Jingle: Gemeinsam wachsen, gemeinsam lernen. Willkommen beim Podcast von Kleinstkinder in Kita und Tagespflege.
Claudia Uihlein: Herzlich willkommen beim Podcast unserer Fachzeitschrift Kleinstkinder in Kita und Tagespflege, indem wir mit unseren Autoren über ihre Fachartikel im Heft sprechen. Mein Name ist Claudia Uihlein. Ich bin Redakteurin bei Kleinstkinder und ich freue mich sehr, dass wir für unseren Kleinstkinder-Podcast Herrn Prof. Dr. Jörg Maywald gewinnen konnte. Mit ihm möchte ich heute über das oft tabuisierte Thema der frühkindlichen Sexualität sprechen. Ganz herzlich willkommen Herr Maywald. Ich freue mich sehr, dass Sie sich heute Zeit für ein kurzes Gespräch mit mir nehmen.
Prof. Dr. Jörg Maywald: Vielen Dank für die Einladung.
Claudia Uihlein: Zu Beginn möchte ich Sie gerne kurz vorstellen Herr Maywald. Sie sind Soziologe und Honorarprofessor für Kinderrechte und Kinderschutz an der Fachhochschule Potsdam. Sie sind Mitbegründer des Berliner Kinderschutzzentrum und sie waren viele Jahre in der Kinder- und Jugendhilfe und im Kinder- und Jugendgesundheitsbereich tätig. Außerdem sind Sie Autor zahlreicher Fachbücher und bieten Vorträge und Fortbildung im pädagogischen, gesundheitlichen und juristischen Bereich an. In der neuesten Kleinstkinder-Ausgabe schreiben Sie über das sensible Thema der frühkindlichen Sexualität, dass wir viele pädagogische Fachkräfte nach wie vor ja mit verschiedenen Tabus verbunden ist. Das führt auch oft zu Unsicherheiten im Umgang mit kindlicher Sexualität und ihren verschiedenen Ausprägungen. Vielleicht können Sie zu Beginn einmal kurz umreißen, was unter frühkindlicher Sexualität überhaupt zu verstehen ist und wodurch unterscheidet sie sich denn von der Sexualität von Jugendlichen und Erwachsenen?
Prof. Dr. Jörg Maywald: Ja, gerne. Zunächst meine ich, sollten wir uns bewusst machen, dass Sexualität zu jedem Menschen dazugehört. Sie ist ein zentraler Aspekt des Menschen, und zwar über die gesamte Lebensspanne hinweg. Das heißt, im Grunde genommen von der Zeugung über die Geburt bis zum letzten Atemzug. Und natürlich ist es nicht ein Entwicklungsbereich, der erst später einsetzt. Das wäre ja auch sehr eigenartig, wenn alle Entwicklungsbereiche, also nehmen wir die motorische Entwicklung, die sprachliche oder die psychosoziale Entwicklung natürlich von der Geburt spätestens an loslegen und die Psychosexuelle erst später, also z.B. in der Pubertät, das wäre ja überhaupt nicht vorstellbar. Also insoweit gehört die Entwicklung der Sexualität bzw. die psychosexuelle Entwicklung von Beginn an als Bestandteil der Gesamtentwicklung bei jedem Kind natürlich selbstverständlich mit dazu. Aber Sie haben es gerade schon angedeutet. Tatsächlich unterscheidet sich frühkindliche Sexualität deutlich von sexuellen Ausprägungen in späteren Lebensaltern. Also insbesondere eben im Jugendalter und dann natürlich auch im Erwachsenenalter, was übrigens auch der Grund dafür ist, dass die Kinder hier ganz besonderen Schutz benötigen, denn wie wir alle wissen, jede Form von Sexualität von Jugendlichen oder Erwachsenen mit Kindern ist absolut verboten, tabuisiert und auch strafbar. Aber jetzt zu Ihrer Frage, nämlich was sind denn genau die Unterschiede? Wenn wir uns junge Kinder, sehr junge Kinder anschauen, also einjährige, zweijährige, dreijährige Kinder, dann sprechen wir ja nicht davon, dass sie sexuell aktiv sind. Wir betrachten, dass Kinder ihren Körper selbst entdecken, erkunden, neugierig sind, sich einfach auch interessieren für sich, aber auch für andere Menschen und dann ja auch zunehmend Fragen stellen.
