Archäologie und Seuchen

Haben Seuchen einen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte? Aus aktuellem Anlass berichten die Autoren, was archäologische Forschungen zu dieser Frage beitragen können.

Corona-Virus unterm Mikroskop.
Corona-Virus unterm Mikroskop.© akg / Stocktrek Images

Von Detlef Gronenborn, Römisch-Germanisches Zentralmuseum/Johannes Gutenberg Universität und Rainer Schreg, Universität Bamberg – Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Zeuzeit.

Der plötzliche Ausbruch der durch SARS-CoV-2 – das neue Coronavirus – verursachten Infektionskrankheit hat viele überrascht – Politik, Wirtschaft, Gesundheitswesen, ja die Gesellschaft als Ganzes, und dies nicht nur in Deutschland, sondern auf der gesamten Welt. Während in einigen Ländern die Situation einigermaßen unter Kontrolle scheint, leiden andere weiterhin unter den gesundheitlichen, aber besonders auch den wirtschaftlichen Folgen. Die globalen Konsequenzen sind immer noch nicht abzusehen.

Die große Überraschung, ja der Schock, der nach und nach die ganze Welt ergriffen hatte, ist sicherlich mit darauf zurückzuführen, dass in den letzten Jahrzehnten – insbesondere in den Industrienationen – für viele ein gehobener Lebensstandard erreicht wurde und zudem gewaltsame Konflikte in Deutschland und seinen Nachbarländern über 70 Jahre zurückliegen. Dies und der Glaube an ein ungebremstes Wachstum hatte vielfach zu übergroßem Vertrauen in die unbestreitbaren Errungenschaften geführt.

Zwar begann sich in den letzten Jahren mehr und mehr anzudeuten, dass dem Wachstum Grenzen gesetzt sind, etwa durch den mittlerweile seriös nicht mehr bestreitbaren Klimawandel. Jedoch waren die Auswirkungen der globalen Erwärmung in den Industrienationen nicht recht rezipiert, oder sie wurden sogar als positiv empfunden. Dass der Fortschritt tatsächlich bedroht sein könnte, war für viele zwar eine schaurige Vorstellung, zu spüren war die Bedrohung bislang noch nicht.

Geschichte – linear oder auf Zyklen basierend?

Wenn man aber den Blick in die Vergangenheit richtet, zeigt sich, dass die globale Geschichte seit Jahrtausenden eben nicht linear nach oben führt, sondern immer wieder zum Teil erhebliche Fluktuationen den Verlauf bestimmten, oftmals nicht ganz korrekt mit einem Begriff aus den Wirtschaftswissenschaften als »boom-and-bust-Zyklen« bezeichnet. Dabei sind es gerade die Phasen des »bust« – des Zusammenbruchs oder Kollaps – jene, die Wissenschaftler seit Jahrzehnten beschäftigen. Eine Vielzahl von Faktoren wurden und werden diskutiert. Angesichts der seit etwa 20 Jahren in der Öffentlichkeit breit diskutierten Erderwärmung ist es nicht erstaunlich, dass klimatische Ungunstphasen als ein ­wesent­licher Faktor seit Langem untersucht werden. Jedoch hat sich in der letzten Zeit ­gezeigt, dass Klima nur ein zusätzlicher Faktor, manchmal freilich auch ein auslösender ist. Unter dem Eindruck der letzten Monate werden Seuchen und Pandemien wieder häufiger diskutiert. Zudem richtet sich die wissenschaftliche Aufmerksamkeit zunehmend auf gesellschaftsinterne Prozesse, etwa der Fluktuation von sozio-politischen Organisationsformen oder der Wahrnehmung von Krisen.

