänger, beginnend bei Johannes XXII,[xxii] ein, die sich für die Vereinten Nationen und in deren Rahmen vereinbarten multilateralen Rechtswerken wie den Sustainable Development Goals oder dem Pariser Klimaabkommen eingesetzt haben, und weniger für den Ausbau der Clubs der Reichen und Mächtigen wie sie OECD oder G20 in den Augen vieler darstellen.

Welche normative Hilfe bietet der Papst konkret?

Welche konkrete Hilfe bietet uns der Papst aber, wenn wir jetzt nicht nur zwischenmenschlich, sondern im großen Stil umsteuern wollen? Hier muss zunächst gesagt werden, dass die Katholische Soziallehre keine Lehre mit einer Abhakliste ist. Sie ist vielmehr ein Baukasten, ein „Gefüge offener Sätze“, welche im Kontext der Methode „Sehen-Urteilen-Handeln“ an Situationen und Lösungen herangetragen werden können.[xxiii]

Der einfachste Zugang zum Verständnis von Gerechtigkeit jenseits des teilweise recht abgehobenen Streites um Theorien ist die Benennung von offensichtlichen Ungerechtigkeiten, also Zuständen, die nach allgemeinem menschlichem Empfinden gegen die Vorstellungen von Gerechtigkeit verstoßen. Entsprechend formuliert Fratelli tutti: Jedem das Seine zu geben „bedeutet, dass weder eine Einzelperson noch eine Menschengruppe sich als allmächtig betrachten darf, dazu berechtigt, über die Würde und die Rechte der anderen Einzelpersonen oder ihrer gesellschaftlichen Gruppierungen hinwegzugehen.“ (FT 171) Papst Franziskus setzt in seinem Gerechtigkeitszugang in Fratelli tutti auf eine für die Katholische Soziallehre innovative Weise einen sehr deutlichen menschenrechtlichen Akzent.

Positive, nach vorn gerichtete Empfehlungen findet man aber überall dort, wo Papst Franziskus (wie seine Vorgänger) den klassischen Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“ geht, d.h. wo auch immer er problematische Situationen analysiert, bewertet und dann, darauf aufbauend, gute Vorschläge prüft, um dann die besten zu empfehlen. Zum Beispiel, anhand der Klimakrise: Was der Papst etwa  unter Klimagerechtigkeit versteht, scheinen uns folgende Punkte zu veranschaulichen, die sich zudem auf aktuelle Debatten beziehen:

  • Zum ersten, dass die Ärmsten am meisten unter den Folgen des Klimawandels leiden, obwohl sie am wenigsten dazu beigetragen haben – und dass jeder Anspruch auf Klimagerechtigkeit sich daran messen lassen muss, was er den Ärmsten an Besserung bringt.[xxiv]
  • Zum zweiten ist für den Papst „sachgerecht“, dringlich und schnell zu handeln, weil uns die Zeit davonläuft: Zweimal hat Papst Franziskus bereits den Klimanotstand festgestellt. Zudem fordert er die „fortschreitende und unverzügliche“ Ersetzung von fossilen Brennstoffen, damit verbunden keine weitere Investitionen und Subventionen mehr in diesem Bereich, einen fairen Übergang unter Berücksichtigung der sozialen Folgen erforderlicher Umstellungen auf dem Arbeitsmarkt und eine Bepreisung von Kohlendioxid, etwa durch Besteuerung.[xxv]
  • Drittens betont der Papst, dass starke Schultern einen größeren Anteil an den Krisenbewältigungskosten tragen müssen, nicht zuletzt, weil reiche Personen, Konzerne und Länder historisch und gegenwärtig überdurchschnittlich zur Umweltkrise beitragen – ganz im Sinne des Prinzips der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung.[xxvi]

Vor allem aber verweist Franziskus auf den geschwisterlichen Dialog auf Augenhöhe, der Verschiedenheit respektiert, bereit ist, von Andersdenkenden zu lernen. Dabei hat jeder Mensch etwas zu sagen: Auch die Ärmsten haben eine Form der Weisheit, die sich bei der Regelung ihrer Angelegenheiten in ihrem vertrauten Umfeld besser auskennt als viele Experten von außerhalb. Deshalb sind Bewegungen von unten, von der Basis so wichtig. Deshalb

