René Girard, das war in den 1980er-Jahren eine Entdeckung für die Theologie. Der französische Literaturhistoriker legte eine religionskritische Opfertheorie vor, die nicht primär religionsgeschichtlich, sondern soziologisch und psychologisch argumentierte. Im Unterschied zu Freud setzte Girard für den Urzustand der Gesellschaft bei einem Begehren des Menschen an, das nicht von Natur aus auf ein bestimmtes Objekt fixiert ist. Vielmehr entzünde sich, so Girard, das eigene Begehren am Begehren des Anderen. Es habe den Charakter der Nachahmung, der „mimesis“. Der Andere ist somit ambivalent besetzt: Vorbild für mein Begehren, und Rivale zugleich. Die „mimetische Rivalität“ führt zu zwischenmenschlicher Gewalt; sie steckt an und erfasst immer mehr Mitglieder der Gesellschaft bis hin zur Gewalt aller gegen alle. Eine Chance, aus diesem Verhängnis herauszukommen, ergibt sich, wenn die Gewalt aller gegen alle in die Gewalt aller gegen Einen umschlägt, aus welchen Gründen auch immer. Das ist der „Sündenbock“. Die Gewalt wird auf ihn abgeladen, und es kehrt Frieden ein. Ohne Sündenböcke also kein Ende der Gewalt?
In den Opferriten der Religionen, nicht zuletzt auch im Sündenbockritual des Yom Kippur (Lev 16) sah Girard die religiöse Überhöhung und zugleich ritualisierte Wiederholung des ersten spontanen Lynchmordes. Der Zweck der Wiederholung sei, die Grundlage für den Frieden aller miteinander zu sichern. Allerdings ist dieser Friede faul. Das „Heilige“, das aus der mimetischen Gewalt rettet, atmet zugleich die Unwahrheit und Brutalität ihres Ursprungs: Schuldzuweisung an das Opfer und dessen Tötung, um vom Opfer die Beruhigung der mimetischen Krise zu empfangen. Die Gewalt wird nicht überwunden, sondern kaschiert.
Mit seinem 1983 auf deutsch erschienenen Buch „Das Ende der Gewalt“ schob Girard Beobachtungen zu den biblischen Erzählungen nach. Ein anderer Umgang mit der Gewalt werde da sichtbar, etwa wenn Kain, der Mörder seiner Bruders Abel, durch das Kainsmal vor der Lynchjustiz geschützt wird, oder wenn Josef, der von seinen Brüdern („alle gegen einen“) verkauft wird, seinen Brüdern später verzeiht. Am Beispiel Jesu wird dann die Umkehrung der Sündenbockideologie, wie sie sich in der prophetischen Opferkritik ankündigte, ganz deutlich. Nicht das Opfer ist schuld daran, Opfer zu sein, sondern die, die ihn zum Opfer machen. Daran hält die Urkirche fest: „Christus, der ohne Sünde war“ (2 Kor 5,21). Die, die den Sündenbock am Kreuz opferten, weil sie meinten, es sei „besser, dass einer für das Volk stirbt, als dass das ganze Volk zugrunde geht“ (Joh 11,50), haben einen Unschuldigen getötet. Damit ist die religiöse Ideologie der Opfer-Schuld durchbrochen, für Girard eine „in der Geschichte der Menschheit präzedenzlose spirituelle Metamorphose“, der Schritt an die Seite des „Opfers“ (im Sinne von victim), die Entsakrifizierung des „Opfers“ (im Sinne von sacrifice). Die „spirituelle Metamorphose“ wirkt deswegen so bahnbrechend, weil die Unschuld des Opfers durch dessen Gewaltlosigkeit erkämpft ist. Der Gekreuzigte entzieht sich dem Sog der Mimesis. Damit löst er einen Sog in die Gegenrichtung aus. Der vollkommene Verzicht des Geopferten auf Gewalt ist es, der die ideologisch überhöhte Gewalt enttarnt und damit auch den Mechanismus der Mimesis entmachtet. Gewaltlosigkeit besiegt die Gewalt.1
Girard ging es um mehr als um eine religionshistorische Hypothese. Es ging ihm um die Deutung der Gegenwart und gegenwärtiger Gewaltverhältnisse. Sein ideologiekritischer Ansatz wies vielen einen Weg aus der Krise der Gewaltverstrickung, politisch wie pädagogisch, von der Friedensbewegung2 bis hin zur Mobbingprävention3. Girard machte die biblische Sühne-Theologe wieder anschlussfähig an säkulare Diskurse. Er befreite die Sühne-Christologie von der Überlagerung durch die Anselmsche Rechtfertigungslehre, indem er der Sühne-Terminologie der neutestamentlichen Texte einen neuen, paradoxen Sinn verlieh: Den Zorn Gottes, der sich angeblich am Gekreuzigten zu entladen hatte, damit die Welt mit Gott versöhnt werde, deutete er in den mimetischen Zorn aller gegen den Einen um. Jesus starb nun eben nicht durch einen Opferungsakt, dessen Adressat Gott wäre, „sondern gegen alle Opferakte, damit es überhaupt keine Opferakte mehr gibt.“4 Das eine Opfer, das alle Opfer aufhebt, ist kein Opfer, weil die Opferideologie an ihm zerbrochen ist.
