Advent und Weihnachten

Weihnachten bedeutet für die meisten Menschen heute vor allem eine Unterbrechung im Jahr, in der Zeit für Familie und Gemütlichkeit ist. Auch wenn die Gottesdienste immer weniger besucht werden, ist diese Prägung vom ursprünglichen, religiösen Kern des Festes nicht weit entfernt. Christen feiern an Weihnachten die Geburt Jesu. Gott wird zum Mensch und verspricht damit eine neue Zukunft, in der Sünde und Tod keine Macht mehr haben.

weihnachtlich geschmückte Kirche
© pixabay

Die Weihnachtszeit beginnt in der öffentlichen Wahrnehmung jedes Jahr früher. So stehen ab September Lebkuchen und Stollen in den Regalen der Supermärkte, und spätestens ab Mitte November starten die ersten Weihnachtsmärkte. Ab Anfang Dezember laufen Weihnachtslieder in Dauerschleife im Radio.

Adventszeit

Dabei hat die Vorweihnachtszeit zumindest aus kirchlicher Sicht klare Grenzen. Sie beginnt mit dem Ersten Advent, der auch den Beginn des Kirchenjahres markiert. Sein Name leitet sich vom lateinischen „adventus“ ab und bedeutet Erscheinung oder Ankunft. In antiken Quellen wurde mit „adventus divi“ der Tag der Thronbesteigung von Kaiser Konstantin bezeichnet. Diesen Begriff übernahmen die frühen Christen und deuteten ihn im religiösen Sinne um. Der Advent steht dabei „sowohl für die erste Ankunft Christi in der Welt mit der Geburt Jesu als auch für seine zweite Ankunft in seiner Wiederkunft am Ende der Zeit“, erklärt der Freiburger Liturgiewissenschaftler Stephan Wahle in seinem Buch „Die stillste Nacht“ (Herder 2018). 

Manche kirchlichen Traditionen, vor allem die der Ostkirchen, verbinden mit der Adventszeit auch eine Zeit der Askese. Jesus Christus werde am Ende der Zeit als strenger und gerechter Richter wiederkommen. In dieser Erwartung lag der Bußgedanke nahe. Dieser Tradition ist die römische Kirche nicht gefolgt. Der Advent hat in den Westkirchen keine endzeitliche Prägung sondern konzentriert sich auf Johannes den Täufer als Vorläufer Jesu und auf Jesu Einzug in Jerusalem.

Die Ursprünge von Weihnachten

Das Weihnachtsfest selbst entstand relativ spät in der Geschichte des jungen Christentums. Zunächst haben die frühen Christen nur das Osterfest und die Sonntage gefeiert, schreibt Wahle. Weihnachten, um an Jesu Geburt zu erinnern, entstand als zweiter festlicher Höhepunkt des religiösen Jahres erst im vierten Jahrhundert.

Der deutsche Begriff „Weihnachten“ geht auf den vorchristlichen Brauch zurück, die zwölf Nächte um die Jahreswende vom 24. Dezember bis zum 6. Januar als „geweihte“ beziehungsweise heilige Nächte besonders zu begehen. In der Bezeichnung einer „heiligen Nacht“ sieht der Liturgiewissenschaftler Wahle aber auch eine Deutung des Geburtsgeschehens, in der die „Geburt Christi metaphorisch in das Dunkel der Nacht versetzt wird.“ In älteren lateinischen Quellen kommt diese als Kern des Festes stärker zum Tragen. Dort wird das Fest als „Geburtstag unseres Herrn Jesus Christus“ bezeichnet. Das spiegelt sich in der italienischen Bezeichnung „natale“, im spanischen „navidad“ und im französischen „noel“ wieder. In der englischen Bezeichnung „Christmas“ wie auch im niederländischen „Kerstmis“ deutet sich die Feier der Christmette an, als der Gottesdienst in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember.

Warum die frühen Christen das Weihnachtsfest gerade auf den 25. Dezember legten, ist unter Fachleuten noch immer umstritten. Lange Zeit galt es als wahrscheinlich, dass sie mit ihrem Weihnachtsfest ein heidnisches Fest überlagerten. Andere Experten vermuten, dass frühchristliche Autoren nach komplizierten Berechnungen diesem Termin als Jesu Geburtsdatum ermittelten. Beide Vermutungen lassen sich jedoch nur mit wenigen Quellen belegen.

