I Can Only Imagine (2018)

Am 27. September 2018 kommt mit „I Can Only Imagine“ nicht nur eine Musiker-Biografie in die deutschen Kinos, sondern auch eine fesselnde Geschichte über Entfremdung und Vergebung, über Vater und Sohn.

Filmplakat I Can Only Imagine

Der Musiker Bart Millard (John Michael Finley) gibt ein Interview, sitzt wie immer etwas schüchtern auf seinem Stuhl im ausgeleuchteten Studio. Auf die Frage nach dem enormen Erfolg seines Songs „I Can Only Imagine“, wiegelt er ab – der Song sei in nur 10 Minuten entstanden. Die Journalistin erwidert: „Bart, du hast diesen Song nicht in 10 Minuten geschrieben. Du brauchtest dafür dein ganzes Leben. Wie konntest du ihn schreiben?“

Der Film will die wahre Geschichte des Lead-Sängers von MercyMe, einer der erfolgreichsten christichen Pop-Rock-Bands der USA, erzählen. Das Genre wird CCM genannt (Christian Contemporary Music) und bedient einen riesigen Markt in den Vereinigten Staaten und zunehmend auch in Deuschland. Vor allem Evangelikalen und Freikirchen wird die Grundsteinlegung für entsprechende Konzerte zugeschrieben, mit denen längst riesige Hallen gefüllt werden. Allein mit Ihrem Titel „I Can Only Imagine“ beispielsweise hat MercyMe mehr als 60 Millionen Views auf YouTube gesammelt. Er gilt als der erfolgreichste christliche Song aller Zeiten.

Der Vater ein verbitterter gewalttätiger Tyrann

Das Biopic der Erwin Brothers, Jon und Andrew, die bislang vor allem für ihre Musikvideos bekannt sind, erzählt den harten und steinigen Weg des Sängers Bart Millard bis zum Durchbruch seines Songs. Der kleine Bart wächst als Einzelkind in der 80er-Jahren in der texanischen Einöde (Greenville) auf. Viel mehr als eine Highschool und eine Kirche gibt es nicht. Sein Vater Arthur (Dennis Quaid) ist ein verbitterter gewalttätiger Tyrann, der die Familie terrorisiert. 

Allein ein Feriencamp der Kirchengemeinde bietet Bart etwas Aufwind und Halt. Hier lernt er auch seine spätere Liebe Shannon (Madeline Carroll) kennen, die ihm ein Mixtape mit ihren Lieblingssongs mitgibt. Als Bart nach Hause kommt, ist seine Mutter fort. Sie war vor der häuslichen Gewalt geflohen und lässt den jungen Bart allein beim Vater zurück, was ihn an den Rand der Verzweiflung bringt.

Auf Tour mit MercyMe

Einige Jahre später: Bart soll Footballspieler werden – wie sein Vater damals – dabei ist der sensible Junge eher kreativ begabt, was Arthur sehr enttäuscht. Als Bart sich bei einem Spiel eine schwere Verletzung am Bein hinzuzieht, steht fest, dass er niemals professioneller Sportler werden kann. Weil er nun einen anderen Kurs als den Schul-Football belegen muss, aber fast alle Kurse voll sind, landet er im Chor. Die Lehrerin entdeckt sein außerordentliches Potenzial und nötigt den zunächst skeptischen jungen Mann zu einem Auftritt – in der Hauptrolle eines Bühnenstücks. Aus Angst vor der Reaktion seines Vaters lädt Bart ihn gar nicht erst ein. Tatsächlich hält der nicht viel von Männern, die singen. Während Bart sein Publikum begeistert, erleidet Arthur einen Zusammenbruch und landet im Krankenhaus. Die Diagnose verschweigt er seinem Sohn: Krebs.

