Seele

Seele (griechisch „psyche“, lateinisch „anima“). Das deutsche Wort Seele (wohl vom altgermanischen „saiwolo“ = vom ewigen See Herkommende) ist vieldeutig und wird in mehreren Wissenschaften in unterschiedlichem Sinn gebraucht.

In der theologischen Sprache ist es ein fester Begriff mit einer Vorgeschichte in der platonischen und aristotelischen Philosophie, während die biblischen Entsprechungen für das mit Seele Gemeinte nur entfernt zu dieser Vorgeschichte gehören.

In der Schule Platons († 347 v.Chr.) wurden verschiedenartige Elemente archaischer Vorstellungen über die Seele systematisiert, in einer Gegenbewegung gegen die landläufige Meinung, wirklich sei nur dasjenige, was der sinnenhaften Erfahrung zugänglich ist. Die platonische Lösung besteht in einem Dualismus, nach dem die Seele das geistige Selbst des Menschen sei, das in den Körper gleichsam wie in ein Gefängnis oder Grab zur Bewährung hineingebannt sei, die wesentlich darin bestehe, den Körper, seine Sinnlichkeit und die daraus entstehenden Antriebe zu beherrschen und das kollektive und individuelle Leben entsprechend den ewigen geistigen Ideen zu gestalten. Die Einseitigkeit, die in dieser abwertenden Betrachtung des Materiellen und Körperlichen liegt, musste nicht zwangsläufig zur Weltflucht führen, da die Idee der Gerechtigkeit im Leben verwirklicht werden müsse und alles Versagen ihr gegenüber nach dem Tod zu verantworten sei. So ist die Vorstellung, die Seele sei unsterblich, engstens mit der Forderung nach Gerechtigkeit verbunden. Das Geschehen nach der Vernichtung der leiblichen Existenz wird bei Platon in der Gestalt des Mythos geschildert.

Platons Schüler Aristoteles († 322 v.Chr.) überwand den krassen anthropologischen Dualismus durch ein Denken der Bewegung oder Entwicklung vom Unbelebten zum vergänglichen Lebendigen, das unter dem Antrieb der dominierenden Idee des Guten zum Aufstieg zu Gott, der rein geistigen, ewig sich selber denkenden Wirklichkeit tendiert. Das nichtgöttliche Seiende ist nicht abgewertet, da es auf seine Weise (Analogie) am göttlichen Sein Anteil hat. Die Aufstiegsdynamik (Entelechie = Zielverwirklichung) des Nichtgöttlichen wird realisiert in einer gestuften Existenzweise der Seele, die für Aristoteles das Gestaltprinzip der Materie ist (Hylemorphismus): Die Seele der Pflanzen wird tätig in deren Ernährung; die Seele der Tiere hat Empfindungen, sie ist aktiv im Begehren und in den Initiativen zur örtlichen Bewegung; die Seele der Menschen ist durch Denken tätig, sie verfügt beherrschend über die mannigfachen menschlichen Möglichkeiten und stellt so das Einheitsprinzip im Menschen dar; sie ist unsterblich.

Neben diesem philosophischen System findet sich von der griech. Antike an immer wieder ein Trichotomismus, nach dem nur die Vital-Seele des Menschen in materielle Zustände und in die Geschichte verwoben ist, während die geistige Seele, oft auch einfach „Geist“ genannt, der Materie enthoben die Aufstiege in die geistige Welt realisieren kann.

Der Begriff der Seele in der katholischen Theologie ist das Ergebnis der Rezeption bestimmter (nicht aller) Elemente des platonischen und aristotelischen Denkens, besonders systematisiert bei Thomas von Aquin († 1274). Dabei widerstand die offizielle Theologie, im Unterschied zu Äußerungen des Volksglaubens und der Verkündigung, dem platonischen Dualismus; auch die Vorstellung einer Welt-Seele im Neuplatonismus wurde kirchlich abgelehnt.