Silicon Valley
Im Silicon Valley ist seit einiger Zeit eine Girard-Renaissance zu verzeichnen. Protagonist ist der Tech-Milliardär Peter Thiel, Mastermind und Kapitalgeber von Unternehmen wie PayPal, Facebook oder Palantir, Musk-Kumpel und bereits im Wahlkampf 2016 ein Unterstützer von Donald Trump. Der neue amerikanische Vizepräsident J.D. Vance bezeichnet ihn als seinen Mentor. Mit einer Zehn-Millionen-Spende unterstützte Thiel die Kandidatur von Vance für den Senatssitz in Ohio: die größte Summe, die je für einen Einzelkandidaten in einem Wahlkampf ausgegeben wurde. Beide Männer gehören in das Umfeld eines neu aufstrebenden „postliberalen“ Katholizismus in den USA, dem sich inzwischen auch immer mehr Evangelikale anschließen.
Vance konvertierte 2019 zum Katholizismus. In Yale, wo er seinen Jura-Abschluss gemacht hatte, habe er, so Vance, keine spirituelle Erfüllung gefunden, und auch nicht in seinem Arbeitsleben. Als Auslöser für seine Konversion nennt er Peter Thiel. Dieser habe den „sozialen Schablonen“ widersprochen, dass „dumme Menschen Christen und kluge Menschen Atheisten“ seien. Seinen Weg zum Katholizismus beschrieb Vance 2020 in einem Text mit dem Titel „Wie ich mich dem Widerstand anschloss“.
Auch der Einfluss des katholischen Politologen Patrick J. Deneen auf Vance ist zu nennen. Die inzwischen radikalisierte These von Deneens’s maßgeblicher Publikation „Why Liberalism Failed“5 lautet, dass das liberale System in Amerika, welches sich aus verschiedenen Strömungen zu einem „Woke-Kapitalismus“ geformt habe, die gesellschaftlichen Ungleichheiten verschärfe, dem Staat immer mehr Macht übertrage und den lokalen Gemeinschaften schade. Die Überwindung dieses Systems sei in einer „postliberalen Ordnung“ zu finden. Deren Merkmale sollen Familienfreundlichkeit, außenpolitischer Isolationismus und konservative Sozialpolitik sein, dies alles unter der Führung einer „aristopopulistischen“ Elite, welche die wahren Wünsche des Volkes kennt und umsetzt.6
Mit dem Katholizismus von Joe Biden oder von Papst Franziskus hat dieser Katholizismus wenig zu tun, höchstens dies, dass er ihn überwinden will. Die jüngsten, öffentlich ausgetragenen Kontroversen zwischen Papst Franziskus und dem US-amerikanischen Vizepräsidenten haben das deutlich gemacht. Ein neues Ringen um die Deutungshoheit über die theologische Tradition der Kirche wird sichtbar, das keineswegs vom Himmel fällt, sondern sich lange Zeit vorbereitet hat. In einem Gespräch mit dem Fox-News-Moderator Sean Hannity und mit Margaret Bannon vom Sender CBS-News bezog sich Vance auf Augustinus, den auch Peter Thiel gerne zitiert. Augustinus (und mit Bezug auf ihn Thomas von Aquin) lehrten einen „ordo amoris“: Christen, so Vance, „hätten zuerst die eigene Familie zu lieben, dann den Nachbarn, dann das eigene Land – und erst dann kann man sich auf die ganze Welt konzentrieren.“ Man findet übrigens vergleichbare Denkfiguren bei katholischen AfD-Politikern, etwa bei Hans Christoph Berndt, Oppositionsführer der AfD im Brandenburger Landtag. Der nannte als seine Definition des Begriffs der christlichen Nächstenliebe kürzlich: „Sich um die Angehörigen des eigenen Volkes zu kümmern,“ und legte auf kritische Anfrage nach: „Natürlich ist der christliche Glaube per se universalistisch, das heißt aber noch lange nicht, dass ich die Völker auflösen muss.“7
