Jiyan - Die vergessenen Opfer des IS (2020)

Najlaa Matto konnte nach qualvollen Jahren dem Terror des sogenannten Islamischen Staates entkommen. Heute lebt die Jesidin in Deutschland. Ein neuer Film dokumentiert ihre erste Reise in die irakische Heimat und setzt ein Zeichen gegen das Vergessen des Völkermords an den Jesiden.

Filmemacherin Düzen Tekkal und Protagonisten Najlaa Matto.
Filmemacherin Düzen Tekkal (Mitte) und Protagonisten Najlaa Matto (Rechts). © Háwar-Help

 Stehender Applaus und Tränen: Im voll besetzten Kino International am Berliner Alexanderplatz lief die Premiere (28.01.2020) des Dokumentarfilms „Jiyan – Die vergessenen Opfer des IS“. Unter den Anwesenden waren auch Jesidinnen, die vom sogenannten Islamischen Staat entführt, versklavt und sexuell missbraucht wurden, teils im Alter von erst acht Jahren.

„Im Film haben Sie meine Tränen gesehen, aber der IS hat mich nicht gebrochen. Meine Schreie sind auch Schreie einer zweiten Geburt. Ich bin Najlaa Matto und ich bin stärker als der IS“ – sagte Matto im Anschluss an den Film vor dem Publikum. Die Dokumentation erzählt die Geschichte von der Jesidin, die sich auf eine Reise in ihr Heimatdorf Kocho im Irak begibt – unweit des inzwischen von kurdischen Milizen gesicherten Shingal- oder auch Sinjar-Gebirges. Sie kehrt an den Ort zurück, an dem ihr Martyrium begann und wo der IS einen Großteil ihrer Familie ermordete.

Der Dokumentarfilm von Düzen Tekkal zeigt Menschheitsverbrechen, die angesichts der fortwährenden Konflikte in der Region in Vergessenheit zu geraten drohen. Er ist ein Appell für die Menschenrechte und eine Erinnerung an die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft. Gerd Müller (CSU), der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sagte kurz vor der Aufführung: „Wir senden hier ein Signal in unsere Gesellschaft: Wir vergessen nicht!“ Vergewaltigung als Kriegswaffe sei eines der schwersten Verbrechen. Die Täter müssten gestellt werden. „Deutschland hilft beim Wiederaufbau und bei der Aufarbeitung“.

Aufwühlende Bilder

In einem Flüchtlingscamp trifft Najlaa Matto ehemalige Mitgefangene, darunter ihre Cousine Lamya, die während ihrer eigenen Gefangenschaft zwei Töchter zur Welt brachte: Nachkommen, deren Väter die Mörder von Lamyas Eltern sind. In weiteren Szenen werden vom IS zerstörte Wahrzeichen des jesidischen Volkes gezeigt, aber auch die bis heute nicht ausgehobenen und untersuchten Massengräber der Männer und Alten, die vom IS hingerichtet wurden. Bilder von traumatisierten Kindern, die aus den Vergewaltigungen hervorgegangen sind und gemäß der islamistischen Weltsicht der Terroristen erzogen wurden, wühlen auf.

„Was wir gesehen haben, ist kein Rückblick – es passiert gerade. Und ich habe Sie noch verschont“, sagt Düzen Tekkal, die Filmemacherin, nach der Vorführung. Die Menschenrechtsaktivistin und Gründerin des Vereins Háwar-Help verweist auf zahlreiche Frauen und Kinder, die noch in den Fängen der Terroristen sind. Erst, wenn jede Frau und jedes Mädchen befreit seien, könne das jesidische Volk seine Würde wiedererlangen.

Wiederaufbau und Traumatherapie

Im Anschluss an den Film diskutierte Tekkal mit Unterstützerinnen und Unterstützern. Die Schauspielerin und Menschenrechtsaktivistin Katja Riemann fragt: „Wieso schaut man sich die Genozide aus dem 20. Jahrhundert an? Damit man daraus lernt! Aber wo ist die Prävention? Wieso kann man daraus nicht lernen?“

Annalena Baerbock, die Bundesvorsitzende der Grünen, mahnt: „Der Völkermord ist noch nicht vorbei. Wir haben die Verpflichtung, ihn zu beenden.“ Sie fordert, Täter mit deutschem Bezug nach Deutschland zu holen, um sie vor Gericht zu stellen. Zwar sei die politische Lage in den nordirakischen Kurdengebieten „hoch komplex. Aber wir dürfen nicht kapitulieren“.

Jan Ilhan Kizilhan, ein Traumapsychologe, der auch Psychologen für den Einsatz in Flüchtlingslagern ausbildet, plädiert für ein zweites Sonderkontingent, mit dem besonders hart betroffene Frauen und Mädchen nach Deutschland geholt werden könnten. In einem ersten Kontingent nahm Baden-Württemberg 2015 auf Initiative des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann eintausend größtenteils jesidische Frauen aus dem Nordirak auf, damit sie in Deutschland therapeutisch begleitet werden konnten.

Insbesondere Frauen, die von ihren Vergewaltigern schwanger wurden und nun zum Teil islamistisch radikalisierte und traumatisierte Kinder großziehen, stellen besondere Härtefälle dar, die im Ausland bessere Chancen auf Schutz und eine traumatologische Aufarbeitung hätten.

>>> Weitere Informationen zum Film auf ‹hawar.help›.

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