Maria Magdalena (2018)Apostelin unter Aposteln

„Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau.“ Die Botschaft des Films „Maria Magdalena“, der am 15. März in die deutschen Kinos kommt, trifft einen Nerv in der Debatte um die Rolle von Frauen in der christlichen Gesellschaft. Und das auf eine sehr unaufdringliche Weise und ohne historische Verklärung. Das Spektakuläre schläft in den stillen Tönen.

Als Maria von Magdala (Rooney Mara: „Pan“, „Verblendung“, „Her“, „The Social Network“) endlich verheiratet werden soll, spürt sie, dass Gott sie zu einem anderen Leben berufen hat - wozu genau, das weiß sie noch nicht. Die in ihrer jüdischen Gemeinde bislang sehr beliebte junge Frau gerät fortan unter den Verdacht, von einem Dämon besessen zu sein - denn eine Heirat zu verweigern bringt dieser Zeit Schande über die von Vätern und Brüdern geführte Familie. Nachdem eine Art Exorzismus, der am ehesten mit der Foltermethode „Waterboarding“ zu beschreiben ist, nicht die erwünschte Wirkung zeigt, holt die Familie Jesus, „den Heiler“, der sich gerade in der Region aufhält.

Jesus (Joaquin Phoenix: „Gladiator“, „Walk the Line“, „Her“), der mit seinen Jüngern durch die Lande zieht, um das Reich Gottes zu verkünden, kommt tatsächlich in das Fischerdorf am See Genezareth. Als der charismatische Wanderprediger Maria besucht, die einerseits unter dem hohen Druck ihrer spirituellen Sehnsucht und andererseits unter den Erwartungen ihrer Familie leidet, erklärt sie ihm, dass sie Gott suchen wolle. „Hier ist kein Dämon“, stellt Jesus fest, und geht mit seinen Aposteln zum See, um zu predigen.

Neugierig folgt Maria dem Prediger, der im Anschluss an seine Verkündigung vom Reich Gottes einen Blinden mit seinem Speichel heilt. Beeindruckt von Jesu Worten lässt sich Maria als einzige Frau unter Männern im See taufen - sehr zum Missfallen ihrer Familie, die das Geschehen skeptisch von der Seite verfolgt. Damit beginnt Maria Magdalenas Nachfolge Jesu, die sie Seite an Seite mit den männlichen Aposteln bis nach Jerusalem führen wird.

Historisch plausibel - biblisch mal näher, mal freier

Der Regisseur Garth Davis („Lion“, „Top of the Lake“) erzählt in „Maria Magdalena“ die letzten Wochen in Jesu Leben allein aus der Perspektive der jungen Frau vom See Genezareth: Ohne Kitsch und Verklärung, glaubhaft transportiert von einem stringenten Drehbuch und authentischem Schauspiel. Die Orte, Charaktere, Handlungen und Dialoge sind historisch plausibel: eine karge Wüstenlandschaft und nüchternes Ambiente, meisterhaft dezent untermalt von den träumerisch-schönen Klängen des isländischen Komponisten Johánn Johánnson († 2018), die gleichsam die Stille der bergigen Landschaft und die Spannung der Ungewissheit, die auf Jesu Wegen in der Luft liegt, transportieren.

Manche Stellen in „Maria Magdalena“ folgen der biblischen Überlieferung wörtlich - andere weichen davon ab oder interpretieren das Geschehen nicht wörtlich. So schließt sich Maria nach Lk 8,2 (eigentlich neben weiteren Frauen wie Johanna und einer weiteren Maria) Jesus erst als Jüngerin an, nachdem er sieben Dämonen aus ihr austreibt. Im Film sieht Jesus keine Dämonen in Maria - vielleicht besteht die Austreibung eben in der Ermutigung, bei der Suche nach Gott auf dem richtigen Weg zu sein. Schließlich zeigen die tröstenden Worte Jesu ihre Wirkung, da die bedrückte Maria neue Hoffnung schöpft und ihr Zimmer wieder verlässt, in das sie sich zurückgezogen hatte: für damalige Beobachter vielleicht eine wundersame Heilung.

Demgegenüber werden die Wunderheilungen aus der Bibel tatsächlich als solche dargestellt: Der Blinde im Film ist nicht jemand, dem Jesus „die Augen öffnet“, wie es viele moderne Theologen deuten, sondern ein Mann mit der medizinisch realen Diagnose Blindheit. Ein Toter wird später tatsächlich wieder zum Leben erweckt und steht auf. Es sind gerade diese explizit dargestellten Zeichen und Wunder, die dem etwas kauzigen Wanderprediger erst so viele Bewunderer bescheren. Ohne die Wunder hätte dieser Jesus bloß einen Bruchteil seiner Nachfolger, so charismatisch er bisweilen auch auftreten mag.

Kein Superhelden-Film

Jesus tritt hier nicht als zielstrebiger Superheld in Erscheinung. Im Gegenteil scheint er selbst nicht immer so recht zu verstehen, wie seine Wunder wirken, was er sagen soll oder wohin ihn seine Berufung führen wird. Einmal spürt er eine große Dunkelheit. Hier zeigt die einfühlsame und religiös hoch musikalische Maria Magdalena ihre Stärke als verständige Zuhörerin, als Trösterin und Begleiterin, der sich Jesus auch emotional anvertrauen kann - während sich seine männlichen Gefährten zum Teil aufführen wie ungeduldige Soldaten, die das Reich Gottes als reales politisches Königreich gegen die römische Besatzung etablieren wollen und die dabei eher strategisch als theologisch denken.

