Pedro Arrupe SJ (1907-1991): Zum 20. Todestag des früheren Generaloberen

Am 5. Februar 2011 jährte sich zum zwanzigsten Mal der Todestag von Pedro Arrupe SJ. Von 1965 bis 1983 war er Generaloberer der Gesellschaft Jesu. Nach seinem Rücktritt lebte er bis 1991, schwer behindert durch einen Hirnschlag im Jahr 1981, in der Krankenabteilung der Generalskurie in Rom.

Sein Leben und die Geschichte seines Generalats hat Gianni La Bella in einem italienischen und in einem spanischen Sammelband auf 1084 Seiten dargestellt1, der von Martin Maier SJ, dem damaligen Chefredakteur und Herausgeber der "Stimmen der Zeit", zusammen mit Gianni La Bella auf 624 Seiten verkürzt in deutscher Sprache herausgegeben wurde2. Ab 1971 habe ich mit Pater Arrupe als Generalökonom der Jesuiten eng zusammengearbeitet. Meine persönlichen Eindrücke wollen nicht mehr und nicht weniger sein als ein Beitrag eines Zeitzeugen aus der unmittelbaren Umgebung des Generaloberen.

Der "Mensch für andere"

Pedro Arrupe war "Mensch für andere": Das legte er seinen Mitbrüdern ans Herz, vor allem aber lebte er es selbst. Stillschweigend tauschte er meine abgenutzte Dokumentenmappe gegen seine bessere aus, als wir gemeinsam auf Reisen waren. Daß einer seiner Assistenten sich auf unsere Kosten selbst profilieren wollte, konnte er nicht verstehen. Für zahlreiche angeschuldigte Mitbrüder ist er vor Behörden des Heiligen Stuhls eingetreten. In den vielen Jahren als Präsident der Union der Generaloberen hat er wiederholt im Vatikan und in der Öffentlichkeit für andere Ordensgemeinschaften Kastanien aus dem Feuer geholt. Neue Ideen, wie den Dialog als Führungsinstrument im Orden, die Geistliche Unterscheidung im Kommunitätsgespräch als Grundlage von Entscheidungsfindung der Ordensoberen, die Verbindung von Glauben und Gerechtigkeit, den Solidaritätsfonds der Jesuiten, den Jesuitenflüchtlingsdienst (JRS), Impulse für die Seelsorge in Afrika und Asien, hat er nicht nach Opportunität, sondern wegen der auftretenden Nöte vorangetrieben - ohne Rücksicht auf daraus folgenden Ärger für ihn selbst. Denn damit wurde er angreifbar: im Orden, in der Kirche, am Heiligen Stuhl, seltener in der Öffentlichkeit, weil es ihm immer um Menschen ging, nicht so sehr um Vorschriften, Regeln und Konventionen.

Der Freund seiner Freunde

Seine Kontaktfreudigkeit brachte Pedro Arrupe mit vielen Menschen in Berührung. Treu stand er zu ihnen und wurde zum Freund seiner Freunde. Ein deutsches Ehepaar in Rom, evangelische Christen, ist ein Beispiel dafür: Ich hatte den Kontakt hergestellt. Es wurde eine Freundschaft auf den ersten Blick - lebenslang. Über viele Jahre sagte mir Don Pedro alle paar Monate: "Wir müssen unsere Freunde wieder einmal einladen." In verschiedenen Jesuitenhäusern in Rom und in abgelegenen Gasthäusern außerhalb trafen wir uns. Pater Arrupe war zu vielem bereit, wenn es nur gelang, die Freunde zu treffen. Nach seinem Hirnschlag haben sie den Kranken wöchentlich besucht, für ihn in vielfältiger Weise gesorgt und immer wieder Zeichen der Freundschaft geschenkt. Bis zum Tod haben sie ihre Freundschaft gelebt. Menschen waren die große Leidenschaft von Pedro Arrupe, hellwach begegnete er ihnen, auch auf seinen Reisen. Wenn ihm die Mitbrüder dagegen Landschaften oder Baudenkmäler zeigten, schlief er auf den Fahrten oft ein.

