Gebet

Ausdruck eines Einzelnen oder einer Gemeinschaft, um sich Gott in ehrfurchtsvoller Weise zuzuwenden. Zugleich Antwort des Menschen, der sich von Gott angerührt erfährt. Insofern immer auf ein Gegenüber, ein göttliches Du ausgerichtet. Dies unterscheidet es wesentlich von der Meditation. Im engeren Sinne sind mit Gebet formulierte Worte gemeint, im weiteren Sinne jedoch auch das Verharren in der Stille, Lieder, bestimmte Gebärden, Tanz vor Gott etc.

Jede Religion kennt das Gebet. Auch für die Christen war es von Anfang an wesentlich. So heißt es von Jesus selber, er habe sich zum Gebet zurückgezogen, und die Jünger baten ihn, sie beten zu lehren, worauf er sie das Vaterunser lehrte (Mt 6,9-13, Lk 11,1-4).

Alle liturgischen Feiern bestehen in einem Dialog zwischen Gott und Gemeinde, aus Verkündigung und darauf antwortendem Gebet. In der Messfeier hat das Eucharistische Hochgebet als Wandlungsgebet einen besonderen Stellenwert. Darüber hinaus gibt es als Gebete im engeren Sinne das Tagesgebet, mit dem der Eröffnungsteil der Messe schließt, und das Schlussgebet als Dankgebet für die empfangene Kommunion. Außerhalb der Messfeier kennt die Kirche besonders das Stundengebet (Tagzeitenliturgie), welches zu bestimmten Stunden des Tages, besonders aber morgens (Laudes) und abends (Vesper) verrichtet wird, und zu dem sich Priester und Diakone sowie die meisten Ordensleute verpflichten. Es wird aber auch Laien empfohlen. Des Weiteren gibt es verschiedene Andachtsformen, wie das Rosenkranzgebet und das Angelus-Gebet, welche in der Volksfrömmigkeit eine wichtige Rolle einnahmen und -nehmen. Nicht zu vergessen seien Gebete mit eher privatem Charakter wie Tisch-, Morgen- und Abendgebete.

Die diesjährige Pfingstnovene des kirchliches Hilfswerks „Renovabis" spricht Gott in einem Gebet als „Vater und Mutter" an. Kann man diese Formulierung wirklich so verwenden?

Im Zuge der Frauenbewegung in den letzten Jahrzehnten ist die Sensibilität dafür gewachsen, dass die Heilige Schrift auch weibliche, mütterliche Bilder für Gott kennt. So z. B. in Dtn 32,11, wo die Adler-Mutter ihre Schwingen über ihrem Jungen ausbreitet, es ergreift und flügelschlagend davonträgt. Oder Gott als Gebärende, die unter Schmerzen die ganze Schöpfung zur Welt bringt (Jes 42,14; Dtn 32, 18). Eine direkte weibliche Anrede an Gott, wie die männliche Anrede „Vater", die Jesus seinen Jüngern nahelegt (Mt 6,9, Lk 11,2 u. ö.) findet sich allerdings nicht in der Bibel. Darum wird in offiziellen liturgischen Texten diese Bezeichnung vermieden. Um trotzdem auch der mütterlichen Seite Ausdruck zu geben, hat man bei den „Hochgebeten für Messen für besondere Anliegen" (1994) eine entsprechende Regelung gefunden. Dort heißt es in der Präfation zum Hochgebet „Jesus, unser Weg": „Wir danken dir, treuer Gott und barmherziger Vater, für deinen Sohn Jesus Christus, unseren Herrn und Erlöser. … Sein Leben und seine Botschaft lehren uns, dass du für deine Kinder sorgst wie ein guter Vater und eine liebende Mutter." Das Wörtchen „wie" betont dabei, dass alle Begriffe und Namen, mit denen der Mensch Gott benennt, niemals sein ganzes Wesen und Wirken erfassen können. Gott ist letztlich mehr als Vater und Mutter. Wir können ihn mit beiden vergleichen, aber nicht gleichsetzen.

Manuel Uder