Wenn auch zeitübergreifende, vergleichende Forschungen noch immer in den Anfängen stecken, so wird doch deutlich, dass die Phasen großräumigen Zusammenbruchs zumindest in den letzten Jahrtausenden nie von einem einzelnen oder auch nur wenigen Faktoren abhängig waren. Es war immer eine Kombination, deren Auswirkung letztlich sehr an die gesellschaftlichen Konstellationen gebunden ist, während die externen Faktoren als Stressoren wirken. Das lässt sich bereits ab den frühen Bauerngesellschaften des Neolithikums zeigen und zieht sich bis in die Gegenwart durch: Verlieren Gesellschaften ihren inneren Zusammenhalt, haben externe Faktoren wie Seuchen oder Klimaanomalien verheerende Auswirkungen, die vielleicht zu anderen Zeiten besser aufgefangen worden wären.

Beispiel Pest

Die Genetik kann heutzutage frühe Epidemien identifizieren, sodass wir bald in der Lage sein werden, ihre Auswirkungen in der Vorgeschichte zu erkennen. Bereits jetzt werden für das Neolithikum einschneidende Auswirkungen von Seuchen diskutiert: Während die Folgen früher Tuberkulose-Nachweise für den ersten großräumigen Zusammenbruch um 4900 v. Chr. am Ende des mitteleuropäischen Altneolithikums, der Linienbandkeramik, noch ungeklärt sind, gibt es mittlerweile jedoch erste Nachweise des Pesterregers »yersinia pestis« für die Zeit um 2900 v. Chr. Dieses Auftreten wird, mit weiteren Faktoren, für den Zusammenbruch vieler bäuerlicher Gesellschaften nach 3500 v. Chr. verantwortlich gemacht. Eine Folge wäre letztlich wohl die Ausbreitung der Schnurkeramik nach 2800 v. Chr. aus den südosteuropäischen Steppengebieten. Die Pest war allerdings nicht der einzige Faktor, der zum Zusammenbruch dieser bäuerlichen Gesellschaften geführt hatte, es war wohl auch – als interner Destabilisierungsfaktor – ein Verlust gesellschaftlichen Zusammenhalts in Kombination mit globalen Klimafluktuationen.

In jüngeren Perioden geben schriftliche Quellen viele zusätzliche Einblicke in die sozialen Reaktionen und Wahrnehmungen. Um die reellen Zusammenhänge und Auswirkungen zu erfassen, ist allerdings weiterhin die Archäologie von Bedeutung. Ein geradezu klassisches Beispiel ist die sogenannte Justinianische Pest der Jahre 541 bis 543, bei der durch Funde aus dem Münchner Raum »yersinia pestis« nachgewiesen ist. Das genaue Zusammenwirken verschiedener Akteure, Faktoren und Stressoren ist im Einzelnen noch nicht verstanden, die Komplexität der Situation lässt sich aber doch begreifen. Die Justinianische Pest folgte auf eine klimatisch ungünstige Zeit nach dem Ausbruch eines isländischen Vulkans im Jahr 536 und begleitete den Übergang der Spätantike zum frühen Mittelalter. Sogar die Expansion des Islam im 7. Jh. wird als eine Folge diskutiert.

Die Krise des 14. Jh. ist ein wichtiges Beispiel, weil die Schriftquellen deutlich die damalige Krisenwahrnehmung schildern. Die Wirkungen im Alltag waren massiv, aber die damaligen »Staaten« blieben weitgehend stabil. Der Pest­erreger spielte eine wichtige Rolle, aber Klimawandel, soziale Veränderungen und Probleme der Landwirtschaft, wie sie insbesondere die Archäologie zeigt, dürfen nicht übersehen werden.

Der Blick in die Vergangenheit lehrt, dass es nie die Seuchen allein waren, die einen Zusammenbruch ausgelöst haben, sie traten immer in Kombination mit anderen Faktoren auf und haben diese in ihrer Wirkung verstärkt. Es bleibt sehr zu vermuten, dass es in näherer Zukunft auch so sein wird, denn die Erderwärmung, das Artensterben aber auch der Verlust gesellschaftlichen Zusammenhalts tragen weiterhin zu den aktuellen globalen Prozessen bei.

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