Jedenfalls: Vance brachte in dem genannten Interview Augustinus gegen die migrationspolitischen Positionen der US-amerikanischen Bischofskonferenz und gegen den Vatikan in Stellung. Am 10.2.2025 reagierte Papst Franziskus darauf in einem Brief an die US-amerikanische Bischofskonferenz. Die christliche Liebe sei „gerade keine konzentrische Ausweitung von Interessen, die sich nach und nach auf andere Gruppen“ ausdehne. Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter zeige, wie der „ordo amoris“ zu verstehen sei, als eine Form der Liebe nämlich, die eine „ausnahmslos alle umfassende Geschwisterlichkeit“ begründe.8
Thiel und Girard
Peter Thiel, der Förderer von Vance, stammt aus einem protestantisch-freikirchlichen Elternhaus. Zu einer konfessionellen Vergangenheit positioniert er sich nach eigenen Worten „somehow heterodox“, mit Sympathien für einen integralistischen Katholizismus, der sich ausdrücklich mehr an Kaiser Konstantin als an Mutter Theresa orientiert. Thiel und Vance eint die Ablehnung des modernen Liberalismus mit seinen individuellen Freiheitsrechten sowie die Überzeugung, dass wenige über die Zukunft der Vielen entscheiden sollten. Thiel schrieb schon 2009, er glaube nicht mehr, dass Demokratie und Freiheit vereinbar seien: „Das Schicksal unserer Welt liegt vielleicht in den Händen eines einzelnen Menschen, der den Mechanismus der Freiheit erschafft oder verbreitet, den wir brauchen.“9
Doch was hat das alles mit René Girard zu tun? Thiel lernte Girard während seines Philosophiestudiums Ende der 1980er-Jahre an der Standford-Universität kennen. Rückblickend schreibt er in hymnischer Sprache: „Girards Ideen sind ein Tor zur Vergangenheit, zu den menschlichen Ursprüngen, zu unserer Geschichte. Sie sind ein Tor zur Gegenwart und zur zwischenmenschlichen psychologischen Dynamik. Sie sind ein Tor in die Zukunft in Bezug auf die Frage, wohin wir gehen, wenn diese mimetischen Begehren Amok laufen und auf apokalyptische Gewalt zusteuern ... Es handelt sich um eine panoramische Theorie, superstark und außergewöhnlich anders als das, was man normalerweise hört. Es gab darin ein sekten-ähnliches Element; diese Leute, die Anhänger von Girard waren, hatten das Gefühl, dass wir die Wahrheit über die Welt auf eine Art und Weise herausgefunden hatten, wie es niemand sonst tat.“10
Aus Girards Mimesis-Theorie zieht Thiel mehrere Konsequenzen. Die erste ist die bekannteste: „Wettbewerb ist für Verlierer“ (competion is for losers).11 Je ähnlicher Menschen einander sind, umso so mehr konkurrieren sie miteinander und verstricken sich in die Gewalt – so Girard. Das gilt bei Thiel auch für das Geschäft. Wer Gewinner sein will, tritt nicht in den Wettbewerb um das beste Produkt ein, sondern erschafft ein einzigartiges neues Produkt. In seinem Bestseller „Zero to One“12 klingt das so: „Alle erfolgreichen Unternehmen sind anders als die anderen … Vergleichen Sie die Fluggesellschaften mit Google ... Google verdient so viel Geld, dass es jetzt dreimal mehr wert ist als alle US-Fluggesellschaften zusammen. Die Fluggesellschaften konkurrieren miteinander, aber Google steht allein.“
Monopolbildung ist die Alternative zum Wettbewerb. Daraus entsteht die Grundhaltung des Contrarian, für die Thiel schon in seinen Stanforder Studientagen stand,13 nach dem Motto „Immer gegen den Mainstream“: Handle immer entgegen der allgemein akzeptierten Meinung! Für wirtschaftliches Handeln bedeutet das: „Versuche, einen Gewinn zu erzielen, indem Du entgegen der Mehrheitsmeinung handelst, z.B. indem du die Aktien eines Unternehmens kaufst, das gerade bei der Mehrheit der Investoren in Ungnade gefallen ist.“ Kurz: „Entziehe dich dem Wettbewerb“.
