InklusionHaltung allein reicht nicht

Vor einiger Zeit besuchte ich einen Vortrag zum Thema Inklusion. Fast schon pastoral wurde wie von einer Kanzel die schöne neue Inklusionswelt in Kita und Schule verkündet. Die euphorische Botschaft: Es geht alles, wenn man nur will und die richtige Haltung zeigt. Ein Hoch auf die Vielfalt! Ein durchaus überzeugender Grundgedanke. Am nächsten Tag befand ich mich wieder in der Schule – und damit auf dem Boden der Tatsachen.
Und Tatsache ist: Es klafft eine gewaltige Lücke zwischen Vision und Wirklichkeit. Schon jetzt ist eine gute Integration von Kindern mit Unterstützungsbedarf kaum möglich. Dazu kommt: Inklusion im Unterricht ist das eine. Inklusion in der Schulkind-Betreuung etwas ganz anderes. Bis jetzt hat man bei diesem Thema die Betreuung nicht im Blick. Die Horte wurden schlichtweg vergessen. Immer noch werden Kindern für den Unterricht vormittags Begleiter im Rahmen der Eingliederungshilfe bewilligt, für den Betreuungsbereich nachmittags aber nicht. Diese Ungleichbehandlung ist ein Skandal!
Ganz abgesehen davon: Wenn wir ernsthaft ein inklusives Schul- und Betreuungssystem wollen, das jedem Kind gerecht wird, dann müssen wir uns fragen: Wie wird man jedem einzelnen Kind in seinen individuellen Bedürfnissen gerecht? Was braucht es an Unterstützung, unabhängig von Diagnose, Behinderung und Eingliederungshilfe? Inklusion bedeutet eben nicht, dass es nur um geistig oder körperlich behinderte Kinder geht. Sondern auch um die Kinder mit Entwicklungsverzögerung und Verhaltensauffälligkeiten. Um die Lernschwachen und um die Hochbegabten. Um die Traumatisierten und Geflüchteten. Um die Schüler mit Impulskontrollstörung und die mit ADS. Wer jemals einen Aufnahmeprozess für ein Kind mit Unterstützungsbedarf gestaltet hat, weiß, wie viel Zeit Erzieherinnen und Erzieher hier investieren müssen. Wenn die Gesellschaft, die Politik und die Träger Inklusion wollen, dann müssen sie die Einrichtungen in die Lage versetzen, diesen Auftrag gut umsetzen zu können. Dazu gehören auch die Horte und Ganztagseinrichtungen für Schulkinder. Nur mit Euphorie und Haltung wird das nicht möglich sein. Das ist die ungeschminkte Wahrheit.

NEUE PERSONALSCHLÜSSEL UND EINGRUPPIERUNGEN

Dem politischen Willen müssen Taten folgen. Wir benötigen mehr Leute, mehr Zeit und mehr finanzielle Mittel. Wir brauchen multiprofessionelle Teams mit Heilpädagogen, Kunstund Ergotherapeuten und Psychologen. Wir brauchen Erziehungsberater, die sich Zeit für die Familien nehmen können. Wir brauchen Qualifizierungsmaßnahmen, um Erzieherinnen und Erzieher für die neuen Anforderungen fit zu machen. Wer besser ausgebildet ist, wird auch tariflich neu eingruppiert werden müssen. Das alles kostet Geld. Eine Schule für alle zu fordern und damit hohe Erwartungen bei den Eltern zu wecken, dann aber die Fachkräfte allein zu lassen, ist nicht nur scheinheilig, sondern auch unfair. Die Auswirkungen müssen die Kinder tragen, deren Bedürfnissen man nicht gerecht werden kann. Und die Mitarbeiter, die den Auftrag unter diesen Bedingungen nicht erfüllen können. Eine Inklusion zum Nulltarif funktioniert nicht.
Lasst uns also tatsächlich das System und damit auch die Einrichtungen für die Schulkinder ändern. Die Schulen müssen sich den Kindern anpassen – die Haltung, die Offenheit und das Engagement der Fachkräfte gibt es dann kostenlos dazu.

Unterforderte Überflieger

Hochbegabte Kinder werden oft übersehen, wenn es um Inklusion geht.