Im Vordergrund steht das Spielerische, die Neugier, das Spontane, was Kinder ja in diesem jungen Alter auszeichnet. Die Entdeckung mit allen Sinnen, die bei jungen Kindern ja eine Rolle spielt, das Hier und Jetzt. Also zum Beispiel: Jetzt fühle ich mich wohl oder habe dieses oder jenes Bedürfnis mal meine Zähne anzuschauen oder tatsächlich den gesamten Körper zu entdecken. Das ist nicht mit Hintergedanken versehen, wie wir das bei jugendlichen Erwachsenen kennen. Das ist sehr auf die eigene Person bezogen, also das, was wir egozentrisch nennen. Einfach der Wunsch nach Nähe, nach Geborgenheit, nach Wohlgefühl, auch in einem gewissen Maße nach Lustgefühl spielt eine Rolle. Und die Unbefangenheit, die ja junge Kinder generell, aber auch in diesem Bereich, auszeichnet.
Claudia Uihlein: Wenn wir jetzt bei der Sexualität bleiben, insbesondere bei den Kindern im Alter zwischen ein und drei Jahren: Welche Entwicklungsschritte lassen sich in diesem Alter denn konkret beobachten?
Prof. Dr. Jörg Maywald: Da kann ich natürlich nur einige Aspekte nennen. Ich will zunächst sagen, dass die psychosexuelle Entwicklung auch im Säuglingsalter schon eine Rolle spielt. Ganz sicher auch das Schmusen, das Liebkosen; überhaupt körperlicher Kontakt ist ja extrem wichtig für eine gesunde Entwicklung schon von Anfang an. Aber tatsächlich möchte ich mich jetzt auf das zweite und dritte Lebensjahr konzentrieren. Da kommen andere Aspekte hinzu, unter anderem auch die Frage der geschlechtlichen Identität. Sigmund Freud hat übrigens gedacht, dass Kinder erst so mit vier Jahren tatsächlich ein Wissen darüber erlangen, ob sie ein Junge oder ein Mädchen sind und auch andere Menschen zuordnen können. Da hat er sich geirrt, nicht überall hat er recht behalten. Wir wissen heute, dass das viel früher schon der Fall ist, dass schon anderthalbjährige Kinder ziemlich zuverlässig sich einem Geschlecht zuordnen können und auch andere Menschen danach einteilen. Das heißt, alles, was mit Geschlechtsidentitätsentwicklung zu tun hat, findet in diesem Alter sicherlich statt. Aber natürlich besteht auch weiterhin das große Bedürfnis nach Körperkontakt. Auch ein- und zweijährige Kinder lieben es zu schmusen, auf dem Schoß von vertrauten Personen zu sitzen. Das Geschlechtsrollenverständnis gehört da durchaus mit dazu. Dass sie sich an Erwartungen anpassen, die sie an sich gerichtet sehen. Da sind wir als Erwachsene natürlich gefragt, Kinder nicht auf bestimmtes Rollenverhalten festzulegen, weil Kinder eben dann auch unseren Vorstellungen entsprechen möchten. Vielleicht kennen viele Fachkräfte in der Praxis auch diese berühmte Schau- und Zeigelust. Diese besteht gerade so bei den Anderthalb- bis Zweijährigen, die sich manchmal anderen sogar ganz gerne nackt zeigen und sich dabei richtig wohlfühlen. Das hört übrigens üblicherweise dann, wenn sie ein bisschen älter werden, auf, weil dann das Schamgefühl zunimmt und sie auch merken, dass es auch bei anderen Menschen befremden auslöst, wenn sie sich z.B. in einem halböffentlichen Bereich nackt zeigen. Aber es gibt diese Phase durchaus, in der sie das genießen. Wir als Erwachsene müssen da aufpassen, dass Grenzen gewahrt, aber auch die Privatsphäre gewahrt bleibt. Wenn sie dann zwei oder zweieinhalb Jahre alt sind, dann erfährt die Sprache eine Explosion und sie lernen auch viele Begriffe kennen. Tatsächlich auch erste Begriffe für die Genitalien, für die Geschlechtsorgane. Je nachdem natürlich, wie weit das auch von ihrer sozialen Umgebung unterstützt bzw. gebilligt wird. Kinder merken sehr genau, was erlaubt oder verboten ist; was wir nicht gut finden, womit wir vielleicht auch selbst Schwierigkeiten haben, und sie passen sich dem an. Übrigens auch, ich sagte es schon, im Bereich der Schamentwicklung. Scham ist eine sogenannte sekundäre Emotion. Diese beginnt bereits im zweiten Lebensjahr und Kinder setzen dann Schamgrenzen, also z.B. möchten sie nicht mehr von jeder Person auf die Toilette begleitet werden. Und darauf sollten wir natürlich auch achten. Auch soziale Regeln und Normen entwickeln sich in diesem Alter schon sehr deutlich. Also z.B., dass sie zwischen unterschiedlichen Bereichen unterscheiden, dass eben in einem Toilettenbereich etwas anderes möglich ist als im Gruppenraum oder vielleicht im Außengelände. Und das ist ja auch ein sehr wichtiger Entwicklungsschritt, dass sie lernen, dass eben die Sexualität bzw. der eigene Körper, nicht ohne Grenzen für alle Menschen sichtbar sein soll, sondern dass es ein Bedürfnis nach Privatsphäre gibt.