Zweitens zieht Thiel aus Girards Theorie den Schluss, dass der Status Quo Rückschritt bedeutet. Girard beansprucht, einen welthistorischen Wendepunkt zu markieren, der den Zyklus der Gewalt durchbricht: Die Kreuzigung Jesu. Mit der Überwindung des mimetischen Zyklus sieht er die biblische Zeitvorstellung bestätigt: Die gesamte Welt-Zeit verläuft nicht, wie die alten Völker meinten, zyklisch, sondern auf ein Ziel hingerichtet hinaus nach vorne. Stehenbleiben bedeutet also Rückfall. Stagnation führt für Thiel direkt zur Apokalypse. Die Zeit drängt nämlich nach vorne in das Reich Gottes, und das bedeutet auch: Sie drängt auf einen „Endkampf“ zu. Um nicht zurückzufallen, sind also große Ziele unverzichtbar, wie es sie einst in den USA gab: Das Manhattan-Projekt, die Mondlandung oder Nixons Plan 1974, Krebs definitiv bis zum Ende des Jahrtausends zu besiegen. Doch seit mehreren Jahrzehnten stagniert die Politik, und die Gesellschaft verheddert sich wieder in neuen mimetischen Konflikten, wie sie in den identitätspolitischen Verengungen und Konkurrenzen zum Ausdruck kommen.
Gleichzeitig geht es aber auch um die Rettung der Welt vor dem Untergang. Mit der Entschuldung des Sündenbocks ist die Gefahr der Apokalypse nämlich nicht gebannt. „Für Girard impliziert die Kombination aus Mimesis und der Enträtselung der archaischen Kultur, dass die moderne Welt eine stark apokalyptische Dimension enthält“, meint Thiel. Schon sehr früh durchschaut er die neuen Steigerungsmöglichkeiten der mimetischen Konkurrenz durch die Sozialen Netzwerke; vielleicht meint er, dass sie beherrschbar sind, solange sie sich nur im virtuellen Raum ereignen. Da Thiel, ähnlich wie Girard, die politische Philosophie des Westens für zu schwach hält, um der mimetischen Gewalt die Stirn zu bieten, dockt er bei antiliberalen Denkern wie Carl Schmitt an. Dessen Freund-Feind-Unterscheidung deckt die tiefen Konflikte in der Gesellschaft auf, die dem Liberalismus verborgen bleiben. Deren Ursprung ist theologischer Natur: Der Kampf zwischen dem Antichrist (dem totalen, Weltherrschaft beanspruchenden liberalen Staat) und Gott. In einem Essay „The Optimistic Thought Experiment“14 rät er, ein modernes Äquivalent zur Arche Noah zu bauen, sozusagen eine Gruppe von Contrarians, die sich durch Innovation weit genug von den Niederungen der Wettbewerber entfernt haben, um überhaupt noch eine Vision für den Globus formulieren und umsetzen zu können. Zu der dürften dann auch seine Leute wie Musk, Vance und andere gehören – die Wenigen, die über die Zukunft der Menschheit entscheiden werden.
