Gnade

Gnade (althochdeutsch „ganada“ =Wohlwollen, Gunst; griechisch „charis“, lateinisch „gratia“) als theologischer Begriff bezeichnet die sich aktiv, frei und absolut ungeschuldet dem Menschen zuwendende Zuneigung Gottes sowie die Wirkung dieser Zuneigung, in der Gott sich dem Menschen selber mitteilt.

Biblisch

Das Erste Testament stellt im Ganzen ein einziges Zeugnis der „personalen“ Zuneigung JHWHs zu seinem Eigentumsvolk und zu dessen Angehörigen dar. Die Perspektive ist zuweilen auf die Schöpfung und die Menschheit ausgeweitet. Gottes Interesse gilt der Errichtung einer dauerhaften gegenseitigen Beziehung, in welcher der ungeheuere Abstand der beiden „Seiten“ durch Liebe verringert wird; wenn diese Beziehung als „Bund“ bezeichnet wird, so steht doch nicht eine gegenseitige Verpflichtung im Vordergrund; wenn Gott seine Weisungen kundgibt (Tora), so ist das Bekundung seiner Fürsorge und nicht seiner Herrschsucht. Die Begriffe, die Gottes Verhalten bezeichnen, bedeuten verlässliche Güte („chesed“), ungeschuldete Zuneigung („chen“), erbarmende Liebe („rachamim“), Freundlichkeit („razon“). Sie stehen oft im Zusammenhang mit Vergebung. Die der ganzen Menschheit geltenden Verheißungen meinen eine erlösende, alle Hoffnungen erfüllende Gemeinschaft mit Gott („schalom „). Auch das außerbiblische Judentum bleibt bei diesen Auffassungen von Gnade: das Geschenk der Tora wie die Vergebung der Sünden und die Ermöglichung des Guten sind völlig unverdient, auf die reine Güte und das Erbarmen Gottes zurückzuführen.

Wohl auf dem Weg über das hellenistische Judentum (Philon † um 50 n.Chr.) wurde der Begriff „charis“ mit seinem religiösen Gehalt der wichtigste Begriff für Gnade im NT. Bei Jesus wird alles das, was im AT über Gottes liebevolle und erbarmende Zuneigung gesagt wurde, erzählend verdeutlicht. Der ungeschuldete Charakter der Gnade Gottes wird im Gleichnis von den unverdient belohnten Arbeitern im Weinberg hervorgehoben (Mt 20, 1–16). Breit entfaltet Paulus das Thema der Gnade. Auf sie, die Initiative Gottes des Vaters, gehen Umkehr, Glaube, Rechtfertigung zurück. Paulus sieht sie in seinem eigenen Wirken am Werk (1 Kor 15, 10; 2 Kor 12, 9). Als Gottesgemeinschaft prägt sie den Lebensraum der Glaubenden, die dank der Gnade Gottes die Praxis des Guten vollbringen können (2 Kor 8 und 9); sie kann auch in den Glaubenden noch „wachsen“. Ein paulinisches Eigengut ist die Prägung „Gnade des Kyrios Jesus“ (2 Kor 8, 9; 12, 9; Gal 1, 6; Röm 5, 15), bezogen auf die den Glaubenden in Kreuz und Auferweckung Jesu erwirkte Gerechtigkeit. Im übrigen Schrifttum des NT finden sich viele weitere Zeugnisse für die Gnade (bedauerlich die antijüdische Wendung Joh 1, 17), die die Grundauffassung jedoch nicht verändern.

