Behandelten die alten Ägypter Krebs?

Schnittspuren auf einem 4.000 Jahre alten Schädel könnten Hinweise darauf sein, dass die alten Ägypter versuchten, übermäßiges Gewebewachstum zu operieren oder nach dem Tod eines Patienten mehr über Krebserkrankungen zu erfahren.

Schädel aus Altem Ägypten, Krebs
Der Schädel E270 stammt aus der Zeit zwischen 663 und 343 v. Chr. und gehörte einer Frau, die älter als 50 Jahre war. Bild: Tondini, Isidro, Camarós, 2024.

Aus alten Texten wissen wir, dass die alten Ägypter für ihre Zeit außerordentliche medizinische Kenntnisse besaßen. Sie konnten beispielsweise Krankheiten und traumatische Verletzungen identifizieren, beschreiben und behandeln, Prothesen herstellen und Zahnfüllungen einsetzen. Andere Krankheiten wie Krebs konnten sie nicht behandeln – aber sie haben es vielleicht versucht.

Um die Grenzen traumatologischer und onkologischer Behandlungsmethoden im Alten Ägypten zu untersuchen, hat ein internationales Forscherteam nun zwei jeweils mehrere Tausend Jahre alte menschliche Schädel untersucht. „Wir sehen, dass die alten Ägypter zwar in der Lage waren, komplexe Schädelfrakturen zu behandeln, Krebs jedoch immer noch eine Grenze des medizinischen Wissens darstellte“, sagte Tatiana Tondini, Forscherin an der Universität Tübingen und Erstautorin der in Frontiers in Medicine veröffentlichten Studie.

„Dieser Fund ist ein einzigartiger Beweis dafür, wie die altägyptische Medizin vor über 4.000 Jahren versucht hätte, Krebs zu behandeln oder zu erforschen“, fügte der Hauptautor der Studie, Prof. Edgard Camarós, ein Paläopathologe an der Universität von Santiago de Compostela, hinzu. „Dies ist eine außergewöhnliche neue Perspektive in unserem Verständnis der Medizingeschichte.“

Krebs bekämpfen

„Wir wollten mehr über die Rolle von Krebs in der Vergangenheit erfahren, wie weit verbreitet diese Krankheit in der Antike war und wie antike Gesellschaften mit dieser Krankheit umgingen“, erklärte Tondini. Zu diesem Zweck untersuchten die Forscher zwei Schädel aus der Duckworth Collection der Universität Cambridge. Schädel und Unterkiefer 236, die aus der Zeit zwischen 2687 und 2345 v. Chr. stammen, gehörten einem männlichen Individuum im Alter von 30 bis 35 Jahren. Schädel E270, der aus der Zeit zwischen 663 und 343 v. Chr. stammt, gehörte einer weiblichen Person, die älter als 50 Jahre war.

Auf Schädel 236 zeigte die mikroskopische Untersuchung eine große Läsion, die mit übermäßiger Gewebezerstörung übereinstimmt, einem Zustand, der als Neoplasma bezeichnet wird. Darüber hinaus sind etwa 30 kleine und runde metastasierte Läsionen über den Schädel verstreut.

Was die Forscher verblüffte, war die Entdeckung von Schnittspuren um diese Läsionen herum, die wahrscheinlich mit einem scharfen Gegenstand wie einem Metallinstrument entstanden waren. „Als wir die Schnittspuren zum ersten Mal unter dem Mikroskop betrachteten, konnten wir nicht glauben, was wir vor uns hatten“, sagte Tondini.

Schädelläsion
Mehrere der metastatischen Läsionen am Schädel236 weisen Schnittspuren auf. Bild: Tondini, Isidro, Camarós, 2024.

„Es scheint, dass die alten Ägypter im Zusammenhang mit dem Vorhandensein von Krebszellen eine Art chirurgischen Eingriff vorgenommen haben. Das beweist, dass die altägyptische Medizin auch experimentelle Behandlungen oder medizinische Untersuchungen im Zusammenhang mit Krebs durchführte“, erklärt Co-Autor Prof. Albert Isidro, ein chirurgischer Onkologe am Universitätskrankenhaus Sagrat Cor, der auf Ägyptologie spezialisiert ist.

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EurekAlert!

 

Originalpublikation:

Tondini Tatiana, Isidro Albert, Camarós Edgard; Case report: Boundaries of oncological and traumatological medical care in ancient Egypt: new palaeopathological insights from two human skulls; Frontiers in Medicine 11, 2024; DOI10.3389/fmed.2024.1371645

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