„Wir schauen meistens auf Kinder, die benachteiligt oder beeinträchtigt sind. Aber ebenso wichtig ist es, die Kinder im Blick zu haben, die durch ihr kognitives Potenzial herausstechen“, sagt Herbert Jacob. Er ist Leiter der „Beratungsstelle Hochbegabung“ im Saarland und konzipiert zusammen mit seinem Team Fördermaßnahmen für hochbegabte Kinder und Jugendliche.
Bei der Förderung von Hochbegabten geht es nicht um die Vermittlung von Inhalten, sagt Jacob. Vielmehr sollen die Kinder lernen, dass sie für manche Projekte einen langen Atem brauchen. „Sie sind es gewohnt, dass sich das Erfolgserlebnis zeitnah einstellt. Misserfolg und damit verbundene Frustration haben sie oft noch nie erfahren.“

UNGEWÖHNLICHE LÖSUNGSWEGE

Was genau eine Hochbegabung ausmacht, darüber streiten die Wissenschaftler. Die gängige Definition geht von einer überdurchschnittlichen intellektuellen Begabung aus. Ab einem Intelligenzquotienten von 130 gilt man als hochbegabt – darunter fallen 2,2 Prozent der Bevölkerung. Statistisch gesehen befindet sich unter 50 Schulkindern also ein überproportional schlaues.
Für Lehrer und Erzieher ist es nicht einfach einzuschätzen, welches Kind besonders begabt ist. Noten sind nicht zwingend aussagekräftig, sagt Jacob. „Wer viel lernt, bekommt auch gute Noten. Leistung und Begabung sind aber zwei unterschiedliche Dinge.“ Hochbegabte Kinder zeichnen sich eher dadurch aus, dass sie sehr neugierig und kreativ sind. Sie verfahren bei einer Mathematikaufgabe nicht nach Schema F, sondern finden ihren eigenen Weg. Sie beschäftigen sich mit philosophisch komplexen Themen, die im Schulalltag meist eine untergeordnete Rolle spielen. Wenn etwa Erstoder Zweitklässler fragen, was nach dem Tod kommt oder warum sie das Kind dieser Eltern und nicht anderer sind, sollten Lehrer und Erzieher hellhörig werden. Denn wenn Hochbegabung nicht erkannt wird, kann das schlimme Folgen haben: Erzwungene Unterforderung kann bei Kindern zu Verhaltensauffälligkeiten, Schulunlust und psychosomatischen Beschwerden führen.
Mehr Infos zu Förderprogrammen in den einzelnen Bundesländern gibt es unter www.bildung-und-begabung.de

Alle müssen dazulernen

Es fehlt an Erfahrung im Umgang mit Behinderten

„Probleme in der inklusiven Schule haben oft ihren Ursprung darin, dass Lehrer und Erzieher nie gelernt haben, mit Heterogenität umzugehen. Ihnen fehlt die Erfahrung mit Behinderten im Alltag. Das beste Beispiel ist das eines Jungen, der mit dem Förderschwerpunkt Hören auf die Regelschule gekommen war. Anfangs lief alles gut, doch dann stellten einige Lehrer Verhaltensauffälligkeiten fest.
Im gemeinsamen Gespräch mit den Eltern stellte sich Folgendes heraus: Die Lehrer gingen davon aus, dass der Junge ihre Aufforderungen und Fragen immer gut versteht – denn er hatte ja ein Hörgerät. Diese modernen Kombinationen aus Mikrofon und Ohrhörer sind zwar kleine Technikwunder und sehr leistungsstark, aber nicht in der Lage, Störgeräusche herauszufiltern. Der Lärmpegel in der Klasse führte bei dem Jungen manchmal zu einer solchen Reizüberflutung, dass er sein Gerät einfach ausschaltete. Damit hörte er aber auch die Lehrer nicht mehr. Wir konnten dann eine ganz einfache Lösung finden: Die Schule hat Vorhänge angeschafft, um den Lärm in der Klasse zu dämpfen. Mit den Lehrern vereinbarte der Junge, dass er beim Sport oder beim Malen sein Hörgerät ausschalten darf. Wenn er es wieder einschalten soll, dann sprechen die Lehrer ihn nicht an, sondern berühren ihn an der Schulter und geben ihm damit ein entsprechendes Signal. So haben sich die Probleme innerhalb kurzer Zeit gelöst.“

Aufgeschrieben von Ulrike Schattenmann.

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