„ist [es] notwendig, die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Partizipation in einer Weise zu konzipieren, »die die Volksbewegungen mit einschließen und die lokalen, nationalen und internationalen Regierungsstrukturen mit jenem Strom moralischer Energie beleben, der der Miteinbeziehung der Ausgeschlossenen in den Aufbau unseres gemeinsamen Schicksals entspringt.«  … Auch wenn sie unbequem sind, auch wenn einige „Theoretiker“ nicht wissen, wie sie einzuordnen sind, so muss man doch den Mut haben anzuerkennen: Ohne sie »verkümmert die Demokratie, wird sie zum Nominalismus, zur Formalität, verliert sie ihre Repräsentativität.“ (FT 169)

Systemwechsel?

Erwartungsgemäß löste Fratelli tutti eine heftige Diskussion um Schlagworte aus: Befürwortet der Papst eine neue Gesellschaftsordnung durch Reform oder will er einen Systemwechsel? Wie radikal und umfassend soll die Transformation sein?

Wenig überraschend kritisiert der Chef des Münchner IFO-Instituts, Clemens Fuest, die „anti-marktwirtschaftliche Ideologie und Fehleinschätzungen über die Globalisierung und die Rolle von Privateigentum.“[xxvii] Dem Papst eine anti-marktwirtschaftliche Ideologie zu unterstellen zeugt davon, dass man die Enzyklika entweder nicht gelesen hat oder dass man die (zugegeben scharf vorgetragene) Kritik durch den Ideologievorwurf insgesamt diskreditieren möchte. Dabei sind die Ausführungen des Papstes dezidiert ideologiekritisch, indem er immer wieder die Unterscheidung von Ziel und Mittel zur Geltung bringt. Scharf und radikal wird seine Kritik überall dort, wo Markt oder Privateigentum absolut gesetzt werden. Natürlich wird es den Markt weiterhin geben, aber er muss am Menschen ausgerichtet sein, in eine Kultur der Solidarität eingebettet und so reguliert, dass er nicht auf den Profit für wenige, sondern auf das Gemeinwohl aller ausgerichtet ist (FT 168).

Den Tendenzen der Globalisierung einseitig die Position der Mächtigen zu stärken, Lebensformen zu vereinheitlichen und die verschiedenen Kulturen zu überformen, stellt Franziskus das Bild des Polyeders gegenüber, bei dem die Menschheit zu einer Einheit findet, die Verschiedenheit und Besonderheiten respektiert (FT 142-145, 215)[xxviii] Das Privateigentum hat die Katholische Soziallehre nie als absolut Schützenswertes gesehen, sondern nur insofern es der beste Weg ist, dem Gemeinwohl zu dienen, weshalb es stets an eine „soziale und ökologische Hypothek“ und das Postulat der „Gemeinwohlverträglichkeit“  geknüpft ist.[xxix] Der Papst spricht vom „Recht auf Privateigentum [...] als ein sekundäres Naturrecht [...], das sich aus dem Prinzip der universalen Bestimmung der geschaffenen Güter ableitet“ und nicht über „die vorrangigen und ursprünglichen Rechte“ gestellt werden darf (FT 120).

Konkret befürwortet Franziskus in Fratelli tutti:

