Kirche tanzt

Kirchentanz – was verbirgt sich dahinter und welches Potenzial steckt in dieser liturgischen Ausdrucksform? Seit 25 Jahren widmet sich ein Verein diesen Fragen in Praxis und Theorie.

Ein liturgischer Tanz
Tanz und Gebärde tragen dazu bei, die Bedeutung liturgischer Elemente zu vertiefen und einer Inspiration einen konkreten, sinnenhaften Ausdruck zu geben.© Andrea Saalbach, CAT e. V.

Am 8. Oktober 2022 feiert unsere Christliche Arbeitsgemeinschaft Tanz in Liturgie und Spiritualität e. V. (CAT) ihr 25-jähriges Bestehen. Geplant ist ein Jubiläumsprogramm sowie ein Ökumenischer Tanzgottesdienst unter dem Leitwort „leben.tanzen.teilen“ in der Kirche der Stille in Osnabrück. Interessierte sind herzlich eingeladen!

Doch wer genau steckt hinter unserer Jubilarin CAT? Gegründet wurde sie im Jahr 1997 als ökumenischer Verein zur Fortführung der Mönchengladbacher Tagungen zum sakralen Tanz (1991–1996). Bis heute ist das zentrale Anliegen, Bewegung, Tanz und Gebärde als wichtige Erfahrungs- und Ausdrucksweise des Menschen in den verschiedenen Formen von Liturgie und christlicher Spiritualität zu entfalten und weiter zu verbreiten. Ausgehend vom christlichen Menschenbild als Einheit von Geist, Leib und Seele ist das Bestreben der Arbeitsgemeinschaft, diese Einheit ernst zu nehmen und die Bedeutung der Leiblichkeit des Menschen für seine Spiritualität in die Wahrnehmung und in das Bewusstsein zu rücken. Seit ihrer Gründung vernetzt unser gemeinnütziger Verein Frauen und Männer in ganz Deutschland und dem angrenzenden Ausland, denen die Verbindung von christlicher Spiritualität und Leiblichkeit in Form von Tanz und Gebärde ein Anliegen ist.

Warum Kirchentanz?

Menschen tanzen (nicht nur) in der Kirche, weil sie von etwas bewegt sind, z. B. von Lebens- und Sinnfragen, von Sehnsüchten und Hoffnungen oder von der Frohen Botschaft Jesu Christi. Sie tanzen, weil sie in Bewegung kommen unter der Berührung unseres lebendigen Gottes und weil sie als Gemeinschaft beten und Gott preisen wollen. Dem menschlichen Körper, dem beseelten Leib, wohnt eine eigene Form der Intelligenz inne – die Fähigkeit zu spüren: Beziehung, Bewegung, Nähe und Distanz, Räume und Grenzen, Stimmungen, Klänge, Gefühle etc. Tanz ist ein Resonanzmedium und eine flüchtige Kunst – er lebt vom gefüllten Augenblick. Er regt zur Einfühlung an, berührt die Sinne und kommuniziert nach innen und außen. Tanz bringt Menschen in Bewegung und gibt Kraft für das Engagement in Kirche und Welt. Wenn Tanz in den Dialog mit christlicher Tradition kommt, entstehen neue Perspektiven und Wahrnehmungen. Tanzende können

  • die Dynamik Gottes in seiner Schöpfung in kraftvollen kreativen Bewegungen erleben,
  • Gottes Trinität in getanzte Bilder umsetzen, die Beziehung verkörpern, ohne dieses Geheimnis Gottes lüften zu wollen,
  • Tanz als Raum der Gnade erfahren, in dem die Geistkraft weht,
  • ganzheitlich in den Dialog mit einem Bibeltext bzw. mit Gottes Wort eintauchen und dadurch biblische Texte vertieft und neu erfahren,
  • vor Gott tanzen, mit allem, was glücklich macht, begrenzt, ängstigt oder schmerzt, und mit allem, wofür sie noch keine Worte gefunden haben,
  • Liturgie intensiver als Weggemeinschaft erleben
  • und vieles mehr.