Claudia Uihlein: Ganz spannend fand ich den Aspekt, den Sie gleich zu Anfang erwähnt haben. Mit der Entwicklung der Geschlechtsidentität sieht es in der Realität ja oft so aus, dass Jungen und Mädchen noch unterschiedlich behandelt werden, nicht nur von Eltern, sondern auch in der Kita. Welche Maßnahmen können Fachkräfte denn bereits im U3-Bereich umsetzen, um die Lebenssituation und die Interessen aller Geschlechter zu berücksichtigen und den Alltag in der Kita auch geschlechtergerecht zu gestalten?
Prof. Dr. Jörg Maywald: Ich glaube, wir müssen da bei uns selbst beginnen. Wir alle sind mit bestimmten Rollenklischees und Zuschreibungen aufgewachsen. Damit, was ein Mädchen tun soll oder nicht tun darf und genauso ist es bei den Jungs. Und sich dessen bewusst zu sein ist ja eigentlich ein erster Schritt, dass wir selbst auch nicht frei von diesen Vorstellungen sind. Auch Medien und Werbeaspekte spielen hier eine Rolle und nehmen Einfluss auf die Kinder. Wichtig ist hier Selbstreflexion auch die Reflexion im Team über solche Klischees, über solche Zuschreibungen und Stereotypien. Das ist eigentlich der Anfang eines kritischen Umgangs damit. Natürlich sollten wir diskriminierungsfrei Angebote an alle Kinder machen. Also die Begleitung der Einzigartigkeit jedes Kindes würde ich sagen, ist ein großes Thema. Wir sollten aber auch ein bisschen tolerant sein. Ich will mal einen Punkt ansprechen. Es ist nicht untypisch, dass Kinder gerade so im Alter von drei Jahren typische Jungen- oder Mädchenspiele bevorzugen. Also nehmen wir den Klassiker, dass Mädchen gerne mit Puppen spielen und die Jungen sich mit den Baggerführern identifizieren oder den Polizisten. Das ist nicht untypisch und ich würde sogar behaupten, es ist nicht allein von unseren Vorstellungen abhängig. Da spielen viele Aspekte bis in die hormonellen Zusammenhänge eine Rolle. Ich glaube, wir sollten es nicht fördern. Ich würde den Jungen natürlich nicht nur die, in Anführungszeichen, typischen Figuren oder Spiele für Jungen anbieten und bei den Mädchen genauso. Das ist natürlich nicht fachgerecht. Wir sollten offene Angebote machen. Andererseits aber sollten wir es auch nicht verhindern. Es sind oft Übergangsphänomene. Also, um es deutlich zu sagen, wenn ein Junge sich also monatelang nur mit Polizisten und Baggerführern befasst, heißt es nicht, dass aus ihm ein Macho wird. Das heißt, die Kinder wollen sich vergewissern, dass sie eben ein Junge oder ein Mädchen sind. Es gibt ja auch noch durchaus Alternativen, es gibt ja nicht nur zwei Geschlechter und diese Vergewisserung, diese Selbstvergewisserung, ist auch sehr wichtig für Kinder und oft ist es dann nach einer Zeit auch vorbei. Wir sollten es nicht fördern, da bin ich schon klarer Auffassung, dass wir also nicht Vorgaben machen, sondern eben die Entwicklung des Kindes begleiten und einem Kind nicht unsere eigene Vorstellung überstülpen. Aber wenn die Kinder nun großen Wert darauf legen, auch bestimmte typisierende Spiele zu machen, sollten wir auch nicht dagegen arbeiten. Meistens, wie gesagt, hat es sich nach einiger Zeit erledigt und Kinder sind durchaus in der Lage, auch offene Rollen und Vorstellungen einzunehmen.
