Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg provoziert auch heute noch. Es zeichnet eine Kontrastgesellschaft, in der jede und jeder die Mittel erhält, die sie zum Leben brauchen. Ist das das Reich Gottes?

Da geht er hin und er ist zornig. Er hat gearbeitet und Lohn erhalten, wie verabredet – das ist aber doch gerecht. Oder? Oder ist es ungerecht, dass irgendwelche Schmarotzer, die im letzten Moment, ja die letzte Stunde erst gekommen sind, dasselbe erhalten wie die, die seit sechs Uhr früh da sind? Oder ist es gerecht, weil die Armen es besonders brauchen? Oder ist es einfach die spontane Geberlaune eines merkwürdigen Weingutbesitzers?

Was macht der Mensch mit solchen Fragen? Zumal, wenn sie schon fast 2000 Jahre alt sind und uns das Gleichnis geradezu aus den Ohren herauskommt, weil wir meinen, es in- und auswendig zu kennen?

Wir fragen nach der Analyse der Parteien: „Wir sollten mit den Gewerkschaften beraten, wie dieses neue Lohnmodell so abgesichert werden kann, dass Gerechtigkeit empfunden und realisiert wird.“ – „Es hätte größerer Leistungsanreize bedurft, um ein Leistungsgefälle zu erzeugen. Aber es wurden Arbeitsplätze geschaffen, und das ist entscheidend.“ – „Wir solidarisieren uns mit den Leistungsbewussten, eine Klage vor dem Verfassungsgericht für einen gerechten Lohn für die Erstarbeiter ist erstrebenswert. Besserverdiener brauchen wir.“ – „Das alles ist wieder total anthropozentrisch – vielmehr sollte gefragt werden, ob es auf dem Weinberg ökologischen Anbau gibt, das ist das Kriterium zur Beurteilung, das zählt." - "Der Weingutbesitzer zeigt typisch kapitalistische und paternalistische Strukturen. Die Arbeiter sollten sich zusammentun, dann kann manche Weinlese stillstehen."

Typisch evangelisch ist, das Evangelium in die Mitte zu stellen: sola scriptura, die Schrift allein. Alle Traditionen der Auslegung können wir beiseitelegen und dieses Vermächtnis Jesu genauer anschauen. Am meisten beeindruckt mich die Frage nach der Übersetzung von ,argous‘. Luther übersetzt mit ,müßig‘, sie stehen müßig auf dem Markt, und die Assoziation ist ein bisschen: So ist’s halt im Orient, die stehen rum, trinken einen Kaffee, mit der Arbeit haben sie es nicht so. ,argous‘ könnte aber auch mit ,arbeitslos’ übersetzt werden. Es waren wahrscheinlich ziemlich verzweifelte Menschen, die auf Arbeit hofften. Und da sind wir gar nicht so weit weg von unserem Kontext. Denn auch damals in Palästina war es kostspieliger, Diener oder Knechte auf Dauer anzustellen, im Angestelltenverhältnis sozusagen, als – wie heute – billige Zeitarbeitskräfte zu holen aus Polen zum Spargelstechen, Erdbeerenpflücken und zur Weinlese.

Über den Besitzer können wir uns nicht beklagen. Er ist reich, aber fair: Ein Denar galt als angemessene Bezahlung, die einer Familie für einen Tag den Lebensunterhalt gewährt, und zudem zahlt er am Abend gleich aus. Bis dahin ist also alles in Ordnung, auch wenn es komisch erscheint, dass einer, der noch dazu einen Verwalter hat, den Arbeitsanfall so wenig einzuschätzen mag, dass er alle drei Stunden und gar eine Stunde vor Arbeitsschluss neue Kräfte anheuern muss. Den Geschäftsführer müsste er wahrscheinlich feuern.

Dann aber knallt es: Zuerst werden die einstündigen Arbeiter bezahlt: ein Denar. Eine kleine Sensation, denn für eine Stunde einen Tageslohn, das ist ungeheuer viel. Es kommt die Erwartung auf, dass nun alle einen so unerwartet hohen Lohn erhalten. Und durch diese neu entstandene Erwartung entsteht der Ärger: alle ein Denar, unabhängig von der Leistung. Es war abgemacht, ja. Aber ist es gerecht? Die, die den ganzen Tag geschuftet haben, sind wütend. Der Weinbergbesitzer wirbt um sie: Seid nicht böse, nur weil ich gütig bin.

Es ist wahrscheinlich gerade diese Umkehrung der Verhältnisse, die hier so provoziert. Das Gleichnis stellt unsere Kategorien auf den Kopf. Es zeichnet eine Kontrastgesellschaft, in der jeder den Denar erhält, den er zum Leben braucht. Reich Gottes?

Was ist gerecht? Ist es gerecht, dass ich im Nachkriegsdeutschland geboren bin mit allen Chancen und Möglichkeiten und eine andere Frau im Irak in ihrer Zeit zwei Kriege durchlotten hat, keine Freiheit und wenig Rechte hat? Nein. Aber was ist der Maßstab für Gerechtigkeit, können wir sie überhaupt herstellen?

Das Weinberggleichnis bleibt eine Provokation. Und das fasziniert mich ganz besonders: eine Provokation – auch für die Kirche übrigens – seit 2000 Jahren. Es thematisiert die Leistungsfrage in der Leistungsgesellschaft, es ist eine große Mahnung mit Blick auf unser Leben. Manches Mal muss sich unsere Kirche anhören, sie kümmere sich ausschließlich um die Menschen am Rande, nicht um die Leistungsträger, die den Sozialstaat erwirtschaften. O ja, da könnte ein Problem liegen. Zu denen an den Hecken und Zäunen, den Tagelöhnern, sind wir gesandt als Kirche, da ist das Zeugnis Jesu wohl nicht zu verbiegen. Aber die Reichen und Leistungsfähigen sind eben nicht einst die Letzten! Die Frage ist, wie sie mit den Gaben, die ihnen geschenkt sind, umgehen. Sind sie vor Gott verantwortliche Haushalterinnen und Haushalter oder treten sie auf mit der Arroganz: Alles von mir geschaffen? Sind sie der Weinbergbesitzer der Güte, wissen sie sich beschenkt oder fühlen sie sich als self made men and women? Da liegt der springende Punkt. Wer die eigenen Gaben und Reichtümer als Geschenk Gottes empfängt, wer weiß – in aller Demut –, dass ich nichts davon mir selbst, sondern alles Gott verdanke, steht anders in der Welt. Und kann sich an der oft durchaus unverdienten Güte Gottes gegenüber anderen freuen.

Vom Reich Gottes her gibt es eine Störung des Vorhandenen, der Werte, auf denen unsere Gesellschaft ruht. Schauen wir nicht auch manchmal böse oder scheel, wenn jemand offenbar mehr abbekommt als wir im Leben? Ach ja, gütig wären wir alle ganz gern, das hört sich klasse an. Aber wenn andere viel Güte abbekommen, das sehen wir denn doch kritisch. Und ich?

Die Perspektive des Reiches Gottes bleibt stets eine Herausforderung des Vorhandenen. Packen wir‘s an!

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