Liturgie als Gesamtchoreografie dient von ihrem Anliegen her dem Menschen und seiner Beziehung zu Gott: „Gottes-dienst“ – Dienst für Gott und Dienst Gottes an uns. Gott hat uns als ganzheitliche Wesen mit Leib, Geist und Seele geschaffen. So dürfen wir unser Leben vor ihn bringen mit unserer Vergebungsbitte (Kyrie), unserem Lobpreis (Gloria), mit unseren Talenten und Früchten (Gabenbereitung), uns aber auch beschenken lassen und ihm danken (Präfation, Dankgebet). So wie Gesang und Musik dienen auch Tanz und Gebärde dazu, die Bedeutung dieser liturgischen Elemente zu vertiefen, einer Inspiration einen konkreten, sinnenhaften Ausdruck zu geben. Sie sind nicht als schmückendes Beiwerk oder zusätzliches Extra zu verstehen, sondern als dem Anliegen des Gottesdienstes dienender und zu integrierender Bestandteil der Liturgie. Tanz kann im Gottesdienst ein Ritual sein, eine schlichte soziale Interaktion, um die Gemeinschaft der Feiernden erfahrbar zu machen, oder eine Besinnung des Einzelnen, um den eigenen Gefühlsausdruck im Sinne einer Resonanz auf das Evangelium zu finden.

Im Kirchentanz sind professioneller Tanz und leiblicher Ausdruck der Gemeinde nicht gegeneinander auszuspielen. Beide haben ihre Wertigkeit und ihre Berechtigung. Der eine ist dem künstlerischen Ausdruck verpflichtet, um den Zuschauenden ein inneres geistliches Miterleben zu ermöglichen. Der andere lädt ein, sich selbst auf eine eigene Erfahrung einzulassen mit den Bewegungsmöglichkeiten, die dem einzelnen Menschen persönlich gegeben sind und die der jeweilige Kirchenraum bietet.

Zwischen Praxis und Theorie

Der CAT ist es in 25 Jahren gelungen, sich mit ihren Anliegen und Zielen wissenschaftlich auseinanderzusetzen. Mit jährlich wechselnden öffentlichen Veranstaltungen, die ehrenamtlich von unseren Vereinsmitgliedern organisiert werden, bieten wir

  • Symposien im Dialog mit verschiedenen Wissenschaften (Theologie, Musikwissenschaft, Sportmedizin, Psychologie, Neurologie etc.),
  • Kirchentanz-Festivals mit einer Vielfalt an Tanzformen und einem abschließenden „Bewegten Gottesdienst“,
  • Fachtagungen für Tanzanleiter/innen und Tanz-Workshops der Regionalgruppen,
  • Präsenz auf den Evangelischen Kirchentagen und den Katholikentagen.

Die einzelnen Vereinsmitglieder wirken vor Ort in ihren Gemeinden und Tanzkreisen, in Bildungshäusern, in sozialen und pädagogisch-therapeutischen Einrichtungen mit ihrem Know-how und ihren Erfahrungen. Sie tragen so zur Verbreitung anderer liturgischer Formen und zur Erweiterung des Erfahrungshorizontes im christlich-spirituellen Spektrum bei.

Auch nach 25 Jahren sind die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft noch nicht müde geworden, das Tanzbein zu schwingen und für ihre Ideen bzw. die Vereinsziele zu werben. In den letzten Jahren gab es manche positiven Weiterentwicklungen. Hier nur einige wenige Beispiele: Die Dance Company TippingPoint um Barbara J. Lins hat mit ihrer Performance Continuum7 den Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler 2018 in Freiburg gestaltet. Tanz als Kunstform wurde durch die Verleihung des Kultur- und Kunstpreises 2021 der deutschen Katholiken (KuKK) an die Tanzchoreografin Lia Rodrigues unter besonderer Berücksichtigung ihres künstlerischen, pädagogischen und sozialen Wirkens in der Favela de Maré in Rio de Janeiro gewürdigt. Die evangelische Pfarrerin und Tanzpädagogin Tatjana K. Schnütgen wurde 2021 mit dem Hanns-Lilje-Stiftungspreis (EKD) für ihre innovative Dissertation „Tanz zwischen Ästhetik und Spiritualität – Theoretische und empirische Annäherungen“ (Göttingen 2019) geehrt. Sie reflektiert exzellent zeitgenössische Tanzkunst als ästhetische Erfahrung, die spirituelle Räume eröffnen kann, ohne dass diese Erfahrungen theologisch vereinnahmt werden. 2018 erschien das Buch „Bibliotanz – Biblische Texte im Tanz erleben. Das Praxisbuch“ von Astrid Thiele-Petersen, die im September 2022 die 2. Bibliotanz®-Weiterbildung (2022–2024) in Kooperation mit evangelischen Bildungseinrichtungen startet (www.astrid-thiele-petersen.de/bibliotanz/#angebote). Die nächste dreijährige Ausbildung „Bibel getanzt“ unter Leitung von Sr. Monika Gessner OP beginnt im Januar 2023 (siehe www.bibelgetanzt.org/angebote/tanzausbildung).

