Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“ Diese antike Spruchweisheit bringt auf den Punkt, dass der Mensch durch die Fähigkeit zur Veränderung weiterkommt. Wir besitzen die Gabe, die Winde zu erforschen, und können daraus Konsequenzen ziehen. Was für Segelboote im Allgemeinen gilt, könnte auch für das „Schifflein Petri“ von Bedeutung sein.
Bewahren von Bewährtem und Festhalten am Guten allein sind in Zeiten des Wandels zum Scheitern verurteilt. Genauso wenig führen Anpassung oder billiges Sich-Anbiedern näher zum Ziel. Das dem griechischen Denker Aristoteles zugeschriebene Sprichwort vom Anders-Setzen der Segel legt den Finger genau in jenen Zwiespalt, den viele in der Kirche schmerzhaft wahrnehmen. Anstelle einer notwendigen Neuausrichtung der Segel werden Reformen verschleppt. Systemische Ungerechtigkeiten und massenhafte Austritte werden eher ausgesessen, als etwas zu ändern.
Gerade diese Unbeweglichkeit verunmöglicht Evangelisierung, sogar in den laufenden Transformationsprozessen vieler Diözesen. Denn weiterhin werden die Missbräuchlichkeiten kirchlicher Macht so lange ignoriert (vertuscht, verdrängt, nicht geahnt und erst recht nicht geahndet…), bis es nicht mehr anders geht. Am Ende stehen zwei gleichermaßen unangemessene Alternativen: entweder der Weg in die Bedeutungslosigkeit sonderweltlicher Frömmigkeit oder umfassende Transformation, in deren Zentrum fast ausschließlich äußere Strukturen stehen, damit innerlich vieles so bleiben kann, wie es ist. Mit weniger Menschen und Mitteln sollen immer größere Räume beseelsorgt werden.
Viele Transformationsprozesse atmen nicht wirklich den frischen Wind eines missionarischen Aufbruchs, weil zentrale Themen ausgeklammert bleiben. Man kann den Eindruck gewinnen, als käme das Heil mehr aus vereinheitlichten Strukturen und Einsparungen, wobei beides angesichts sinkender personeller und finanzieller Ressourcen tatsächlich dringend angesagt ist. Doch ohne eine Veränderung in der Frage des klerikalen und geistlichen Machtgebrauchs werden die pastoralen Einheiten keine dialogfähigen Orte der Christusbegegnung, die diakonisch und generationengerecht wirksam werden.
Da die Veränderungen verunsichernd erlebt werden, ist man bemüht, spirituell fundierte Prozessbegleitungen anzuheuern. So notwendig Gebete und geistliche Initiativen sind, so wenig scheinen sie richtig, weil sie (fast) gar nicht auf den Wind einer säkularen Welt achten. Doch genau in diese weltliche Welt bleiben Christen gesandt, das Evangelium zu bezeugen. Vor allem fehlt die „Freude der Evangelisierung“ jenseits der binnenkirchlichen Milieus, die Papst Franziskus immer wieder so nachdrücklich angemahnt hat.
Umstrukturierung braucht eine bekehrte Evangelisierung, die nach vorne und ins Weite führt, die in die Welt von heute spricht (nachdem sie zuvor aufmerksam zugehört und gelernt hat). Die Kirche braucht keine Re-Evangelisierung, die letztlich kirchlicher Selbstbewahrung dient. Auch auf einer noch so gut gemeinten „Verzweckung“ spiritueller Ansätze und Methoden wird nicht der erhoffte Segen ruhen. Gerade die derzeit neu entdeckte und propagierte eucharistische Anbetung ist zuallererst ein Gebet absichtsloser Gegenwärtigkeit, ein kontemplatives Schauen auf die unverfügbare göttliche Präsenz in dieser weltlichen Welt. Selbst der Autor der großen Sakramentshymnen, Thomas von Aquin, formuliert dichterisch, dass in und mit der Verehrung der Eucharistie etwas Anderes beginnt, „ein neuer Ritus folgt“ (novo cedat ritui).
Die laufenden Strukturprozesse können in ihrer Unterschiedlichkeit einen beherzten ‚Spurwechsel‘ in Richtung zu mehr synodalen Elementen von Partizipation und größerer Vielfalt gebrauchen, wenn die entstehenden Pastoralen (Groß-)Einheiten, unter welcher Nomenklatur auch immer, wirklich missionarisch ausstrahlende Orte der Gottesbegegnung werden sollen. Spiritualität und authentische Seelsorge vertragen keine Kolchosierung. Zur Erinnerung: Kolchosen waren zu Zeiten der Sowjetunion landwirtschaftliche Produktionseinheiten, deren erzwungene, vereinheitlichte Selbstverwaltung sich nicht bewährt hat, nicht nur wirtschaftlich. Jesus jedenfalls ordnet bei der Brotvermehrung an, die 5000 Männer sollen überschaubare Einheiten bilden: „Lasst sie sich in Gruppen zu ungefähr fünfzig lagern“ (Lk 9,14). In verlässlichen Beziehungsrahmen (reliable groups) können anscheinend Wunder geschehen: „Alle aßen und wurden satt“.