„Ohne Zweifel hat der Termin des Geburtsfestes Christi etwas mit dem Stand der Sonne zu tun“ ist Wahle überzeugt. Im Rahmen einer allgemeinen „Solarisierung“ der religiösen Kultur zu Beginn des vierten Jahrhunderts habe wohl das psychologisch bedeutsame Datum der Wintersonnenwende eine Rolle gespielt. Julias Cäsar hatte bei seiner Kalenderreform den 21. Dezember als kürzesten Tag festgelegt. Wegen der Ungenauigkeit des Kalendersystems vorschob sich dieser Tag im Lauf der Zeit so, dass er im 4. Jahrhundert auf den 25. Dezember fiel. Das heißt, das Fest Christi Geburt fand ursprünglich zur Wintersonnenwende statt. 

Der Weihnachtsfestkreis

Unabhängig davon, auf welchen Ursprung das Weihnachtsfest zurückgeht: Es traf den Nerv der Zeit. Das zeigen auch seine rasche Verbreitung und die große Beliebtheit, die bis heute anhält. Das Weihnachtsfest verdrängte als Geburtsfest schließlich auch das Epiphaniasfest, das nahezu zeitgleich aufkam und am 6. Januar gefeiert wurde. An Epiphanias steht die „Erscheinung des Herrn“ im Vordergrund. Sie vollzog sich unter anderem in Jesu Taufe und in seiner Offenbarung vor den drei Weisen. In der katholischen Kirche sind es diese drei Weisen, die Epiphanias seinen bekannteren Namen „Dreikönigsfest“ gaben.

Schon bald nach der Entstehung des Weihnachtsfestes entstand in der frühen Kirche ein eigener weihnachtlicher Festkreis – analog zu Ostern. Den Beginn markiert die Adventszeit. Zu seinem Ende gibt es unterschiedliche Traditionen. In der Öffentlichkeit hält sich hartnäckig das Bild, Weihnachten ende erst mit Mariä Lichtmess am 2. Februar. In der katholischen Kirche geht die Weihnachtszeit jedoch nur bis zum Sonntag nach dem 6. Januar, dem Fest der Taufe des Herrn. In der evangelischen Kirche gehört die Ephiphaniaszeit noch zur Weihnachtszeit und reicht heute bis zum Sonntag Septuagesimae, mit dem die Zeit vor der Passionszeit einsetzt.

Weihnachten theologisch

Doch was feiern Christen nun eigentlich an Weihnachten? Wahle macht hier mehrere theologische Motive aus. An Weihnachten steht ebenso wie an Ostern die Erlösung der Menschen von Sünde und Tod im Mittelpunkt. „Denn mit der Menschwerdung des Sohnes Gottes hat die Rettung der Menschen begonnen, ist der ‚Ursprung unserer Erlösung‘ … ein für alle Mal gelegt“. Die Weihnachtsliturgie betont dagegen stärker als Ostern die Gestalt des Erlösers.

Die Geburt des Erlösers ist zudem ein Erkenntnisgeschehen. Gott wird Mensch, er teilt das Leiden der Menschen bis in den Tod, da er sich ihnen klar zu erkennen geben will. Die Initiative zu seiner Menschwerdung ergreift Gott aus freien Stücken. „Er tauscht sein Gottsein, seine göttlichen Attribute der Macht und Unsterblichkeit, gegen das Menschsein ein. Er nimmt in seinem Sohn alles Menschliche, das Leiden, den Schmerz und den Tod, in sich auf, um so den Menschen ganz zu sich, in sein göttliches Leben zu holen“, erklärt Wahle.

Zu guter Letzt wird den Menschen mit Weihnachten ein „wahrer Friede“ verheißen. „Besonders die traditionellen Lesungen aus Jesaja und dem Titus-Brief tragen einen befreiungstheologischen und politisch-sozialethischen Gehalt in die Liturgie des Wortes an Weihnachten hinein.“ Für das Volk „das in der Finsternis ging“ (Jes 9,1) bricht eine neue Zukunft an. Die biblischen Lesungen kreisen um die Freude über die Rettung des Menschen aus der Macht des Bösen, der Sünde und der Schuld. An Weihnachten erfülle sich jedoch nicht die ganze Hoffnung der Menschen, sagt Wahle. „Vielmehr bleibt angesichts der faktischen Verhältnisse in der Welt ein ausstehendes Moment, wird die Zeit nach Christi Geburt zu einer neuen Zeit von Erwartung und Bewährung, um ein licht- und friedvolles Leben in Gerechtigkeit und Frömmigkeit zu führen. So beinhaltet die oftmals so harmlos erscheinende Weihnachtsfeier eine ungemein gesellschaftskritische, weil messianische Dimension, in der eine andrängende Freude über die Errichtung eines endzeitlichen Friedensreiches enthalten ist.“