Die Grundlage des katholischen Denkens über die Seele ist die Unterscheidung zwischen dem Seienden und dem realen Seinsprinzip. Das Seiende ist durch eine Mannigfaltigkeit seiner Teile, Merkmale, Dimensionen usw. gekennzeichnet, erscheint aber zugleich als ein eines und ganzes. Das ist der Grund dafür, warum von einem Wesen und einer Existenz dieses Seienden gesprochen werden kann. Der innere Grund eines Seienden, der zugleich die Einheit garantiert und die Pluralität von Eigentümlichkeiten zulässt, heißt in diesem Denken Seinsprinzip. Nach katholischer Tradition ist die Seele ein Seinsprinzip des Menschen, zusammen mit einem zweiten, dem Materiellen. Seele als Seinsprinzip besagt, dass die Seele nicht etwas Selbständiges ist, das zu einer auflösbaren, „äußeren“ Einheit mit dem Materiellen zusammengefügt worden wäre. Denn die Seele stellt zusammen mit dem anderen Seinsprinzip des einen Menschen, der physikalischen Raumzeitlichkeit (der Materie), ein Seiendes dar, so dass beide Prinzipien zusammen den einen Menschen in substantieller Einheit bilden. Alle empirisch erfahrbaren Eigentümlichkeiten des Menschen sind zutiefst von dieser substantiellen Einheit der beiden Prinzipien geprägt. Der Leib ist nicht die bloß materielle Seite des Menschen, wie der Dualismus meint, sondern er ist der „Ausdruck“ des Geistigen und Personalen, er ist spezifisch menschlicher Leib. Und das Geistig-Personale des Menschen ist auf einen Lebensvollzug in Raum und Zeit, in Geschichtlichkeit, auf Anschauungen, Bilder, Worte, Begriffe, Gesten (Körpersprache, non-verbale Kommunikation) angewiesen. Empirisch- konkret kommt immer nur der eine ganze Mensch vor. Allerdings wäre die Gesamtwirklichkeit „Mensch“ nicht zutreffend und umfassend genug erkannt, wenn der Mensch nicht als Person verstanden wäre. Das besagt: Jeder Mensch ist eine unvertauschbare Individualität, mehr als nur ein „Fall“ einer allgemeinen Gattung; seine Erkenntnis ist mehr als nur Selbstorganisation im Bereich des biologisch Nützlichen. Er existiert mit der Gabe und Aufgabe der Freiheit und Verantwortung, so dass er mehr ist als nur ein austauschbares Funktionsteil in einer biologischen und technisierten Gesellschaft.

Die Theologie versteht den Menschen als offen für das Geheimnis Gottes (Transzendenz) und damit auch als offen für die Wahrheit Gottes. Kurz: Seele heißt das Prinzip dieses Menschseins, das es „an sich“ ermöglicht, dass das Materielle, Raumzeitliche im Bewusstsein zu sich selber kommen kann, dass es sich in Verantwortung selber bestimmt und das Bestimmtsein vom bloß Materiellen transzendiert. Das andere innere Prinzip des Menschen heißt Materie (Raumzeitliches, Biologisches, Fallhaftes, Gesellschaftliches), die nicht dasselbe ist wie der Leib, der schon jenes Eine ist, das aus den beiden Seinsprinzipien Seele und Materie zusammen konstituiert ist. Mit verschiedenartigen Umschreibungen sucht die kirchliche Lehre abzusichern, dass die personale Geistigkeit des Menschen nicht aus der Materie ableitbar ist (sie nennt die Seele substantiell, weil sie nicht eine bloße Seinsweise einer anderen Wirklichkeit ist, und einfach, weil sie nicht etwas Quantitatives ist, sondern sich erkennend zum Quantitativen verhält).

Die neuere Gehirn-Seele-Diskussion

Nach den enormen Fortschritten der immer weiter differenzierten Neurobiologie und der Erfindung immer exakterer Messgeräte entstand im 21. Jh. eine radikale Auffassung des Gehirn-Seele-Verhältnisses. Nach Wolf Singer (geb. 1943) und Gerhard Roth (geb. 1942) sind naturwissenschaftlich untersuchbare Prozesse im Gehirn Ursache aller geistigen Vorgänge. Es existiere ein „neuronales Korrelat des Bewusstseins“. Messbar vor einer menschlichen Entscheidung seien die menschlichen Handlungen im Gehirn vorbereitet. In der Konsequenz seien die Begriffe Freiheit und Willensfreiheit aufzugeben. Widersprüche wurden von philosophischer Seite durch Jürgen Habermas (geb. 1929), Julian Nida-Rümelin (geb. 1942) und Thomas Metzinger (geb. 1958) erhoben. Die positiven Ergebnisse der Hirnforschung zur Erkenntnis und Therapie pathologischer Störungen werden dabei nicht geleugnet, doch wird bestritten, dass alle menschlichen Erkenntnisse und Handlungen neuronal determiniert sind.