Nach einem Streit macht sich Bart ohne Abschied 1991 nach Oklahoma City auf, um sich aus der Enge des Elternhauses und der Kleinstadt zu befreien. Zwei Jahre lang tourt er mit der noch völlig unbekannten Band MercyMe durch das Land und versucht, den Musikmanager Scott Brickell (Trace Adkins) von einem Plattenvertrag zu überzeugen. Die Musikindustrie ist ein hartes Geschäft – der Markt wartet nicht auf verträumte mittelklassige Bands aus der Provinz. Erst als Bart die Band zwischenzeitlich verlässt, um die Dinge mit seinem Vater, aber auch mit seiner zurückgelassenen Jugendliebe Shannon zu regeln, kann er seinen Schmerz kanalisieren und glaubwürdigere Songs schreiben, die den Musikmanager wirklich überzeugen: „Vor was rennst du davon? Schreib darüber! Stell dich dem Schmerz und lass ihn zu deiner Inspiration werden.“

Hass und Angst, aber auch Mitleid

Die beste schauspielerische Leistung in „I Can Only Imagine“ liefert Dennis Quaid (Dem Himmel so fern; The Day after Tomorrow) in der Rolle Arthur Millers, die beim Zuschauen Hass und Angst provoziert, aber auch Mitleid: Arthur ringt schwer mit sich selbst, zeigt Reue, findet zwischen Selbsthass und grausamer Härte aber selten die richtige Sprache zu seinem Sohn. Diese widersprüchlichen Charakterzüge und Gefühle bringt Quaid meisterhaft zur Geltung. Die Vaterfigur macht mehrere Entwicklungen durch, bis am Ende ein kranker, gebrochener alter Mann steht, der wieder in die Kirche geht, in der Bibel liest und seinem zurückgekehrten Sohn Frühstück serviert.

„Mein Dad war ein Monster, aber ich habe gesehen, wie der Glaube ihn verwandelt hat. Ich habe nie gedacht, dass der Glaube so etwas möglich macht. Also habe ich diesen Song geschrieben. Für meinen Vater“, wird Bart später sagen.

Die Religion spielt in „I Can Only Imagine“ ohne Frage eine zentrale Rolle: erst als Auffanglager und Rettungsanker für die verkümmernde Landjugend Amerikas, dann als Inspirations- und Kraftquelle beim Erwachsenwerden, beim Artikulieren von Gefühlen (z.B. in der Musik). Ihr größter Verdienst ist das Versetzen von Bergen: erst durch die Läuterung des verbitterten Vaters, dann durch die Einsicht bei Bart, dass er ihm vergeben muss, um Frieden zu finden und mit seiner Vergangenheit abzuschließen.

Konkretere religiöse Bezüge gibt es allerdings kaum. Es bleibt symbolhaft und eine kritische Auseinandersetzung mit bestimmten Glaubensinhalten oder konfessionellen Eigenheiten findet nicht statt. Auf diese Weise kann der Film nicht anecken. Denn die im Film dominierende Botschaft von der göttlichen Macht der Barmherzigkeit ist allen Konfessionen (wenn nicht sogar allen Religionen) gleich.

Nicht nur für Fans der modernen christlichen Songs

„I Can Only Imagine“ fesselt seine Zuschauer vor allem durch die glaubwürdige komplexe Gefühlswelt, ohne dabei sonderlich kitischig zu werden. Den Erwin Brothers gelingt es, erst Unverständnis und Zorn beim Anblick des tyrannischen Vaters zu erzeugen, der sich schließlich in Verständnis und Mitleid wandelt. Der verträumte und verunsicherte Bart bietet mit seiner zunächst verschlossenen, später großherzigen Art eine sympathische Identifikationsfläche. 

Nicht nur Fans der modernen christlichen Lieder werden also viel mehr in dem Film sehen als bloß eine Dokumentation der Erfolgsgeschichte einer Band. Ein Kinobesuch wird sich lohnen.

Zum deutschsprachigen Trailer I Can Only Imagine

Der Song von MercyMe auf YouTube (Version mit Songtext)

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