Theologiegeschichtlich

Bemerkenswert ist die Thematisierung der Gnade im Rahmen der patristischen östlichen Theologie der Vergöttlichung als des von Gottes Gnade gewollten und „pädagogisch“ prozesshaft verwirklichten Zieles des Menschen. Der kirchliche Westen betonte mehr die Gnade als Vergebung der individuellen Sünde und im Zusammenhang damit die Freiheit des Menschen (Augustinus †430; Pelagianismus). Die augustinische Sicht erlangte durch die Synode von Karthago 418 kirchliche Geltung: Soll der Mensch frei, gerecht und heilig werden, so bedarf er der erwählenden Gnade Gottes als absolut notwendiger, besonderer, helfender und unfehlbar wirkender Kraft. In der umfassenden Systematisierung der Gnadentheologie bei Thomas von Aquin († 1274) finden sich wichtige Axiome und Unterscheidungen, die in der kath. Theologie bis heute Geltung haben. Als Geschöpf ist der Mensch nicht fähig, von sich aus zur Anschauung Gottes zu gelangen, die das ihn erfüllende und vollendende Ziel darstellt; als Sünder bedarf er erst recht der Gnade Diese wird ihm als Heiligmachende Gnade von Gott geschenkt und wird ihm innerlich zu eigen („gratia habitualis „ im Unterschied zu den einzelnen „aktuellen“ Gnadenhilfen, die Gott punktuell von außen schenkt). Die Gnade lässt sich unterscheiden in ungeschaffene („gratia increata“), die Gott selber in seiner Zuwendung zum Menschen ist, und in geschaffene („gratia creata“), die Wirkung dieser Zuwendung im Menschen. Von der „Vorbereitung“ auf die Gnade (Disposition) bis zu der von der Gnade verliehenen neuen Qualität des Menschen ist für Thomas im gerechtfertigten Menschen alles Gnade.

Diese Sicht wird im Nominalismus verlassen zugunsten einer Tendenz, die ein verdienstliches Handeln aus natürlicher Kraft erwägt. Dagegen und gegen vielleicht missverständliche Äußerungen zu den „guten Werken“ wendet sich M. Luther († 1546), der die Gnade als Rechtfertigung thematisiert (Sola gratia). Die Antwort des Konzils von Trient zeigt in wesentlichen Auffassungen die Übereinstimmung mit den Reformatoren: Der Gnade Gottes kommt die alleinige Initiative für das Wollen, Können und faktische Vollbringen des Guten zu; zu allem heilshaften Tun ist die Gnade absolut notwendig. Allerdings ermöglicht die gnadenhafte Befreiung der menschlichen Freiheit, dass der gerechtfertigte Mensch wirklich gut und heilshaft handeln kann (Verdienst). In der nachtridentinischen katholischen Theologie ergaben sich Streitigkeiten innerhalb der Gnadensysteme sowie durch Bajanismus und Jansenismus über die genaueren Bestimmungen der Verhältnisse von Gnade und Freiheit sowie von Natur und Gnade.

Die katholische kirchenamtliche Lehre betonte wie schon früher immer von neuem die Übernatürlichkeit der Gnade, die der Mensch durch keinerlei eigene Kräfte verdienen und die er weder von sich aus erbitten noch auf die er sich positiv vorbereiten kann. Die Überschätzung der menschlichen Leistungsfähigkeit beim Streben nach vollkommener Tugend durch die Aufklärung hatte als Reaktion einen Extrinsezismus in der Gnadenlehre der katholischen Neuscholastik zur Folge, der die Gnade Gottes als Grund bereits der Schöpfung aus den Augen verlor und „natürliche“ und „übernatürliche“ (Übernatürlich) Wirklichkeiten auseinanderriss. Versuche zur Überwindung dieser Spaltung stellten die Immanenzapologetik, die Nouvelle Théologie, der theologische Personalismus und die Transzendentaltheologie K. Rahners († 1984) mit ihren Schlüsselbegriffen des übernatürlichen Existentials und der Selbstmitteilung Gottes dar.

Auf evangelischer Seite machte K. Barth († 1968) mit Nachdruck darauf aufmerksam, dass bereits das Schöpfungshandeln Gottes ein gnädiges Handeln aus Liebe ist (die Schöpfung der äußere Grund des Bundes, der Bund der innere Grund der Schöpfung). Die ökumenischen Gespräche über die Rechtfertigung erbrachten den Nachweis, dass eine evangelisch-katholische Verständigung auch über die Gnade als innere Heiligung des Menschen und als erneuernde, Gutes bewirkende Kraft möglich ist.

