Erlösung

Erlösung bezeichnet das letztgültige Ziel des christlichen Glaubens: Gottes Handeln, um den Menschen und die Welt von allem Negativen zu befreien.

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Erlösung besagt in einem allgemeinen Sinn, daß menschliche Zustände und Befindlichkeiten, die vom Menschen (individuell und kollektiv) als unvermeidlich gegeben und als unheilvoll empfunden werden und die durch keine eigene Kraft aufgehoben werden können, endgültig überwunden werden. Wird diese Begriffsbestimmung auf Erlösung im religiösen Sinn angewendet, dann fragt sich, worin der Unheilszustand gesehen wird ("wovon erlöst?"), durch wen er überwunden wird und worin der endgültige Zustand besteht ("wohin erlöst?").

Biblisch

Weder im Alten Testament noch im Neuen Testament existiert ein dominierender, sich durchhaltender Begriff für Erlösung. Vielfältig sind die Zeugnisse des Alten Testaments über Unheilszustände, in denen sich einzelne Menschen und das Eigentumsvolk Gottes befinden (Schuld, Krankheit, Hunger, Entbehrungen, Verfolgung, Verschleppung, Tod). Aus allen diesen Elendszuständen vermag Gott zu retten; um seine Hilfe wird flehentlich gebetet. So treten häufig Begriffe mit der weiten Bedeutung von "helfen", "retten", "befreien", verbunden mit den Bekundungen festesten Vertrauens auf Gott, auf. Die Erfahrungsbasis für dieses Vertrauen war mit der Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten gegeben, sie wurde durch die stete Erinnerung immer neu bekräftigt. Entsprechend dieser Befreiung wurde auch die Ermöglichung der Heimkehr aus dem Exil in Babylon dem Retter-Gott zugeschrieben. Neben den Begriffen für Hilfe und Rettung finden sich solche mit der Bedeutung "loskaufen", "auslösen". Sie legen die Meinung nahe, "jemandem" würde ein Kaufpreis entrichtet, doch wird dazu nichts gesagt. Der endgültige Zustand nach dem befreienden Handeln Gottes tritt in den eschatologischen Ansagen der Propheten und der Apokalyptik zutage (Versöhnung von Juden und "Heiden", von Menschen und Natur, Vernichtung des Todes und allen Leids, ewige Lebensgemeinschaft mit Gott).

Im Neuen Testament gelten bei Jesus entsprechend dem Alten Testament zunächst der konkrete Zustand der Armen, Kranken und Benachteiligten, dann auch die Schuldverhaftung als Unheil, aus dem der Gott Jesu Rettung verspricht. Das von Menschen nicht zu verwirklichende Heil besteht in der Errichtung der universalen Herrschaft Gottes, die Jesus in den Gleichnissen von Befreiung und Vergebung umschreibt und in seiner heilenden und vergebenden Praxis verdeutlicht; er ermutigt zu Umkehr und zur Lebensorientierung am Reich Gottes, um es schon jetzt erfahrbar zu machen. Ohne jeden Zweifel war die Verwirklichung dieses Heils schöpfungsbejahend-diesseitig gemeint. Ein Begriff, der dem theologischen Begriff Erlösung entspräche, fehlt bei Jesus.

Paulus versteht unter der Unheilssituation, aus der kein Mensch sich mit eigener Kraft befreien kann, den alle Menschen betreffenden Zustand der Knechtschaft unter der Macht der Sünde, die den Menschen spaltet und besiegt. Jesus Christus hat auf die Initiative des göttlichen Vaters hin durch seinen Gehorsam, der ihn ans Kreuz brachte, diese Macht der Sünde gebrochen und die Rechtfertigung der Sünder durch den Glauben ermöglicht, so dass sie durch den Heiligen Geist zu einem neuen Leben befähigt sind (diese umfassende Sicht auf das Heilsgeschehen wird prägnant im Römerbrief vorgetragen). Das Geschehen wird an einigen Stellen mit Begriffen wie "loskaufen" (vom Fluch des Gesetzes) und "Kaufpreis" umschrieben. Man darf nicht verbieten zu fragen, an wen denn der Kaufpreis bezahlt wurde. Das Ziel, der Heilszustand, ist bei Paulus ohne Zweifel "weltjenseitig" "im Himmel", wenn auch das neue Leben im göttlichen Geist "diesseitige" Früchte heiler und versöhnter Zustände mit sich bringt.