Der Meister ignatianischer Spiritualität

Aus dem Geist der heiligen Ignatius (1491-1556) heraus war Pedro Arrupe mit Menschen unterwegs, und für Menschen lebte er sein Leben. Daraus wuchs die Freiheit, mit der er für andere in seinem apostolischen Planen und in seinen Entscheidungen eintrat. Ganz besonders wurde mir das bewußt, als es um die Erweiterung unserer Universität in Sao Paulo (Brasilien) ging, um eine Vergrößerung ihrer Kapazität, Einkommen zu erzielen - in einem damals durch und durch armen Land. Alle Berater rieten ihm zu. Pater Arrupe lehnte ab, weil die Verwirklichung zu einem Zeugnis wider apostolische Armut geworden wäre. Seine Freiheit gab ihm Unabhängigkeit auch im kirchlichen Raum, nicht immer zur Freude aller.

Dieselbe Freiheit beließ Pater General auch anderen und wirkte so durch seine Mitarbeiter. Als ich den Solidaritätsfonds des Ordens einrichtete und aufbaute, hatte Pater Arrupe nur die erste Idee als Wunsch formuliert. Alles andere überließ er mir und meinen Mitarbeitern. Auch die Praxis der "Deliberatio communitaria", das gemeinsame Finden des Willens Gottes in einer Kommunität, hat Arrupe aus der ignatianischen Spiritualität entwickelt, immer wieder vorgelegt und vor allem selber mit seinen Beratern vorgelebt.

Der geistliche Führer

Die richtungweisenden Briefe an seine Mitbrüder sind nicht aus Rechtsvorschriften entstanden, sondern aus seinem spirituellen Leben, das er weitergeben wollte. Das war auch sein Einfluß auf andere Ordensgemeinschaften als Präsident der Union der Generaloberen. Entschlossen fällte er Entscheidungen, etwa bei der Reorganisation unserer spanischen Theologate (Studienhäuser), und setzte sie durch auch gegen Widerstände, als er seinen Generalökonomen die letzten finanziellen Gegenargumente ausräumen ließ, indem wir einen Teil der Kosten übernahmen.

Mit unserem Solidaritätsfonds förderte Arrupe solidarisches Denken im Gesamtorden über Provinzgrenzen hinaus. Durch unser neues Armutsrecht legte er zusammen mit der Generalkongregation die Basis für weltweiten wirtschaftlichen Ausgleich innerhalb des Ordens. Was er selbst lebte - Armut und Bedürfnislosigkeit -, sollte nicht Regelwerk bleiben, sondern Lebensernst werden im Glauben, der Gerechtigkeit wirkt, und umgesetzt in die Praxis unter anderem durch den weltweiten Jesuitenflüchtlingsdienst. In diesem Geist, der von sich weg dachte, lebte Arrupe auch Visionen, als er von sich selbst als Generaloberer sprach, der nicht "ad vitam" (auf Lebenszeit), sondern "ad vitalitatem" (nach Maßgabe der Schaffenskraft) gewählt sei und deshalb rechtzeitig zurücktreten müsse - ein weiterer grundstürzender Gedanke in unserer Ordenstradition. Hinter all dem stand die natürliche Autorität von Pater General Arrupe, die ihm weithin Achtung verschaffte und so einen offenen Führungsstil ermöglichte, der die Gaben eines jeden respektierte und wirksam werden ließ.

Der Mensch

Immer war Arrupe ansprechbar für Menschen, die ihm begegneten: Mitbrüder im Haus, Gäste bei Tisch. Pater General konnte sehr ungezwungen sein. Als er von einer Reise zurückkam, begegnete ich ihm auf der Treppe und meinte: "Sie sind auch lieber draußen unterwegs als hier in der Kurie." - "Pst", war seine Antwort. Pedro Arrupe hatte immer ein gewinnendes Lächeln und oft sah man ihn lachen. Da mochte noch so viel auf ihn einstürmen, auch an Enttäuschungen, bei Tisch und unter den Mitbrüdern war er gelöst. Manchmal habe ich mich an das Wort des heiligen Ignatius erinnert, wenn der Papst den Orden auflöse, brauche er nur eine Viertelstunde Gebet, um darüber hinwegzukommen. Das ist mir in abgewandelter Form auch bei Pater Arrupe aufgefallen. So habe ich Pedro Arrupe in Erinnerung als einen Menschen für andere, einen Menschen für Gott, einen Menschen mit Gott und Menschen.

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