Systematisch (vgl. Rahner-Vorgrimler 1961, 138–141)

a) Der glaubende Mensch versteht sich in und trotz seiner Geschöpflichkeit und obwohl er sich von seiner Zugehörigkeit zur Menschheit und von seinem eigenen Verhalten her als Sünder anerkennt, als der geschichtlich von Gott und dem wirksamen Wort seiner freien absoluten Selbsterschließung in Gottes eigenstes und innerstes Leben hinein Angerufene. Das Entscheidende dieser Aussage besteht darin, dass Gott dem Menschen nicht nur irgendeine heilvolle Liebe und Nähe zuwendet, irgendeine heilvolle Gegenwart schenkt, sondern ihn Gottes teilhaftig machen will, ihn zum ewigen Leben Gottes, zur unmittelbaren selig machenden Anschauung Gottes „von Angesicht zu Angesicht“ beruft.

b) Diese Gnade ist in sich freies Geschenk dem Menschen gegenüber, nicht bloß insofern er Sünder ist, sondern schon im Voraus dazu. Damit diese Selbstmitteilung Gottes nicht durch die Annahme von Seiten des endlichen Menschen zu einem bloß endlichen Ereignis nach den Maßstäben der endlichen Kreatur gemacht und so als Selbstmitteilung Gottes aufgehoben wird, muss auch die Annahme der Gnade von Gott selber in derselben Weise getragen sein wie die Gabe selbst. Die Selbstmitteilung erwirkt als solche ihre Annahme; die aktuelle und nächste Verwirklichung dieser Annahme ist ebenso freieste Gnade.

c) Insofern diese freie Selbstmitteilung Gottes von der geistigen Kreatur in ebenso freier dialogischer Partnerschaft angenommen werden muss, ist eine bleibende, von Gott frei gesetzte Verfasstheit des Menschen vorausgesetzt.

aa) Diese geht der Selbstmitteilung Gottes so voraus, dass der Mensch die Gnade als freies Ereignis der Zuwendung Gottes empfangen muss, sie also nicht errechnen kann. Der Mensch ist zwar auf eine solche Selbsterschließung Gottes hin offen (übernatürliches Existential, Potentia oboedientialis) und ist, wenn er sich ihr versagt, mit seinem ganzen Wesen im Unheil, aber sie ist nicht einfach mit seinem Selbstvollzug „immer schon“ mitgegeben.

bb) Sie bleibt auch dann im Modus der Sinnlosigkeit bestehen, wenn der Mensch sich dieser Selbsterschließung Gottes verschließt. Diesen „Adressaten“, diese Voraussetzung der Selbstmitteilung Gottes, nennt man in katholischer Begrifflichkeit die „Natur“ des Menschen.

d) In diesem Sinn ist die Gnade der Selbstmitteilung Gottes „übernatürlich“, mit anderen Worten: sie ist dem Menschen schon im Voraus zu seiner Unwürdigkeit als Sünder ungeschuldet, das heißt mit seinem unverlierbaren Wesen als Mensch noch nicht mitgegeben, Gott könnte sie also „an sich“ auch ohne Sünde dem Menschen versagen.

e) In dieser Sicht ist die Gnade als vergebende nicht in den Hintergrund gedrängt. Denn der konkrete Mensch findet sich immer in einer doppelten unentrinnbaren Situation: als Kreatur und als Sünder, wobei sich für die konkrete Erfahrung diese beiden Momente gegenseitig bedingen und erhellen. Die Fehlbarkeit der endlichen Kreatur ist zwar noch nicht einfach Sünde, aber in dieser kommt sie unerbittlich ans Licht; und die Sündigkeit zwingt den Menschen, sich unausweichlich als die absolut endliche Kreatur zu begreifen, für welche die vergöttlichende Zuwendung Gottes immer auch Vergebung ist.