Im johanneischen Schrifttum ist die "Welt" im ganzen unheilvoll, von Hass und Sünde geprägt, Finsternis, und doch von Gott geliebt, der den Sohn sandte als Licht und Wegweisung und der den Glaubenden "schon jetzt" Ewiges Leben schenkt. Der Sohn trug die Sünde der Welt und starb für ihr Leben.

Der Hebräerbrief sieht den Inbegriff des Heilsgeschehens, das er in einer Opfersprache schildert, in der Tilgung der Sünden. Bei einem Überblick über biblische Aussagen, die die Unheilssituation und die Rettung aus ihr betreffen, ergibt sich eine Übereinstimmung darin, dass menschliche Anstrengungen zu einer umfassenden Befreiung nicht fähig sind. Ein eindeutiger Begriff für Erlösung fehlt jedoch; der Begriff "Loskauf" (lateinisch "redemptio", griechisch "apolytrosis") ist missverständlich. Von der Hoffnung Israels auf Rettung und der Gottesreich-Verkündigung Jesu verschob sich die Betrachtungsweise zunehmend in die Richtung eines einseitig moralischen Verständnisses.

Zur Theologiegeschichte

Der Glaube an die Verheißungen Gottes und der Lobpreis für sein rettendes Eingreifen, insbesondere in Jesus Christus, prägten von Anfang an Leben und Liturgie der Kirche, in der die biblischen Zeugnisse in ihrer Vielfältigkeit erinnernd vorgetragen wurden. Ein einheitliches theologisches Verständnis von Erlösung ergab sich jedoch nicht, auch nicht in kirchlich-amtlichen Aussagen. So sind mehrere "Modelle" kurz zu registrieren. Auch die Unheilssituation, von der die Reflexion über Erlösung fast immer ausgeht, wird nicht genau einheitlich verstanden. Ehe die Theorie der Erbsünde und ihrer Folgen sich durchgesetzt hatte, wurden eher das Verfallensein an die materielle Welt und ihre Hinfälligkeit, die Vergänglichkeit, als Inbegriff des Unheils gesehen. So konnten Erlösungsvorstellungen entstehen, in deren Zentrum nicht das Kreuz, sondern die Menschwerdung stand und deren Ziel die Erneuerung der Menschheit war (Anakephalaiosis; Irenäus von Lyon † um 202). Auch dort, wo die Heilsgeschichte als ein Prozess göttlicher Pädagogik zu immer tieferer Erkenntnis aufgefaßt wurde (Alexandrinische Theologenschule), wurde das erzieherische Wirken des menschgewordenen Logos Gottes stärker betont als sein Sterben. In der lateinischen wie in der griechischen Vätertheologie spielte der Tauschgedanke eine große Rolle: Fleischwerdung des göttlichen Logos gegen Vergöttlichung des Menschen, oder Übernahme der Sterblichkeit durch den Sohn Gottes, um der Menschheit Unsterblichkeit zu erwirken.

Eine deutlichere Profilierung erfährt die Lehre von der Erlösung, die Soteriologie, erst durch die Satisfaktionstheorie Anselms von Canterbury († 1109), in deren Mitte die Wiederherstellung der verletzten Ehre Gottes durch die Genugtuung, die ihm Jesus Christus als ein Subjekt unendlicher Würde leistete, stand. Diese stark juridisch geprägte Vorstellung beherrschte amtliche Äußerungen und Soteriologie bis ins 20. Jahrhundert.

Systematische Gesichtspunkte

Ein heute unbestrittener Ausgangspunkt jedes Nachdenkens über Erlösung besteht darin, dass Erlösung keinesfalls verstanden werden darf als Umstimmung und Versöhnung eines zürnenden Gottes, der sogar auf dem blutigen Tod seines eigenen Sohnes bestanden hätte. Eine ausschließliche Konzentration der Sündenvergebung auf Leben und Sterben Jesu Christi steht im Widerspruch zum vergebungsbereiten Bund Gottes mit der Menschheit in Noach und Abraham und mit dem einzigartigen Bund Gottes mit seinem Eigentumsvolk Israel, dessen Sünden in der immer wieder möglichen Erneuerung des Bundes durch Gott vergeben werden und wurden. Wenn Jesus seine Sendung gehorsam erfüllt bis zum Tod am Kreuz, dann ist dieses Geschehen mit der Auferweckung durch den Vater zusammenzusehen als wirksames Zeichen der göttlichen Liebe; es muß nicht notwendigerweise als stellvertretende Sühne interpretiert werden.