Krippe, Baum und Plätzchen: Das Brauchtum zur Weihnacht

Neben dem Besuch der Weihnachtsgottesdienste ist im Lauf der Zeit ein vielfältiges säkulares Brauchtum rund um das Weihnachtsfest entstanden, das jedoch „einer lebendigen Frömmigkeit einen – im wahrsten Sinne des Wortes – sichtbaren Ausdruck verleiht“, so Wahle. Die meisten Menschen im Hoch- und Spätmittelalter verstanden das Latein der Messe nicht. Für sie musste der christliche Glaube so dargestellt werden, dass sie ihn mit ihren Sinnen erfassen konnten, etwa mit Hilfe von Krippen oder Krippenspielen. Neben den religiösen Schauspielen entstanden in dieser Zeit auch erste deutsche Weihnachtslieder. Sie zählen bis heute zu den Musikstücken, die den Menschen hierzulande am bekanntesten sind.

Das Symbol für Weihnachten schlechthin ist der Christbaum. Er entspringt wohl dem Wunsch nach etwas Grünem in der winterlichen Zeit und verband sich später als „Gabenbaum“ mit dem Brauch am Jahresende Geschenke zu machen. Die Weihnachtszeit hat zudem ein sehr reiches Lichtbrauchtum, das sich etwa am Adventskranz aber auch am Weihnachtsbaum zeigt. Die Christmette greift dies ebenfalls auf und beginnt meist im Dunklen. So verwandelt der Lichterbrauch den Kirchenraum in einen „sinnlich und atmosphärisch stark aufgeladenen Sehnsuchtsraum, für den auch viele Menschen mit unterschiedlichem Glauben sensibel sind.“

Auch bei den Christkindl- oder Weihnachtsmärkten wird dieser Bedeutungswandel offenbar. Waren es einst Märkte, auf denen sich die Menschen für den Winter eindecken konnten, haben sie heute einen ausgeprägten Erlebnischarakter. In jüngerer Zeit lässt sich jedoch wieder „ein Trend von dem kommerzialisierten, touristisch vermarkteten großen Weihnachtsmärkten zu beschaulicheren Märkten feststellen, auf denen Atmosphäre und Festivitätsgefühl noch wichtiger sind als der nützliche Einkauf“, schreibt Wahle in seinem Buch. Der Weihnachtsmarkt macht für viele Menschen den Advent aus. Daher beginnen etliche Märkte auch schon eine Woche vor dem ersten Advent und geraten damit in Konflikt mit dem evangelischen Ewigkeitssonntag, der als letzter Sonntag im Kirchenjahr der Erinnerung an die Verstorbenen gewidmet ist.

Für viele Menschen sind die Bräuche rund um Weihnachten mittlerweile beinahe wichtiger als die liturgischen Texte und der religiöse Gehalt. „Nach der langen Zeit der Vorbereitung, nach Adventskalender, Backen von Plätzchen, Dekorieren der Wohnung oder des ganzen Hauses, Einkauf der Geschenke und Erledigen der Weihnachtspost, kurz: nach Stress und Geschäftigkeit, findet sich fast allerorts am Nachmittag des 24. Dezembers die Familie zur Feier des Weihnachtsfestes ein. Dazu hat sich meist ein festes Ritual etabliert … Der Heiligabend wird nahezu von allen gefeiert. Alter, Beruf, Bildung, Nationalität, selbst religiöses Bekenntnis spielen fast keine Rolle. Unzweifelhaft steht fest: Weihnachten ist heute nicht mehr nur ein christliches Fest mit vielen kulturellen Bräuchen, sondern auch ein Fest der Familie“, erklärt Wahle.