Claudia Uihlein: Kleinkinder haben ja auch zum Thema Sexualität gerne schon die eine oder andere Frage – nicht nur an ihre Eltern, sondern eben auch an die Erzieherinnen und Erzieher in der Kita. Viele Fachkräfte sind dann unsicher, wie sie diese Fragen beantworten können oder sollen und insbesondere welche Sprache sie hierfür verwenden. Wie kann Ihrer Meinung nach eine frühe und altersgerechte Sexualaufklärung bei Kindern unter drei Jahren aussehen?
Prof. Dr. Jörg Maywald: Da sind ja gleich mehrere Fragen verbunden. Ich fange mal mit der Sprache an. Tatsächlich bin ich ein deutlicher Vertreter derjenigen, die für eine fachlich korrekte Sprache plädieren. Das hat viele Vorteile. Es ist diskriminierungsfrei. Es ist korrekt, wie gesagt, fachlich, es ist intersubjektiv verstehbar. Das heißt, ich empfehle sehr, keine verniedlichenden Begriffe zu verwenden, sondern auch dann, wenn Kinder oder auch Eltern Begriffe in die Kita hineinbringen, die fachlich korrekten Begriffe zu verwenden. Also die primären Genitalien eben mit Penis und Vulva zu bezeichnen. Soweit erstmal zur Sprache. Wobei ich wiederum andererseits Kinder nicht kritisieren würde, oder auch Eltern nicht, wenn sie verniedlichende Begriffe verwenden. Ausnahme wäre sexistische Sprache. Das würde ich nicht akzeptieren, da würde ich immer ein Stoppzeichen setzen. Aber wenn die Kinder selbst oder Eltern verniedlichende Begriffe verwenden, würde ich diese zwar nicht übernehmen, aber ich würde auch nicht dagegen arbeiten. Denn ich finde, jeder Mensch hat auch das Recht, eigene Begriffe zu verwenden. Aber wir sollten dies den Kindern nicht vorgeben und diese Begriffe auch nicht übernehmen. Soweit zur Sprache. Und dann war aber ja auch die Frage, wie beantworten wir denn Fragen der Kinder? Ich will es mal konkret machen. Also, der Klassiker ist ja, wenn ein Kind fragt, sag mal, wie kommen die Kinder eigentlich da in den Bauch und kriegen die da überhaupt Luft? Und diese Fragen stellen die Kinder ja oft mit großer Neugier. Also eine Mutter in der Kita ist vielleicht erneut schwanger und das Kind fragt sich, wie das eigentlich funktioniert. Da habe ich eine sehr klare Auffassung. Natürlich gehört Liebe, Sexualität, Schwangerschaft, Geburt zur Realität der Umgebung des Menschen. Und wenn Kinder konkrete Fragen haben, haben sie auch ein Recht auf eine Antwort. Das ist ja auch ein Bildungsthema. Auch in den Bildungsrahmenplänen der Bundesländer ist es dort als Bildungsthema aufgegriffen und wir haben einen Bildungsauftrag und sollten Antworten geben können. Allerdings müssen wir dabei ein bisschen aufpassen. Wir neigen manchmal dazu, Antworten auf Fragen zu geben, die die Kinder gar nicht haben. Da müssen wir ein bisschen schauen, dass wir wirklich verstehen, was interessiert das Kind eigentlich? Sind es jetzt die biologischen Zusammenhänge, die für manche Kinder überhaupt nicht von Interesse sind? Oder wollen sie wissen, was sie vielleicht schon ahnen, dass da irgendwie Papa und Mama zusammen haben kommen müssen? Und das ist eigentlich eher das Thema und nicht Eileiter, Eizelle und Samenzelle. Das sind ja eher oft erwachsene Vorstellungen, die da eine Rolle spielen. Also, wir sollten die Fragen der Kinder beantworten, aber wir sollten zunächst herausfinden, was interessiert das Kind eigentlich? Sind es wirklich eher kognitive Aspekte? Oder sind es mehr die sozial-emotionalen Aspekte von Liebe, Sexualität, die ein Kind interessieren? Aber wenn wir den Eindruck haben, dass eine bestimmte Frage auftaucht, sollten wir sie auch beantworten. Etwas anders würde ich es übrigens sehen, was die Frage