Margot Käßmann & Christine BergmanFröhlich und frei Tacheles reden

Die ehemalige Bundesministerin für Familie, Frauen, Senioren und Jugend Christine Bergmann stammt aus Dresden. Die gelernte Apothekerin war 50, als die Mauer fiel. Margot Käßmann und sie sind sich bei vielen Gelegenheiten begegnet. Sie verbindet ihr Engagement für Frauen und Kinderrechte.

Fröhlich und frei Tacheles reden
Christine Bergmann ist im Sommer 2016 in den Wochen um ihren 77. Geburtstag den Jakobsweg gepilgert, das Foto zeigt sie auf dem Weg.© privat

Wo haben Sie das erste Mal bewusst Gastfreundschaft erfahren?

Christine Bergmann: Ich war vielleicht acht, neun Jahre, sehr dünn, als mein Vater eine schwere Lungentuberkulose hatte und in eine Heilstätte kam. Meine Mutter hatte eine Freundin, die ist nach West-Berlin gezogen, und bei denen gab es viel zu essen. Diese Familie hat mich dann für eine Woche eingeladen; da habe ich Dinge zu essen bekommen, die kannte ich gar nicht. An Haferbrei mit Büchsensahne darauf kann ich mich erinnern, und dass ich soviel Brot essen durfte, wie ich wollte. Mein Vater hat jeden Abend für uns die Stullen zugeteilt, es gab noch recht wenig. Die Gastfreundschaft dieser Familie habe ich sehr genossen.

Margot Käßmann: Ich war sechzehn, kam in die USA, hatte ein Stipendium für ein Internat. Zuvor war ich vier Wochen in einer Gastfamilie, um mich einzugewöhnen, die Sprache besser zu lernen. Da hatte ich ein Zimmer, durfte alles nutzen – ohne irgendeine Gegenleistung! Das hat mich sehr berührt, wie diese Familie ein völlig fremdes Mädchen aus Deutschland aufnahm.

Sind Sie gerne Gastgeberin? Und: Können Sie Gastfreundschaft annehmen?

C.B.: Ich bin gerne Gastgeberin und mache mir viel Arbeit für meine Gäste, damit sie merken, wie gerne ich sie um mich habe. Das kenne ich auch aus

meiner Familie: Gäste waren immer willkommen, egal was da war oder fehlte; sie gehörten einfach dazu. Und ja, ich kann Gastfreundschaft annehmen als Zeichen: Ich freue mich, wenn du kommst. Gastfreundschaft ist ein hoher Wert, ist Lebensqualität.

M.K.: Ich habe es gerne, wenn Menschen mich besuchen kommen... (lacht) ... wenn ich weiß, ich muss nicht viel kochen, ich bin keine passionierte Köchin. Für mich ist es entspannt, wenn es unkompliziert ist, ich Käse, Oliven, getrocknete Tomaten und ein Glas Wein auf den Tisch stelle. Ich bin auch gerne Gast, wenn eine Freundin gerne und gut kocht. Aber ungern bin ich Gast, wenn ich das Gefühl habe, hier hat es jemand ganz kompliziert gemacht.

C.B.: Es gibt eine Gastgeberschaft, die ich fürchte: wenn die Gäste genötigt werden, zu viel zu trinken! Das habe ich früher in der Sowjetunion erlebt bei Arbeitstreffen, nicht zu trinken galt da als Beleidigung.

Gibt es einen Unterschied in puncto Gastfreundschaft zwischen Ost und West?

C.B.: Ich würde sagen ja. Das hat etwas mit unserer Sozialisation zu tun. Wir sind es gewöhnt, unsere Gäste immer zuhause zu empfangen. In ein Restaurant einzuladen empfinde ich eher westtypisch. In der DDR bekam man schwer einen Platz in einer Gaststätte und es gab zu viele, die mithörten. Ehemalige Mitarbeiterinnen aus dem Westen, die oft bei mir waren, haben mich immer wieder in ein Restaurant eingeladen. Wie sie wohnen, weiß ich nicht.