Bei Hans Urs von Balthasar († 1988) ist der Stellvertretungsgedanke auf die Spitze getrieben: Er gründet in einem innertrinitarischen Drama, in dem zunächst der göttliche Vater in einer Ur-Kenose (Kenosis) sich seiner Göttlichkeit entledigt hat, um dann den Sohn zu verlassen, der in seiner Gottverlassenheit den Fluch der Sünde radikal stellvertretend für alle zu erleiden und aufzuheben hat. Mag diese Sicht auch einer visionären Mystik entspringen, Bestand vor den biblischen Zeugnissen hat sie nicht, so wenig wie die Umdeutung Jesu zum "Sündenbock" im Versuch einer "dramatischen Soteriologie", wonach die Menschen alles bei ihnen komprimierte Böse einem unschuldigen Opfer aufladen.

Bei der Erneuerung der Theologie in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts trat immer deutlicher der Wunsch hervor, ohne Vernachlässigung der Frage nach der Wiederherstellung der durch die Sünde gestörten Gottesbeziehung zu der Hoffnung auf Rettung aus unheilen "diesseitigen" Zuständen zurückzukehren. Es handelt sich weder um die Behauptung einer Selbsterlösung noch um eine angezielte universale Befreiung, es handelt sich aber um eine Perspektive, die den Wunsch nach "ganzheitlicher" Heilung und nach der "Erfahrbarkeit" von Erlösung ernst nimmt. Das Befreiungshandeln Jesu wird in der Sicht der Befreiungstheologie engstens mit dem Befreiungshandeln der Menschen verbunden. Darin liegt dann nicht ein Rückfall in gottwidriges, autonomes Leistungsdenken, wenn die menschliche Freiheit im Glauben als gnadenhaft befreite Freiheit verstanden wird. Wird das Verhältnis Gottes zu seiner Schöpfung und zur Menschheit als die Geschichte seiner Selbstmitteilung gesehen, und entspricht diese Geschichte dem souveränen und wirksamen Liebeswillen Gottes, dann kann diese Geschichte durch menschliche Verweigerung und Schuld nicht zerstört werden. Den Höhepunkt erreicht diese Geschichte dann, wenn Gott sie sich zu seiner eigenen macht (obwohl, aber nicht weil sie eine Geschichte der Schuld ist) und wenn die Kreatur diese Selbstmitteilung Gottes in einer von Gott ermöglichten Freiheitstat annimmt. Eine Theologie des Todes kann aufzeigen, dass im Tod (als Tun der Freiheit und als Erleiden der Schuldsituation) die radikale Annahme der Selbstmitteilung Gottes durch den Menschen geschieht. So ließe sich die Erlösung im engeren theologischen Sinn als Erlösung durch das Kreuz und den Tod Jesu verstehen, ohne dass zu Sühne- und Genugtuungsvorstellungen gegriffen werden müßte.

Wird Erlösung im vollen Sinn des Begriffs verstanden, dann ist die von Gott vielfach verheißene Erlösung ohne Zweifel noch nicht eingetreten. Darum ist das Leben der Glaubenden charakterisiert als Existenz "auf Hoffnung hin" (Röm 8, 21 24) in der Erwartung der kommenden Erlösung, die erst dann eingetreten sein wird, wenn Leiden, Vergänglichkeit und Tod aufgehoben sind und auch die gesamte Schöpfung einbezogen ist (Röm 8, 18–25). Darum bitten Vaterunser und Liturgie um das Kommen der Erlösung Christen brauchen sich daher nicht (durch F. Nietzsche †1900 und andere) wegen ihres unerlösten Aussehens verspotten zu lassen. In diesem Sinn besteht eine große Glaubens- und Hoffnungsgemeinschaft der Juden und Christen als derer, die nach der von Gott versprochenen Erlösung immer noch Ausschau halten.

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