KörperidealeSchön ist, wer bewusst lebt

Normierung gegen Individualisierung: Viele Menschen sind unzufrieden mit ihrem Körper, und nicht nur dann, wenn sie gehandicapt oder krank sind. Von dieser Defiziterfahrung lebt die Schönheitsindustrie. Gleichzeitig gibt es eine Sehnsucht nach Einzigartigkeit. Wir alle wollen besonders beachtet, geliebt werden. Eine Erinnerung an die Zusage, dass jede und jeder von Gott wahrgenommen ist.

Schön ist, wer bewusst lebt
© Ruslan Huzau/shutterstock.com

Was mögen Sie nicht an sich? Sind da ein paar Kilo zu viel auf der Waage? Ist die Nase krumm – oder der Busen zu klein? Haben Sie schiefe Zähne? Belastet es Sie, dass Sie Sprachprobleme haben? Und Ihr Nachbar, Ihre Nachbarin: Sollte er sich an­ders kleiden? Finden Sie, sie könnte mal ein anderes Makeup auflegen? Tut er Ih­nen leid, weil er im Rollstuhl sitzen muss?

Die meisten Menschen in Deutschland sind unzufrieden mit ihrem Äußeren. Je­ des dritte Schulkind fühlt sich gemobbt, weil es nicht die richtigen Klamotten hat oder zu dick ist. Und so unterzieht sich eine wachsende Zahl von Menschen jähr­lich einer Schönheitsoperation. Und dann sehen sie alle fast gleich aus: schlanker als vorher, geliftet an Brust und Bauch, die Falten geglättet mit Botox und Co. Ob das gleich ein neues Leben bedeutet? Und: Ei­gentlich ist es doch furchtbar langweilig, wenn alle gleich ausschauen.

Danke, dass du mich so wunderbar und einzigartig gemacht hast, heißt es im Psalm 139. Wir glauben als Christinnen und Christen, dass wir Geschöpfe Gottes sind. Und jeder von uns, jede von uns ist ein Einzelexemplar. Das ist selbst bei ein­eiigen Zwillingen so. Sie haben zwar den­ selben genetischen Code, aber auch sie sind einzigartig je für sich allein.

Wer der Zusage vertraut, einzigartig zu sein, gewinnt einerseits große Freiheit: Ich muss mich nicht anpassen, muss mich nicht uniformieren. Hinter einer Uniform soll alles Individuelle zurück­ treten. Der Soldat, die Soldatin sollen Teil des Ganzen sein und nicht hervorstechen durch allzu Persönliches. Die enorme Be­wegung, sich zu tätowieren, ist dagegen ein Versuch, ganz individuell zu sein, den eigenen Körper unverwechselbar zu ge­stalten. Im Sommer an der Ostsee hatte ich das Gefühl, es ist inzwischen schon die große Ausnahme, nicht tätowiert zu sein. Es wimmelte nur so von Vögeln, Federn, bunten Bildern allüberall auf der Haut... Ja, auch das ist Freiheit der Kinder Gottes.

Diese Freiheit bringt eine große Verant­wortung mit sich: Wenn Gott mich so wun­derbar geschaffen hat, dann will auch ich alles tun, um mein Leben so zu leben, dass meine Gaben zur Geltung kommen. Jeder Mensch hat eine Gabe, eine Begabung. Das kann Kreativität sein oder Kraft, In­telligenz oder Liebesfähigkeit. Vor Gott ist jeder Mensch gleich viel wert. Da zählt der erfolgreiche Unternehmer nicht mehr als der sterbende alte Mann und das schöne Model bei Heidi Klum ist genauso viel wert wie das schwerstbehinderte kleine Mäd­chen. Alle sind einzigartig. Und allen sagt Gott Würde und Lebenssinn zu.

Der Psalmbeter weiß: „HERR, du erfor­schest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Gott ist auch bei Jesus wie ein liebender Vater, der den Sohn wieder aufnimmt, ohne Vorwurf, ohne Frage. Wie ein Wein­gartenbesitzer, der Sorge trägt, dass alle bekommen, was sie zum Leben brauchen. Wie eine Witwe, die noch den letzten ver­lorenen Groschen sucht. Diese Bilder und Gleichnisse zeigen: Gott sieht alles, aber Gott wird es niemals gegen mich verwen­den! Gott sieht mich mit meinen Stärken und Schwächen, in meinem Glück und meinem Leid. Ich kann mich Gott anver­trauen im Gelingen, wie im Scheitern, denn Gott hat mich einzigartig geschaf­fen. Dann kann ich auch mich selbst lieben und sehen: Ich habe einzigartige Seiten. Ja, gut, ich habe sicher auch ein paar Ma­cken, Ecken und Kanten. Nicht alles wird auf einen Schlag schön, wenn ich mich so sehe. Aber als Geschöpf Gottes bin ich wertvoll und wunderbar.