  • Einen anderen Verteilungsmechanismus: Nicht mehr entlang von Angebot und Nachfrage, welcher jene begünstigt, die reich sind, sondern eine Regulierung, die beim Wohl der Ärmsten ansetzt.
  • Eine ganzheitliche Entwicklung, einschließlich ökologischer Nachhaltigkeit, als Kriterium für wünschenswertes Wachstum und eine Kritik der Generalisierung des Wachstumsziels, das in der gegenwärtigen Wirtschaft eine sinnstiftende und damit systemisch prägende Bedeutung hat.[xxx] Hier verschärft Franziskus die Gangart und sticht ins Herz der gegenwärtigen wirtschaftlichen Globalisierung, wenn er mahnt, unser Wirtschaften an den Erfordernissen der Nachhaltigkeit, also weltweiter sozialer Gerechtigkeit einerseits und den planetaren Grenzen andrerseits, auszurichten. Neues Wachstum an bestimmten Stellen mag gerechtfertigt sein, so Franziskus, dann aber muss anderswo gekürzt und eingespart werden.[xxxi]
  • In Fratelli tutti entwickelt der Papst die Wirtschaftskritik des „technokratischen Paradigmas“ aus Laudato si´[xxxii] zu einer differenzierten Wertekritik der Ambivalenzen technischer Entwicklung (z.B. der Schattenseiten der digitalen Kommunikation oder der Möglichkeiten eines Machtmissbrauchs) weiter und fordert entsprechend einen Kulturwandel, in dem die Technik konsequent in den Dienst des Menschen genommen wird (FT 23, 31,33, 123, 167, 171, 258).

Natürlich geht es Franziskus nicht um eine staatlich kontrollierte Planwirtschaft. Wie allen Päpsten vor ihm geht es ihm um eine Balance zwischen Markt und Staat, Freiheit und Regulierung, Privateigentum und gesellschaftlichem Eigentum.[xxxiii]Früher war dies unter dem Namen „soziale Marktwirtschaft“ bekannt, heute, angesichts der planetaren Grenzen, gilt es, diesen Gedanken zu einer sozial-ökologischen Marktwirtschaft weiterzuentwickeln. Und es gilt dabei die Zivilgesellschaft, die kulturelle Vielfalt und die in den unterschiedlichen Lebensformen enthaltene Weisheit ernst zu nehmen. Eine solche Ordnung ist dermaßen verschieden von der aktuellen, dass unserer Meinung nach der Ausdruck „Systemwechsel“ gerechtfertigt ist: Und zwar eine Abwendung von der zunehmenden Dominanz der Logik der Finanzmärkte in der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sowie von der  Ökonomisierung der Kultur und des Alltags hin zu einer neuen Humanisierung aller Lebensbereiche.

Folgende historische Parallele bietet sich an: Die letzte globale Katastrophe der Menschheit, der Zweite Weltkrieg, öffnete der CDU 1947 die Augen. Im Ahlener Programm heißt es:

Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinwirtschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert.

Jetzt, angesichts der heraufziehenden nächsten Katastrophe, sehen wir in Laudato si´ und Fratelli tutti den dringenden Appell, vielleicht doch noch rechtzeitig weltweit die Bremse zu ziehen. Hier scheint uns Papst Franziskus Realist zu sein, während Clemens Fuest der Utopist ist, der trotz aller gegenteiligen Indizien immer noch an den Segen der Ideologie des reinen Marktes glaubt und auf ihn hofft.

Für eine bessere Welt

Hilft Fratelli tutti beim Kampf für eine bessere Welt? Und ob, und zwar aus zwei Gründen:

Franziskus erklärt erstens der neoliberalen Ideologie, Ethik und Kultur, namentlich und als Ganzes den Kampf an und plädiert für eine neue Gesellschaftsordnung, in der das Wohl und die Würde jedes einzelnen  Menschen wieder in den Mittelpunkt gerückt werden. Dafür braucht es nicht nur karitative Zuwendung zum Einzelnen, sondern auch „politische Liebe“[xxxiv] zur mühevollen Entwicklung eines ordnenden Rahmens und einer Zielbestimmung, was freier Markt und Kapital, wie die Geschichte zeigt, nicht zu bieten vermögen (FT 15ff.). Um dies zu beheben, braucht es „die beste Politik“ (FT 154ff.), „deren Denken einen weiten Horizont umfasst und die einem neuen, ganzheitlichen Ansatz zum Durchbruch verhilft.“ (FT 177).