Das Bild der Frau wird in „Maria Magdalena“ aber nicht bloß auf klassische Tugenden wie ihr empathisches Wesen beschränkt: Die junge Gefährtin tritt ebenso intelligent, zielstrebig und selbstsicher in Erscheinung, der rundum patriarchalen Umgebung zum Trotz. Selbige wird in Davis‘ Film in der Figur des Petrus verkörpert (Chiwetel Ejiofor: „12 Years a Slave“, „Salt“, „2012“, „Children of Men“). Von Beginn an steht er Maria skeptisch gegenüber, befürchtet Nachteile durch die Anwesenheit einer Frau an Jesu Seite - „Man wird über uns urteilen“ -, womit er nicht ganz Unrecht haben soll. 

„Werde zu meiner Hand“

Die Anwesenheit einer Frau unter den Jüngern bringt aber auch entscheidende Vorteile mit sich. In Kaana, wo Jesus auf eine größere Gruppe Frauen trifft und zunächst etwas verunsichert wirkt, ermutigt sie ihn, zu sprechen. Seine Predigt gestaltet sich eher als Dialog mit den unter dem Joch ihrer Männer leidenden Frauen. Bloß Gott bestimme, was Recht sei, versichert ihnen Jesus - vor Gott sind alle Menschen gleich.

„Die Frauen fürchten sich, zusammen mit Männern getauft zu werden“, sagt Maria noch in Kaana (wo übrigens kein Wasser zu Wein verwandelt wird). „Dann geh also zu ihnen, werde zu meiner Hand“ erwidert Jesus. Und Petrus bekommt einen roten Kopf: „Es ist nicht Recht, dass er dich dazu erhebt, uns zu führen.“ - in Jesu Namen geht Maria mit den anderen Jüngern durch die Menge und segnet die Leute.

Ein gutgemeinter Verrat

Nicht nur Jesus, auch andere Männer, allen voran Judas Iskariot (Tahar Rahim: „Ein Prophet“, „The Cut“), nehmen Maria ernst und begegnen ihr wohlwollend. Der sympathische Mann, der seine Familie verloren hat, ist allerdings recht ungeduldig, was die Verwirklichung des Reichs Gottes anbelangt, wo er hofft, Frau und Tochter wiederzusehen - der Grund für seinen später gutgemeinten Verrat an Jesus („Jetzt muss er sich retten“).

Die letzte Reise Jesu nach Jerusalem, seine Verurteilung und der Kreuzweg nehmen im Vergleich zu anderen Christusfilmen wenig Raum ein. Immerhin ist es kein Christusfilm im engeren Sinne, sondern ein Maria-Magdalena-Film. Wieder ist sie es, die die Zeichen der Zeit (neben Jesu Mutter vielleicht als Einzige) theologisch zu deuten vermag: „Was immer jetzt passiert - Gott verlangt es von ihm“. Das erwidert sie den Jüngern, die Jesus nach dem letzten Abendmahl davon abhalten wollen, etwas so Dummes zu tun, wie sein Leben aufs Spiel zu setzen. Gleichsam weicht sie nicht von Jesu Seite: „Ich bin bei dir - bis zum Ende“. Sie glaubt an ihn.

„Ich werde nicht schweigen“

Nach der Kreuzigung ist es Maria, die entgegen Lk, Mt und Mk - am ehesten nach Joh 20 - alleine zum Grab geht und unweit davor an den Hügeln keine Engel, sondern Jesus persönlich erblickt. Die Männer, die glauben, ihre Reise sei mit dem Tod ihres Herrn beendet, reagieren höchst unterschiedlich auf Marias Entdeckung. Patriarch Petrus wird neidisch und beschränkt die Aufgabe der Verkündigung dieser Frohen Botschaft allein auf die anwesenden Männer im Raum.

Dabei ist es wieder Maria, die verstanden hat: Das Reich Gottes wird nicht mit Feuer und Blut gegründet, sondern im Herzen. Nie habe sich Jesus selbst als König bezeichnet. Wir selbst können das Leid in der Welt lindern, durch Barmherzigkeit, Gnade und Liebe. „Die Welt wird sich nur ändern, wenn wir uns ändern. Ich werde nicht schweigen. Ich werde gehört werden.“ 

2000 Jahre später

Der Film kommt genau zur rechten Zeit: Vor den Credits folgt ein Abspann mit der weiteren Geschichte Maria Magdalenas: Im 6. Jahrhundert noch (591) bezeichnete Papst Gregor I. sie als „Prostituierte“. Erst seit 2016 gilt sie als „Apostelin unter Aposteln, den Aposteln gleichgestellt“. Ihren Gedenktag erhob Papst Franziskus zum Festtag.

Die - reichliche späte - Rehabilitierung und Gleichstellung Maria Magdalenas mit den männlichen Jüngern ermutigt und rollt weitere Fragen auf, denen sich die Kirchen heute widmen müssen: Wer oder was sollte Frauen früher wie heute daran hindern, etwa Sakramente zu spenden oder zu predigen? Auch im Film wird deutlich, dass die patriarchale Gesellschaftsordnung die Gefährten Jesu beherrscht hat - die Gefährten dessen, der ebenso Frauen mitgenommen hat und der sich nach seinem Tod als erstes den Frauen offenbart hat: „Es waren Maria von Magdala, Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus, und die übrigen Frauen mit ihnen. Sie erzählten es den Aposteln. Doch die Apostel hielten diese Reden für Geschwätz und glaubten ihnen nicht“ (Lk 24,10-11).

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