Weihnachten neu erleben

„Jedes Jahr im Spätherbst, spätestens zum Ersten Advent, wandelt sich die Öffentlichkeit in einen großen Festraum“, so Wahle. Lichterdekoration beherrscht das Stadtbild, in Kinos und Fernsehen laufen Weihnachtsfilme und spezielle Serienepisoden, im Radio dominieren Weihnachtslieder. Auch die Werbung kennt in diesen Wochen nur noch ein Thema, und selbst Google und Co. erhalten einen weihnachtlichen Anstrich. „Die Omnipräsenz des Weihnachtsthemas in den Medien und sozialen Netzwerken führt die Menschen für eine längere Zeit aus der Vielfalt eigener Aktivitäten zusammen. Auch wenn Stress und Hektik Begleiterscheinungen einer nicht immer besinnlichen ‚Vorweihnachtszeit‘ sind, scheint das weihnachtlich gestimmte Lebensgefühl doch ein ganz spezieller und unverzichtbarer Wert für eine solidarische Gesellschaft zu sein.“

Wenn der Heilige Abend da ist, versinkt das Land in eine heimelige Ruhe, die Gesellschaft steht während der Feiertage gleichsam still. Weihnachten wird mehr und mehr zu einem Sehnsuchtsfest aus Schnee, Essen und Harmonie, das die Ansprüche der Menschen kaum mehr erfüllen kann. Und angesichts der Geschenkeberge, die sich unter manchen Christbäumen türmen, wird jedes Jahr die Frage laut, ob der überbordende Konsum noch den Kern des Weihnachtsfestes trifft. „Weihnachtskritik ist fast so alt wie das Weihnachtsfest selbst. Und doch lebt der ‚Mythos der stillen Tage‘ (Johannes Röser) … Je hektischer, grausamer und lauter das Leben in der Gegenwart wird, umso größer wird allem Anschein nach die Sehnsucht nach einer frohen, besinnlichen und heiligen Zeit.“

Säkulare Weihnacht?

Weihnachten ist zu einem äußert populären Fest, gar einer kulturellen Institution geworden. „Ist es aber auch noch ein religiöses Fest?“, fragt Wahle. „Selbstverständlich wird die Theologie an der zeitgenössischen Festpraxis von Weihnachten auch Kritik üben, vor allem dort, wo der innere Zusammenhang von Krippe und Kreuz, von irdischem und himmlischem Leben, zugunsten einer reinen Diesseitsorientierung aufgegeben wird. Doch die christliche Botschaft von Weihnachten lasst sich nicht anders verorten und verständlich machen als in der praktizierten Weihnachtsfeier, in der bewusst oder unbewusst die Würde, Schönheit wie Abgründigkeit des Lebens und der menschlichen Person aufscheinen, menschenwürdige Lebensverhältnisse entstehen können und so die Menschwerdung Jesu Christi auf unterschiedliche Weise fortführen.“

In den Traditionen, die in den Familien lebendig gehalten werden, spiegeln sich heute vielleicht keine kirchlichen Glaubenssätze mehr, aber immer wieder blitzt die Erinnerung an etwas Höheres auf, ist Wahle überzeugt. Es sind ganz persönliche Erfahrungen von Transzendenz, wie die Erfahrung von Stille und Geborgenheit. „In der gesellschaftlichen Konvention, für eine Weile zu Hause zu sein, still zu werden, gemeinsam zu Abend zu essen, Geschenke auszutauschen, Geschichten zu erzählen, Lieder anzustimmen, Kerzen auf dem Weihnachtsbaum zu entzünden oder was auch immer, kann etwas Positives entdeckt werden: Das Heiligabendritual als die Erfahrung einer sozialen Zeit, in der verlässliche Beziehungen neu entdeckt, Brüche und Verluste wahrgenommen, Neuanfänge und Wünsche erhofft werden.“ 
Denn auch wenn der klassische religiöse Kern des Weihnachtsfestes in den Hintergrund gerät, sei dem Menschen heute die Sehnsucht nach Sinn nicht abhandengekommen. Deshalb „darf auch eine ‚Religiosität der Sehnsucht‘ als menschliche Grunddimension gelten. Es ist kein Wissen, mehr die Ahnung, dass ein Mensch gewordener Gott, wie ihn die Kirche an Weihnachten feiert, für den Menschen das Glück schlechthin bedeuten wurde.“

Amelie Tautor

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