betrifft, ob wir Kindern Themen zumuten sollten. Also jetzt nicht etwas, was sie konkret fragen, denn da finde ich, haben sie ein Anrecht auf eine Antwort. Aber ob wir z.B. Projekte anbieten sollten rund um Schwangerschaft, Sexualität, Liebe, Geburt und so weiter. Da habe ich eine etwas differenziertere Auffassung, weil wir davon ausgehen müssen, dass das auch für viele Eltern kein einfaches Thema ist und manchmal Eltern auch der Auffassung sind, dass Sexualaufklärung eigentlich in die Familie gehört und nicht in die Kita. Das heißt, dass es sich hier um ein sehr sensibles Thema handelt. Auch deshalb sensibel, weil Kita keine Pflichtveranstaltung ist. Das heißt, Eltern könnten im Prinzip ihr Kind jederzeit aus der Kita oder auch aus einer Tagespflegestelle nehmen. Oder sie könnten auch sagen, nächste Woche kommt mein Kind nicht. Das ist nicht wie in der Schule. Da ist ja Sexualkundeunterricht eine Pflichtveranstaltung und Eltern sind nicht berechtigt, ihr Kind abzumelden. Aber in der Kita ist das anders. Da sind wir doch sehr auf die Zusammenarbeit mit den Eltern angewiesen. Und gerade bei einem solch sensiblen Thema empfehle ich, wenn eine Kita oder auch eine Tagespflegeperson Themen selbst einbringen möchte, vielleicht auch über Bilderbücher oder Projektmaterialien, die Eltern vorher zu informieren und für ihre Zustimmung zu werben, um sie einfach mit ins Boot zu holen. Übrigens, viele Eltern sind froh, wenn wir das Thema aufgreifen, weil sie selbst oft auch Schwierigkeiten damit haben. Aber ich empfehle, sie nicht vor den Kopf zu stoßen, sondern tatsächlich vorab darüber zu informieren, dass wir dieses Thema auf die eine oder andere Weise einbringen möchten.
Claudia Uihlein: Insgesamt plädieren Sie ja für eine ganzheitliche Sexualpädagogik und diese umfasst ja neben der sexuellen Aufklärung und Bildung, über die wir jetzt eben schon gesprochen haben, auch den Schutz vor sexualisierter Gewalt. Welche Präventionsmaßnahmen können Fachkräfte denn ergreifen, um sexualisierte Gewalt in der Kita wirksam vorzubeugen?
Prof. Dr. Jörg Maywald: Zunächst mal wir wissen, das ist nicht nur eine Meinung, sondern es gibt auch entsprechende Untersuchungen dazu, dass das Informieren der Kinder, dass Bildung, genauso wie übrigens auch eine kindgerechte Beteiligung an den Themen selbst, Schutzfaktoren sind. Das heißt, Kinderschutz und das meine ich ja mit ganzheitlicher Herangehensweise, wird auch gestärkt durch Information und Bildung der Kinder und auch durch eine kindgerechte Partizipation. Auch jemand wie Jörg Fegert, der sich in Deutschland, glaube ich, am besten mit sexuellem Missbrauch auskennt, sagt immer wieder, dass sexuelle Bildung selbst ein Schutzfaktor ist und dass Schutzförderung und Beteiligung der Kinder eng miteinander zusammenhängen. Also so weit erstmal generell zu diesem Zusammenhang. Aber ganz konkret, Sie haben ja gefragt, was die Fachkräfte tun können? Ich würde auch hier wieder sagen, wir sollten bei uns selbst anfangen. Also Prävention beginnt damit, dass wir selbst ja die Grenzen von Kindern wahren. Dass wir nicht einfach von hinten einem Kind übers Gesicht wischen bei den Pflegehandlungen, sondern achtsam mit Kindern umgehen. Ich bin ein großer Fan von dem Begriff beziehungsvoller Pflege. Das geht ja auf die Pikler-Pädagogik zurück, dass es eben nicht um Maßnahmen an einem Objekt geht. Es geht um einen Menschen, demgegenüber wir in eine Beziehung treten. Und das sollten wir natürlich achtsam und wertschätzend tun und dabei auch das Kind immer wieder anschauen und um sein Einverständnis werben. Und dabei sollten wir auch die Äußerungen