Schön, dass du da bist!Kolumne

Wie „Willkommenskultur“ wird es garantiert zum Wort des Jahres 2015 schaffen. Zu Recht, wenn man an die zehntausenden freiwilligen Helfer denkt, die sich in den letzten Monaten überall im Land kräftig ins Zeug gelegt haben, damit die Flüchtlinge sich bei ihrer Ankunft willkommen fühlen. Dazu die klatschenden, lächelnden Menschen an den Bahnhöfen, die den Erschöpften nach ihrer lebensgefährlichen und strapaziösen Reise Getränke, Essen, kleine Geschenke überreichten – wunderbare Gesten waren das.
Eigentlich scheint das Wort mit seiner in diesem Jahr gewonnenen gesellschaftlichen Bedeutung ausreichend ausgefüllt. Fast scheut man sich, den Begriff jetzt wieder runterzubrechen auf unseren normalen Familien- und Schulalltag. Auch an der Schule gibt es ja so etwas wie eine Willkommenskultur – oder sollte es zumindest geben. Nur was sagt der Realitäts-Check? Wie verläuft die morgendliche Begegnung von Kindern, Erziehern, Eltern und Lehrern wirklich? Oder das erste Kennenlernen nach den Ferien? Oder die ersten Schulwochen nach dem aufregenden Einschulungsfest? Wünscht man sich freundlich einen Guten Morgen? Guckt man sich an, gibt sich die Hand, blickt sich in die Augen – kurz: Lässt man sich aufeinander ein?
Oft ist dafür kaum Zeit. Und die Erwachsenen gehen mit schlechtem Beispiel voran. Eltern schieben hektisch ihre Kinder durch die Schultore und in die Klassen- oder Horträume, immer spät dran, immer im Stress. Erzieher und Lehrer haben alle Hände voll zu tun, um die organisatorischen Details des Tages vorzubereiten. Listen müssen geführt, Zettel sortiert, Termine besprochen, Umschläge eingesammelt werden.
Dazwischen geht dann auch schon mal was unter. Zum Beispiel, dass Tim sich heute wegen seiner Allergien nicht wohlfühlt. Dass Lara ihre Hausschuhe vermisst. Dass Lukas im abfahrbereiten Bus auf dem Weg zur Klassenfahrt auf einmal von heftigem Trennungsschmerz geplagt wird. Dass Max keine Lust auf den Frühhort hat und lieber wieder mit Papa nach Hause fahren würde. Dass Jasmin in der Ferienbetreuung niemanden kennt und deshalb mit den Tränen kämpft.
Alles keine Dramen, alles kein Beinbruch. Aber eben doch Situationen, in den kleine Gesten von großer Bedeutung sein können. Wenn aber keiner da ist, der den Kummer sieht, dann fängt der Morgen schon mal ziemlich schlecht an. Dann stehen Eltern mit ihren jammernden Kindern ratlos in Fluren oder auf dem Schulhof herum – und wissen nicht recht, was tun. Und abends am Abendbrottisch fallen dann auch mal so Sätze wie: „Da will ich nicht mehr hingehen.“ Bitte jetzt nicht falsch verstehen: Nicht jedes Grundschulkind braucht jeden Morgen drei warme Umarmungen und vier persönliche Einladungen von seinem Bezugserzieher. Die meisten stürmen selbstbewusst und ausgelassen ins Schulgebäude – für Lehrer und Erzieher haben sie kaum einen Blick übrig. Hauptsache, endlich wieder die Freunde treffen! Spaß haben, spielen, toben, lernen!
Aber an manchen Tagen drückt bei dem ein oder anderen eben doch der Schuh. Vor allem für die Jüngsten ist es manchmal noch ungewohnt und schwer, sich in den großen Gebäuden zurechtzufinden. Die Übergangsphase von Kindergarten zu Schule macht manchem zu schaffen. Auch die morgendliche Situation bei der Ferienbetreuung ist oft heikel – die Kinder sind nicht mit ihren Klassenkameraden zusammen, die geliebten Bezugserzieher möglicherweise in Urlaub, der Tagesablauf anders als sonst.
Das ist dann der Moment, in dem Willkommenskultur wichtig sein sollte. Sprechen Erzieher darüber im Team? Gibt es Richtlinien, die die Schule intern formuliert? Vielleicht wäre das hilfreich. Denn es macht – nicht nur für Kinder – einen großen Unterschied, ob jemand mich bei der Begrüßung mit Namen anspricht und mir das sichere Gefühl gibt, dass meine Anwesenheit erwünscht ist. Kinder haben feine Antennen dafür, ob die Stimmung bei der Ankunft in der Schule hektisch und unpersönlich oder warmherzig und zugewandt ist.
Und was wünschen wir Eltern uns? Eigentlich gar nicht viel. Meinetwegen braucht es nicht jeden Tag ein Lied oder einen Morgenkreis oder ein festes Ritual. Es genügt völlig, wenn an den wenigen kritischen Tagen eine Erzieherin genau im richtigen Moment hinschaut und begreift: Hier reicht es heute nicht, einen Haken hinter den Namen zu setzen. Hier muss ein Kind direkt angesprochen, in Spiele oder Gespräche einbezogen – oder sogar mal für einen Moment an die Hand genommen werden. Wenn das klappt, dann geht uns Eltern übrigens das Herz auf vor Glück und Dankbarkeit.

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