f) Die Gnade hat geschichtlich-konkreten Charakter und das besagt, dass sie – unbeschadet dessen, dass sie allen Menschen zu allen Zeiten und überall gilt – nach dem geoffenbarten Willen Gottes „inkarnatorischen“ und sakramentalen Charakter hat und den glaubenden Menschen einbezieht in das Leben und in den Tod Jesu.

g) Von diesem gnadentheologischen Ansatz her ist leicht begreiflich, dass die Gnade schlechthin und als streng übernatürliche der sich selber mit seinem eigenen Wesen mitteilende Gott ist, die „ungeschaffene Gnade“. Von da aus ist eine sachhafte Auffassung der Gnade, die die Gnade in die autonome Verfügung des Menschen gäbe, grundsätzlich und in jeder Hinsicht ausgeschlossen. Der Begriff der „ungeschaffenen Gnade“ besagt, dass der Mensch selber in sich wahrhaft neu geschaffen ist durch diese Selbstmitteilung Gottes, so dass es also in diesem Sinn auch eine „geschaffene Gnade“ gibt. „Habituell „ (beständig, dauerhaft) ist die Gnade, insofern die übernatürliche Selbstmitteilung Gottes dem Menschen dauernd angeboten ist und insofern sie vom „mündigen Menschen“ in befreiter Freiheit angenommen ist. „Aktuell „ wird diese selbe Gnade genannt, insofern sie aktuell den (existentiell gestuften, immer neu vollziehbaren) Akt ihrer Annahme trägt und darin sich selber aktualisiert. Sie ist also nicht nur in äußeren, von Gott gestalteten Umständen zu sehen, sondern sie ist im selben Sinn wie die „heiligmachende Gnade“ „innere“ Gnade.

h) Aus der Tatsache des allgemeinen Heilswillens Gottes einerseits und der Sündigkeit des Menschen anderseits ergibt sich, dass es auch eine angebotene, aber nicht wirksam werdende Gnadenhilfe gibt. In der Tradition wurde diese die „bloß hinreichende Gnade“ („gratia sufficiens“) genannt. Inwiefern das bloß Hinreichende mit dem erwählenden Willen Gottes zusammenhängt, muss dunkel bleiben. Jedenfalls wird die Gnade nicht wirksam kraft der unwiderstehlichen Allmacht Gottes.

i) Trotz der Erbsünde und der Begierde ist der Mensch kraft der befreiten Freiheit frei; er stimmt also der zuvorkommenden Gnade Gottes als Freier zu oder er lehnt sie frei ab. Wenn kirchliche Texte unter dieser Voraussetzung von einem „Miteinanderwirken“ Gottes und des Menschen sprechen, dann bedeutet das keinen die Heilswirkung aufteilenden “Synergismus“. Denn nicht nur das Können des heilwirkenden Handelns, sondern auch die freie Zustimmung ist Gnade Gottes. Sie ist es also, die die menschliche Freiheit zum Können und zum Tun befreit, so dass die Situation dieser Freiheit zum Ja oder Nein gegenüber Gott nicht autonome, emanzipierte Wahlsituation ist. Vielmehr tut der Mensch dort, wo er „nein“ sagt, sein eigenes Werk, und dort, wo er „ja“ sagt, muss er das als Gottes Gabe Gott danken.

Eine Erfahrung der Gnade kann sich konkret in den verschiedensten Gestalten ereignen, bei jedem Menschen anders: als unbedingte personale Liebe, als unsagbare Freude, als Trost ohne erkenntlichen Grund, als unbedingter Gehorsam gegenüber dem Gewissen, als selbstloses Engagement im sozialen Dienst, im Dienst von Befreiung und Gerechtigkeit für andere.

Quelle: Herbert Vorgrimler: Neues Theologisches Wörterbuch, Neuausgabe 2008 (6. Aufl. des Gesamtwerkes), Verlag Herder

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