des Kindes ernst nehmen, was vielleicht diesem Kind nicht so angenehm ist. Nähe und Distanz wahren, das geht ja schon los. Wie einsehbar beispielsweise ein Wickelbereich ist, ob da andere Kinder auch dazu kommen können und wer eigentlich darüber entscheidet, dass diese Kinder vielleicht auch dabei sein können oder nicht. Und insoweit würde ich sagen, Prävention beginnt eigentlich beim eigenen Handeln im Alltag. Das wäre für mich der wichtigste Punkt. Ein zweiter Punkt ist die Wahrung der Privatsphäre von Kindern. Ich glaube, es gibt keine Kita in Deutschland, die nicht ab und zu miterlebt, dass ein Kind masturbiert in der Kita. Das kommt nicht jede Woche vor und auch nicht bei den meisten Kindern, aber es kommt eben immer wieder vor. Und auch da geht es darum, einerseits nicht eine beschämende oder gar bestrafende Haltung einzunehmen. Das ist natürlich der eine Punkt. Aber andererseits auch darauf zu achten, dass ein Kind den notwendigen Schutz hat. Dass es dies beispielsweise nicht im Morgenkreis macht, sondern in einer geschützten Situation, auf die wir natürlich achten müssen. Oder auch wenn Kinder im Außengelände masturbieren. Da würde ich auf jeden Fall eingreifen. Nicht, um die Masturbation zu kritisieren, aber das ist einfach gefährlich für ein Kind. In dieser Situation kann es sich nicht nur selbst beschämt fühlen, sondern es kann auch zu schlimmen Diskriminierungs- oder sogar Gewaltsituationen kommen. Und der dritte Punkt ist, dass wir auch sehr sensibel sein sollten, wenn es um Übergriffe oder Grenzverletzungen unter Kindern geht. Das ist ja auch nicht ganz selten. Das kann manchmal relativ harmlos sein. Also, ein Kind zieht z. B. einen anderen Jungen am Penis. Das kann im Überschwang ein bisschen nicht ganz aufmerksam gewesen sein, aber es kann eben auch durchaus ein bewusster Übergriff sein. Dann darf dieser nicht einfach nur lächerlich gemacht werden, sondern muss ernst genommen werden und es muss ein deutliches Stoppzeichen erfolgen. Also für mich ist Prävention auf verschiedenen Ebenen vor allem im Alltag wichtig. Darüber hinaus gibt es natürlich auch Präventionsangebote oder Programme. Ich erinnere z.B. an PETZE in Kiel, an AMYNA in München oder an Zartbitter in Köln. Die haben Angebote präventiver Art, die ich auch sinnvoll finde. Aber aus meiner Sicht ist das Wichtigste eigentlich, dass wir im Alltag wertschätzend und Grenzen achtend bei uns beginnend. Und natürlich auch das Verhalten der Kinder untereinander betreffend hier im Blick haben.
Claudia Uihlein: Vielen Dank, Herr Maywald, für diesen spannenden Einblick in die frühkindliche Sexualität und in die Sexualpädagogik. Vielleicht konnten wir mit diesem Gespräch ja einen kleinen Beitrag leisten, mögliche Unsicherheiten einiger Fachkräfte im Umgang mit dem Thema frühkindlicher Sexualität abzubauen. Wer sich näher mit dem Thema beschäftigen möchte, der findet in unserer Kleinkinderausgabe 6/25 einen ausführlichen Beitrag von Herrn Prof. Maywald sowie viele weitere Hintergrundinfos und konkrete Praxistipps, z.B., wie Sie auch gerade schon angesprochen haben, wie Fachkräfte reagieren können, wenn Grenzverletzungen unter Kleinkindern auftreten. Ganz herzlichen Dank, lieber Herr Maywald für Ihre Zeit und Ihre wertvollen Informationen. Ich freue mich sehr, dass ich mit Ihnen über dieses wichtige Thema sprechen konnte.
Prof. Dr. Jörg Maywald: Ja, vielen Dank auch von meiner Seite. Danke schön.
Jingle: Gemeinsam wachsen, gemeinsam lernen. Schön, dass ihr reingehört habt. Bis bald. Umfangreiches Fachwissen für die Betreuung der Jüngsten findet ihr auf www.kleinskinder.de.