Wir müssen uns so auch immer erst sehen lernen. Die Sängerin Madonna ist mein Jahrgang. Und ich habe einmal, ich ge­stehe, gelästert und gesagt: Sie kann sich alles operieren lassen, damit sie nicht wie 60, sondern wie 36 aussieht, aber wenn ich ihre Hände sehe, weiß ich, sie ist so alt wie ich. Einige Zeit später habe ich ge­lesen, dass Madonna nun auch die Hände hat liften lassen. Als ich dann am Sterbe­bett meiner Mutter saß und ihre Hand hielt, habe ich gedacht: Was für schöne alte Hände du hast, einzigartig und wun­derbar. Schönheit ist gerade nicht Makel­losigkeit, Schönheit strahlt ein Mensch aus, der glücklich ist, bewusst lebt.

Wenn wir nun Menschen mit den Augen Gottes anschauen, sehen wir anderes an ihnen und in ihnen. Die Einzigartigkeit wird sichtbar, wenn wir die anderen als wunderbare Geschöpfe Gottes ansehen. So entsteht diese Beziehung, die Jesus als Lebenshaltung mitgibt: Gott über alle Dinge lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist ein Beziehungsdreieck, in dem wir stehen als Gottes Geschöpf, mit Blick auf unseren Schöpfer, auf die Mitgeschöpfe und eben auch mit Blick auf uns selbst. Und so entstehen Freiheit und Verantwortung.

Die mit Behinderungen in unserer Mitte lebenden oder auf Pflege angewiesenen Menschen sind nicht kategorial von uns unterschieden, sondern nur graduell. Wir alle sind einzigartige und wunderbare Geschöpfe. Und über die Unterstützungs­bedürftigkeit sind wir aufeinander ange­wiesen und miteinander verbunden, und zwar unlöslich. Die Gewohnheit und unse­re Sprache lassen uns das oft vergessen und verdrängen. Die mit Behinderungen lebenden Menschen nennen wir, wenn die Behinderung einen bestimmten Grad überschritten hat, „Behinderte“ und ma­chen ihre Angewiesenheit auf Unterstüt­zung zu dem herausragenden Merkmal ihrer Identität. Wer aber derzeit stark und gesund ist, klammert die eigene Angewie­senheit, die gegenwärtige, die vergangene und die kommende, lieber aus der Selbst­bezeichnung aus und definiert sich ganz von den Stärken her. Im Grunde unserer Existenz und durch den Verlauf unseres Lebens von der Wiege bis zur Bahre sind wir mit den Menschen, die wir als „Behin­derte“, „Kranke“, „Pflegebedürftige“, „Ju­gendliche mit Förderbedarf“ bezeichnen, verbunden und ihnen im Prinzip gleich. Durch die Sprache und unseren Umgang mit ihnen machen wir sie zu „Anderen“. Die Andersheit von Menschen, die mit Be­einträchtigungen leben müssen, ist ein ge­sellschaftliches Konstrukt, und das heißt, dass es veränderbar ist! Mit der Lebenszusage – Gott hat mich einzigartig und wun­derbar erschaffen – kann ich auch andere als wunderbare Geschöpfe Gottes ansehen. Und ich werde frei, auch mich anzu­nehmen mit allen Stärken und Schwächen.

Also, schauen Sie sich noch einmal an: Was magst du an dir? Dass du so lachen kannst? Dass deine kurzen Beine dich doch ziemlich weit tragen? Und was finden Sie spannend am Nachbarn? Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alle gleich sind. Wie langweilig wäre das denn! Wir sind kurz oder lang, dick oder dünn, rot­ haarig oder blond, können gut laufen oder schlecht, haben einen Sprachfehler oder sprechen sächsisch. Sind Männer und Frauen, alt und jung, haben helle oder dunkle Haut. Gott hat Lust an der Vielfalt!

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