In der evangelischen Theologie wurde nicht in diesem aristotelisch-thomistischen Sinn, sondern eher umgangssprachlich-unscharf von Seele gesprochen, wobei Seele als das Innere oder das Selbst des Menschen, als Organ der Einsicht von Sünde und Vergebung, als Ort der Liebe und der Hoffnung verstanden wird.

Widerspruch erhob die evangelische Theologie gegen die katholische Lehre von der Unsterblichkeit der Seele Diese Lehre ergab sich aus den Überlegungen, dass eine von Gott geschaffene echte Wirklichkeit nie einfach untergeht, sondern allenfalls zu einer neuen Existenzweise verwandelt wird, ferner dass die Seele als geistig-personales Seinsprinzip dem bloß Materiellen eigenständig (was nicht heißt: unabhängig) gegenübersteht und nicht nur ein Moment am Materiellen ist, so dass es nicht einfach mit einer bestimmten konkreten Erscheinungsform des Materiellen (z. B. dem Gehirn) identisch wäre und mit dieser zusammen vergehen würde. So sehr das physisch-biologische Bewusstsein des Menschen durch den Tod radikal betroffen ist: Die Individualität eines Menschen und damit die Identität seiner Lebensgeschichte hören bei Gott nicht auf zu sein, daher spricht die katholischer Lehre der Seele Unsterblichkeit zu, die in der neueren Theologie nicht als „Weiterleben“ in der gleichen Art wie im früheren Leben gedacht wird, sondern als überzeitliche Vollendung dessen verstanden wird, was im irdischen Leben vielleicht nur keimhaft angelegt, vielleicht in fragmentarischen Freiheitsentscheidungen nur begonnen war.

Aus der aristotelisch-thomistischen Auffassung, dass die Seele zu ihrer Existenz auf die Aktualisierung in der Materie angewiesen ist, als Teilsubstanz ohne Materiebezug also nicht existieren kann, ergab sich in der neueren katholischen Theologie die Meinung, dass im Tod eine Vollendung des ganzen Menschen geschenkt werde (vgl. 2 Kor 5, 1–10), die mit einem umstrittenen Wort als „Auferstehung im Tod“ bezeichnet wird. Die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele führte in der Philosophie des Idealismus zu einem gegenüber Gott wie gegenüber der Natur triumphalen Überlebenspathos. Dagegen wandte sich die evangelischen Theologie in besonderer Weise, da eine „natürliche Unsterblichkeit „ die radikale Abhängigkeit des Menschen von Gott bestreite. Sie verweist dagegen auf eine „dialogische Unsterblichkeit“, da nach einem Wort M. Luthers († 1546) derjenige, mit dem Gott geredet hat, in der Gnade oder im Zorn, in Wahrheit unsterblich ist. Darin liegt eine wichtige Möglichkeit ökumenischer Verständigung.

Die biblischen Worte für dasjenige, was Philosophie und Theologie als Seele thematisieren, berühren eher nur Teilaspekte. Das Erste Testament spricht von „nephesch“ (seltener von „ruach“) als einer Lebensgabe Gottes, die Gott im Tod zu sich zurücknimmt, ohne dass der Verstorbene völlig zu existieren aufhörte (Scheol). In dieser Gabe Gottes wird auch der Sitz von Gefühlen und von Begehren gesehen. Diese Auffassung ist im NT erhalten, doch werden in der Verwendung von „psyche“ auch griechische Vorstellungen deutlich (Mt 10, 28). Eine höhere Seelenkraft als die „psyche“ ist das „pneuma“, insofern dieses Wort nicht nur das heilige Pneuma Gottes, sondern auch eine geistige, zum Menschen von Natur aus gehörige Begabung bezeichnen kann.

Zu der Erschaffung der einzelnen Menschenseele durch Gott: Kreatianismus, Selbsttranszendenz; weitere Fragen: Trichotomismus, Leib, Tod, Anschauung Gottes, Auferstehung der Toten, Parapsychologie.  

Quelle: Herbert Vorgrimler: Neues Theologisches Wörterbuch, Neuausgabe 2008 (6. Aufl. des Gesamtwerkes), Verlag Herder

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