M.K.: Ich erlebe das in den letzten Jahren auch zunehmend, dass in Restaurants eingeladen wird. In den fünf Monaten in den USA 2010 hatte sich zu meinem Aufenthalt 1974/75 viel geändert: Ich bin nur einmal bei jemandem zuhause gewesen. Eine Freundin sagt: Freundschaft heißt, du kannst kommen, auch wenn nicht aufgeräumt ist.

Gilt Gastfreundschaft auch in der Politik? Ist sie gar ein Mittel von Politik?

C.B.: Es gibt Arbeitsessen, das ist auch eine eigene Kultur, die bewusst eingesetzt wird, wenn schwierige Dinge zu verhandeln sind. Wenn man in Berlin am Vormittag ins Café Einstein Unter den Linden geht, sieht man so manche Politiker im Gespräch. Aber ist das Gastfreundschaft? Eher nicht.

M.K.: Gemeinsame Mahlzeiten können politisch sicher hilfreich sein. Ich denke an einen Besuch von Trump in Saudi-Arabien mit Schwerttanz ... aber viel lieber an echte Gastfreundschaft in der Bibel. Das Haus der Geschwister Maria, Marta und Lazarus war für Gäste offen, auch Jesus beherbergten sie oft und gern. Das offene Pfarrhaus steht in dieser Tradition.

Gibt es Ihrer Ansicht nach gastfreundlichere Länder als andere? Wenn ja, woran liegt das?

C.B.: In meiner sozialistischen Vergangenheit habe ich viel Gastfreundschaft erlebt. Kollegen in Polen haben mich mit offenen Armen aufgenommen. Auch wenn sie keinen Platz hatten, bekam ich irgendwo eine Couch. Das gleiche galt für Ungarn. In den osteuropäischen Ländern ist es selbstverständlich, Gäste aufzunehmen und zu teilen, und wenn es nur Borschtsch ist. Das hat sehr zusammen- geschmiedet, und selbstverständlich konnten diese Gastgeber auch bei uns in Dresden oder in Berlin an die Tür klopfen. In späteren Jahren durfte ich Gastfreundschaft auch in anderen Ländern, zum Bei- spiel in Frankreich erleben.

M.K.: In Ländern des Südens bin ich oft eingeladen worden. Manchmal fand ich das fast beschämend, auch wenn mir Touristen erzählt haben, dass sie nach einem kurzen ersten Kontakt in der Türkei zu einer Hochzeit eingeladen wurden. Auf die Idee wären sie umgekehrt nie gekommen! Wir sind in Deutschland manchmal schon recht abgrenzend. Wenn ich dagegen in ein Flüchtlingsheim kam, wurde ich gleich gefragt: Können wir etwas kochen? Gastfreundschaft gehört in anderen Ländern offenbar mehr zum Alltag.

Gibt es eine positive Entscheidung/ Entwicklung, die ohne ein vorheriges gemeinsames Essen nicht zustande gekommen wäre?

M.K.: Eine einzelne Geschichte kann ich nicht nennen. Aber die Frauenmahle während der Reformationsdekade – in Leipzig, in Wittenberg, in Berlin – taten meinem Eindruck nach gut. Denn da haben sich Frauen aus Ost und West getroffen und fröhlich und frei Tacheles geredet über die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten.

C.B.: Anfang 1990, ich war schon in der SPD, es war unklar, wie es jetzt weitergeht, ob ich kandidiere: Ich war zu Besuch im Spessart bei Verwandten, keine SPD-Wähler, die sagten, du musst doch in die Politik gehen. Also, die haben die Schranke eingerissen, ich habe ihnen später immer wieder gesagt: Ihr seid Schuld (lacht).

Ja, und das Pilgern entstand so. Ich war mit der Friedrich-Ebert-Stiftung in Südkorea. Dort erzählte mir bei einem Essen eine Mitarbeiterin vom Jakobsweg, den sie gegangen war. Ich war auf der Suche nach einer Begleitung, aber sie sagte, da kannst du doch alleine gehen. So fasste ich den Entschluss.

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