Heft 1/2020Schwerpunkt: Ordensfrauen und Missbrauch

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»Die Kirche ist eine Mutter – und seine Mutter schlägt man nicht«. Dieses Zitat stammt aus dem deutschen Film »Verfehlung«, welcher den wiederholten sexuellen Missbrauch eines Jungen durch einen Kleriker thematisiert. Als dessen Taten durch einen Mitbruder aufgedeckt werden, wird Letzterer durch den Ortsbischof mit obiger Erklärung zum Stillschweigen ermahnt. Doch genau diese Praxis des Stillschweigens ist es, so zeigt die ehemalige Ordensschwester Majella Lenzen in ihrem Beitrag auf, die den Missbrauch ermöglicht.

Längst hat sich gezeigt, dass auch Ordensfrauen zu den Opfern sexualisierter Gewalt zählen. Dabei beschränkt sich Missbrauch nicht nur auf die physische Form, sondern umfasst auch den emotionalen, geistigen und spirituellen Missbrauch. Bereits zu Beginn der 2000er-Jahre machte Lenzen darauf aufmerksam, dass Priester die Unerfahrenheit und Abhängigkeit der Ordensschwestern ausnutzen. Auch die philippinische Ordensfrau Mary John Mananzan berichtet, dass afrikanische und asiatische Schwestern von Priestern zu sexuellen Diensten aufgefordert werden. Die Begründung: Letzterer wolle sich nicht durch den Kontakt mit nicht zölibatär lebenden Frauen mit Aids infizieren. Nontando Hadebe stellt in ihrem Beitrag die Arbeit und Handlungsstrategien des Circle of Concerned African Women Theologians vor. Sie hinterfragt dabei theologische Muster, die das Patriarchat in der Kirche festschreiben. Lorraine Pholotho ergänzt diese Perspektive durch ihren Text über die jüngsten geschlechterspezifischen Gewaltakte in Südafrika. Im deutschsprachigen Kontext wurde das Thema der sexualisierten Gewalt erst durch die ehemalige Ordensschwester Doris Reisinger angestoßen, die mit ihren persönlichen Missbrauchserfahrungen durch einen Kleriker an die Öffentlichkeit trat. Reisinger plädiert für die Selbstbestimmung von Ordensfrauen und -männern in spirituellen Fragen. Spiritueller Missbrauch kann ihrer Ansicht nach in Einzelfällen noch schwerwiegendere Folgen haben als sexualisierte Gewalt.

Trotz der thematischen Schwere dieses Heftes wünsche ich Ihnen ein gesegnetes neues Jahr 2020 und freue mich auf den gemeinsamen Austausch.