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Anzeige: Himmel im Mund

Heft 6/2022Juni

Inhalt

Die Blütenblätter der Pfingstrosen in der Vase waren einfach durch einen kleinen Luftzug abgefallen, in dem Moment, in dem die Blüten am vollsten und am schönsten waren. Nicht verwelkt etwa, sondern noch ganz frisch lagen die Blätter verstreut auf dem Tisch. Wenn es doch so wäre, dass das, was an Pfingsten geschehen ist, sich auch heute in dieser Weise verbreiten würde. Einfach auf uns herabfiele! Gottes guter Geist, unbeschriebene Blätter … lauter kleine Flammen. Ein Glutnest, das nicht aufhört zu brennen vor Gottes Liebe und für seine Gerechtigkeit. Wenn wir doch auch befreit wären von aller Angst und Sorge, von Missmut, Zweifel, Vertrauensverlust, Unterstellung und übler Nachrede… Und wir doch wüssten, wie es weitergeht, was das Richtige ist. Heute, da ich diese Zeilen schreibe, tobt der Ukraine-Krieg, immer mehr Waffen werden geliefert.

Feuer und Flamme sollen sie gewesen sein, die JüngerInnen Jesu, damals in Jerusalem zum großen Erntefest. Die Straßen waren voller Menschen aus allen Ländern der damaligen Welt auf dem Weg zum Tempel, um Gott zu danken. Auch die Anhänger Jesu zog es nach draußen, sie hatten die Furcht verloren, erkannt zu werden. Und als Petrus predigte, verstanden ihn diese Menschen, nicht etwa in seiner, sondern in ihrer Sprache. Dieses Sprachenwunder bedeutet auch: Der Turmbau zu Babel mit der daraus folgenden Katastrophe und Trennung der Menschen ist wieder ins Lot gebracht. Denn Gott ist gekommen, in Jesus Christus! Er teilt das Leiden und das Sterben der Menschen, und niemandem wird dieses Wort der Hoffnung vorenthalten. Die heilige Geisteskraft wird Leben erhalten, ermöglichen und erschaffen, das den Namen verdient, weil über ihr das Liebesgebot steht: Gott über alle Dinge lieben und seinen Nächsten wie sich selbst.

Der Gott der Liebe teilt sich in so vielen Dingen mit, die wir immer wieder übersehen: den kleinen Vogel, der ins Zimmer hereinflattert, die ehrenamtliche Hilfe bei so vielen Flüchtlingen, den unermüdlichen Einsatz unserer Pflegerinnen und Pfleger für unsere Alten und Kranken, die Erzieherinnen und Erzieher, die immer wieder neu versuchen, die Werte von Gerechtigkeit und Liebe über die Kinder in diese Welt hineinzutragen … Werden wir wachsamer und aufmerksamer für all die kleinen Dinge, die um uns herum passieren!

Die Kirchengeschichte lässt uns immer wieder entdecken, wie vielfältig das „Schiff, das sich Gemeinde nennt …“ durch die Zeiten gerudert ist. Bei Gott nicht immer leichte und einfache Zeiten. Haben wir heute vergessen, dass wir nicht Öl, sondern Sand im Getriebe des Weltgeschehens sein sollen und dass der Heilige Geist uns dazu die Kraft versprochen hat?

O komm, du Geist der Wahrheit,
und kehre bei uns ein,
verbreite Licht und Klarheit,
verbanne Trug und Schein.
Gieß aus dein heilig Feuer,
rühr Herz und Lippen an,
dass jeglicher Getreuer
den Herrn bekennen kann.
Du Heilger Geist, bereite
ein Pfingstfest nah und fern;
mit deiner Kraft begleite
das Zeugnis von dem Herrn.
O öffne du die Herzen
der Welt und uns den Mund,
dass wir in Freud und Schmerzen
das Heil ihr machen kund.

Ich wünsche Ihnen allen, liebe Leserinnen und Leser, und auch mir diesen Geist der Wahrheit und der Erkenntnis und diese allumfassende, bedingungslose Liebe, die der Urgrund allen Seins ist.