Unsere eigenen Erfahrungen und die Resonanzen auf unsere Symposien und Kirchentanz- Festivals bestärken uns in unserem Engagement, tanzbegeisterte Christinnen und Christen miteinander zu vernetzen sowie mit Bewegung und Tanz in verschiedenen Gottesdienstformen zu experimentieren. Seit 1997 ist die CAT kontinuierlich gewachsen und findet immer wieder neue Ideen für leibbewusste Spiritualität.

Wünsche für die Zukunft

Neben einem weiteren Wachstum und einer großen Lebendigkeit der Arbeitsgemeinschaft wünschen wir uns, verstärkt auch Jüngere und noch mehr Männer für den Liturgischen Tanz zu begeistern (auf ihre Weise, mit ihrer Musik!) und Kirche als eine Glaubensgemeinschaft in Bewegung erfahrbar zu machen. Das wäre für uns ein Herzensanliegen und eine Entwicklung der Liturgie, die auch Kirchenentwicklung ist.

Die Qualität der Liturgie wird sich in Zukunft auch daran messen lassen müssen, dass sich Menschen bewusst für bestimmte Gottesdienstformen entscheiden, von denen sie erwarten, dass sie ihre Seele nähren, ihre Alltagsprobleme und Lebensfragen und großen Sehnsüchte nicht nur ins Wort bringen, sondern auch im und am eigenen Leib sinnlich erfahrbar machen. Menschen werden liturgische Feiern wählen, die sie sinnenhaft-symbolisch ansprechen, weil sie aus diesen gestärkt und gesegnet weitergehen wollen und weil sie ihre Glaubensgemeinschaft erfahren wollen. Gerade durch die kontaktarme Zeit der Corona-Pandemie ist uns allen deutlich geworden, wie wichtig auch kleine Berührungen und Gesten sind. Tanz und Gebetsgebärden bieten Potenzial für Möglichkeiten der Annäherung, des Füreinander-Öffnens und des Erlebens einer Communio.

Broschüre „Kirche tanzt“

Die Erfahrungen vieler Tanzleiter/innen, Theolog/innen, Religions- und Tanzpädagog/ innen sind jetzt zum Jubiläum der Arbeitsgemeinschaft in einer handlichen Broschüre gebündelt worden: „Kirche tanzt“ (Bestellung bei der CAT-Geschäftsstelle; Kontakt siehe unten). Hier finden sich hilfreiche Hinweise für alle, die entdecken wollen, was Tanz der Kirche zu bieten hat – theologisch, liturgisch und künstlerisch. Den Anstoß für diese kleine Handreichung gab das Symposium „Tanz- Gottes-Dienst – wo sich Himmel und Erde berühren“ im Jahr 2017 in Essen. Leser/innen können entdecken, welche Beziehungen zwischen Tanz und Liturgie bestehen. Der Text will Menschen ermutigen, mit dem Tanzen in der Kirche anzufangen und Bewegung in die gottesdienstlichen Feiern zu integrieren.

Zu finden ist die CAT mit aktuellen Terminen und allem Wissenswerten unter www.christliche-ag-tanz.de.
Fragen beantwortet die CAT-Geschäftsstelle gerne: info@christliche-ag-tanz.de.

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