Der Sündenbock-Mechanismus
Tech-Milliardäre wie Thiel stehen unter einer doppelten Bedrohung. Sie behaupten zwar einerseits, sich vom Wettbewerb fernzuhalten, rufen aber durch Monopolbildung sowohl andere Wettbewerber auf den Plan als auch den liberalen Staat, der den Wettbewerb gegen Monopolbildung sichern will. Zugleich werden sie, weil sie im Wettbewerb als Monopolisten herausragen und die Vielen gegen sich aufbringen, in ihrer Selbstwahrnehmung zu „Sündenböcken“. Nur handelt es sich dann nicht mehr um den Sündenbock, von dem Girard spricht, sondern um mächtige Monopolisten, Präsidentschaftskandidaten und Meinungsmacher, die dem Druck der Öffentlichkeit und der staatlichen Reglementierung dadurch innerlich ausweichen, dass sie sich als Opfer der öffentlichen Meinung und der staatlichen Organe interpretieren und nach außen hin präsentieren, eben als „Sündenböcke“. Aber es stimmt ja nicht. Aus der Tatsache, dass alle gegen mich sind, lässt sich nicht schließen, dass ich zum unschuldigen Sündenbock gemacht werde. Es könnte auch möglich sein, dass ich der Geisterfahrer bin, nicht alle anderen, die mir entgegenkommen.
Extremer Narzissmus verbindet sich hier mit der messianischen Figur des Opfers
Die Sündenbockfigur trifft sich bei Girard – ebenso wie im Evangelium – mit der messianischen Figur des Retters. Der Gekreuzigte von Golgota ist Befreier, weil er den Sündenbock-Mechanismus entlarvt. Das maßen sich der Monopolist, Präsidentschaftskandidaten oder Machthaber auch an, weil – gefühlt – alle gegen ihn oder sie anstürmen. „Alle“ spalten sich in die einen, die ihn bekämpfen, und in die anderen, die ihn gerade deswegen verehren, weil er von „allen“ bekämpft werde. Am 13. Juli 2024 bekam die propagandistische Vereinnahmung des Sündenbockmotivs ihr vorerst letztes großes Bild. Es ersetzt inzwischen in der Präsidenten-Galerie im Weißen Haus das Bild von Obama.15 Das Attentat auf Donald Trump in Butler, Pennsylvania: Der Mann, gegen den alle sind, riskiert sein Leben, damit alle gerettet werden – bis auf einige besonders Böse, auf die nach dem Sieg das Gericht wartet. „Fight, fight, fight!“ Extremer Narzissmus verbindet sich hier mit der messianischen Figur des Opfers, das die Moral allein schon deswegen auf seiner Seite zu haben meint, weil es Opfer ist. Es ist nicht leicht, sich der Plausibilität dieser Präsentation von Macht und Machtanspruch zu entziehen, wenn man einmal in ihrem Bann ist. Vielleicht liegt hier auch ein tieferer Grund dafür vor, dass der selbsternannte „Sündenbock“ lügen kann wie gedruckt, und es ihm dennoch nicht schadet. Schließlich basiert ja die ganze Konstruktion des Mächtigen als Sündenbock auf einer Lüge, oder eben auf einem Irrtum, sofern der Geisterfahrer wirklich der Überzeugung ist, dass alle ihm entgegenkommenden Autos Geisterfahrer sind.
Girard hätte sich von solchen Vereinnahmungen wohl mit Abscheu abgewandt. Aber die Vereinnahmung zeigt auch: Der Status des Opfers an sich verleiht noch keine ethische Dignität. Die Vereinnahmung Girards durch Peter Thiel und durch andere ist ein Signal dafür, dass wir alle unsere Opferdiskurse durchdenken müssen, die unsere politischen Debatten durchziehen. Es gibt keinen Opferdiskurs, der nicht – zynisch oder sektiererisch – zu Machtzwecken missbraucht werden könnte, nicht einmal der Heiligste unter ihnen.