Damit diese Wende geschafft und dieser Plan umgesetzt und durchgesetzt werden kann, braucht es – und hier kommt der zweite Punkt – eine große Koalition von Menschen, die diese Politik befürwortet und einfordert. Die Sozialenzykliken haben sich in ihrer Argumentation immer schon an „alle Menschen guten Willens“ gerichtet, seit Pacem in terris dann auch ausdrücklich in der Anrede. Papst Franziskus geht hier jedoch einen entscheidenden Schritt weiter, indem er aus dem Dialog heraus konkrete Koalitionen sucht. In Laudato si´ bezieht er sich auf Patriarch Bartholomäus, entwickelt seine Argumentation im Gespräch mit der Wissenschaft und zielt auf einen breiten gesellschaftlichen und politischen Dialog (LS 163-201) und auf ein „Bündnis zwischen Menschheit und Umwelt“ (LS 209). Die ausdrückliche Hinwendung des Papstes zu Großimam Al-Tayyeb und die Muslime in Fratelli tutti bildet einen weiteren, gerade heute dringend erforderlichen Schritt, um zu einer Koalition aller Menschen guten Willens im gemeinsamen Kampf für die Lösung der gemeinsamen Probleme einzuladen.

Gerade deshalb, weil es in der aktuellen Umbruchszeit so wichtig ist, schnellstmöglich zu einer neuen Ordnung zu kommen, entwickelt Franziskus in Fratelli tutti eine Handlungsbegründung, die ausdrücklich und explizit an alle Katholik*innen und Christ*innen, aber auch andere Religionen und Menschen guten Willens appelliert, sich unverzüglich gemeinsam und mit aller Kraft den Gefahren der Gegenwart entgegenzustellen. Dabei sei das Wohl des Ärmsten und Schwächsten als Ausgangspunkt für Wandel und Verbesserung zu nehmen, um eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Transformation unserer Weltgesellschaft voranzutreiben. In Zeiten wie diesen darf es nicht mehr sein, dass sich jede Religion hinter ihren Wahrheitsansprüchen verschanze und die Zusammenarbeit mit der anderen vernachlässige.[xxxv] Die Anerkennung der gleichen Würde und Rechte aller Menschen ist das Fundament, die „Grundlage des Konsenses“ (FT 206), vielleicht sogar eine „objektive Wahrheit …. Wenn die Menschen im Dialog wagen, einem Thema auf den Grund zu gehen“ (FT 212). Die Zeit des Gegeneinanders muss enden, da dies nur den Starken nützt, die dann ihre eigene Agenda durchsetzen können.

Der Schritt zu einer weltweiten Geschwisterlichkeit, die die Grenzen von Nationen, Kulturen und Religionen überschreitet, ist in den Augen von Papst Franziskus eine Überlebensbedingung unserer Zivilisation. Gelingt dies, dann ist eine sozial-ökologische Transformation möglich ohne eine gewaltsame Revolution. Diese neue Ordnung beginnt konkret, im Umgang des Einzelnen mit seiner Umgebung und zieht von dort aus immer größere Kreise. Sie umfasst zivilgesellschaftliche Akteure wie Gemeinwohl-Ökonomen, nachhaltig-ethisch denkende Investoren, soziale Bewegungen und vieles mehr. So wächst die neue Ordnung von unten heran, indem auch hier gilt: Das neu entstehende Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile.[xxxvi]

Ja, man mag enttäuscht sein, weil Fratelli tutti weniger konkrete Politikempfehlungen enthält als Laudato si‘. Das jedoch ist im Sinne der Katholischen Soziallehre, die stets betonte, dass es nicht Aufgabe der Kirche ist, gesellschaftspolitisch engagierten Laien und Politikern die konkrete Arbeit abzunehmen. Wohl aber ist es die grundlegende Aufgabe der Katholischen Soziallehre, die prägenden Werte und Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens offenzulegen und zu verändern (FT 276). Insbesondere dann, wenn mächtige Ideologien sich dermaßen festgesetzt haben in den Köpfen und Herzen der Menschen, dass man ihre Wirkkraft kaum mehr durchschaut und deshalb riskiert, dass wir unsere Welt absehbar an die Wand fahren.

Von Jörg Alt SJ, Martin Kirschner und Markus Vogt 

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