Ende, Untergang und Zerfall der Sowjetunion

Den Staaten des »realen Sozialismus« in Europa gelang es nicht, die sich seit den 1970er-Jahren verstärkende Wirtschaftskrise zu überwinden. Gleichzeitig führte der Krieg in Afghanistan seit 1979 zu einer zusätzlichen Belastung.

Der Untergang der Sowjetunion
© Pixabay

Innenpolitische Reformen wurden bereits von den Vorgängern des 1985 zum Generalsekretär ernannten Michail Gorbatschow (geb. 1931), Andropow und Tschernenko, eingeleitet. Außenpolitisch jedoch hielten beide, die noch am Zweiten Weltkrieg aktiv teilgenommen hatten, an den Gegebenheiten fest. Keiner von ihnen war bereit, sowjetische Positionen aufzugeben, obwohl sie die finanziellen Möglichkeiten seit langem schon überschritten.

Gorbatschow, Perestroika und Glasnost

Gorbatschow war der erste Generalsekretär der Nachkriegszeit, der den Krieg nicht als Soldat oder Partisan miterlebt hatte. Dies ließ ihn unvoreingenommener an die Reform der Außenpolitik gehen, in der schließlich der Rückzug aus traditionellen Positionen als Erfolg verbucht werden konnte. Innenpolitisch führte er jenen Weg fort, den seine beiden Vorgänger in Ansätzen begonnen hatten. Hier verkündete er die »Umgestaltung« (Perestroika) der sowjetischen Politik sowie eine neue »Offenheit« (Glasnost).

Einen Tag nach seinem Amtsantritt wurden am 12. März 1985 nicht ganz überraschend die Rüstungskontrollgespräche mit den Amerikanern wieder aufgenommen. Der außenpolitische Rückzug der Sowjetunion war zwar eine notwendige finanzpolitische Entlastungsmaßnahme, er bedurfte jedoch einer besonderen Begründung. Gorbatschows »neues Denken« erklärte den außenpolitischen Rückzug zur Notwendigkeit, um den Sozialismus weiterzuentwickeln. Es sei kein Zeichen der Schwäche, sondern ein Weg, das Ansehen der Sowjetunion zu steigern.

Ende der Breschnew-Doktrin

Das »neue Denken« brach aber v. a. das Konzept der »beschränkten Souveränität« der sozialistischen Staaten (»Breschnew-Doktrin«) und ersetzte es durch eine Idee, die der Sprecher des sowjetischen Außenministeriums, Gennadi Gerassimow im Rückblick ironisch als »Sinatra-Doktrin« bezeichnet hat. Jedes sozialistische Land habe, erklärte Gorbatschow in verschiedenen Reden seit April 1986, die Freiheit, den »eigenen Weg« zu gehen. Im Rückblick haben viele das Aufgeben der Breschnew-Doktrin als Anfang vom Ende des Ostblocks betrachtet. Wie in den sowjetischen Satellitenstaaten Ostmitteleuropas misslang der geplante Systemwandel auch in der Sowjetunion selbst total und führte zu einem grundlegenden Systemwechsel.

Das Ende der Sowjetunion – Aufstieg Boris Jelzins

Die schwache Position Gorbatschows in der Sowjetunion wurde im Mai 1991 international erkennbar: Am 18. August putschten Mitglieder der KPdSU unter Führung von KGB-Chef Wladimir Krjutschkow und Vizepräsident Gennadij Janajew gegen Gorbatschow, der Präsident der Sowjetunion konnte sich nur mithilfe eines anderen Gegners, des Radikalreformers Boris Jelzin, an der Macht halten. Am 24. August trat Gorbatschow als Generalsekretär der KPdSU zurück. Jelzin setzte sich nun innerhalb kürzester Zeit gegen ihn durch: Unter Umgehung der anderen Republiken wurde am 8. Dezember 1991 von Russland, der Ukraine und Weißrussland der Unionsvertrag der Sowjetrepubliken außer Kraft gesetzt und eine »Gemeinschaft unabhängiger Staaten« (GUS) gegründet. Am 21. Dezember folgte der offizielle Gründungsakt. Vier Tage später trat Gorbatschow von seinem Amt als Staatspräsident der Sowjetunion zurück. Mit Wirkung vom 31. Dezember 1991 hörte die Sowjetunion – auf den Tag genau 69 Jahre nach ihrer Gründung – auf zu existieren. Der Zerfall der Sowjetunion kann auch letzter großen Dekolonisationsprozesses betrachtet werden kann, als Sonderfall eines kontinentalen Kolonialreiches im Gegensatz zu den überseeischen Kolonialreichen der »klassischen« Kolonialmächte.

Nachfolgestaaten der Sowjetunion

Armenien

  • 30.000 km2
  • 3.200.000 Einwohner

Aserbaidschan

  • 86.600 km2
  • 8.200.000 Einwohner

Estland

  • 45.000 km2
  • 1.400.000 Einwohner

Georgien

  • 69.700 km2
  • 4.600.000 Einwohner

Kasachstan

  • 2.725.000 km2
  • 16.400.000 Einwohner

Kirgistan

  • 200.000 km2
  • 5.300.000 Einwohner

Lettland

  • 65.000 km2
  • 2.300.000 Einwohner

Litauen

  • 65.000 km2
  • 3.400.000 Einwohner

Moldawien

  • 33.800 km2
  • 3.300.000 Einwohner

Russland

  • 17.100.000 km2
  • 142.000.000 Einwohner

Tadschikistan

  • 143.000 km2
  • 7.300.000 Einwohner

Turkmenistan

  • 488.000 km2
  • 5.100.000 Einwohner

Ukraine

  • 604.000 km2
  • 46.000.000 Einwohner

Usbekistan

  • 448.000 km2
  • 27.800.000 Einwohner

Weißrussland

  • 208.000 km2
  • 9.900.000 Einwohner

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