Tauet, Himmel, den GerechtenDie Gottesdienste im Advent

Der Advent ist Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest, Zeit der Erwartung, des Sich-neu-Ausrichtens auf Gott, der uns entgegenkommt. Die vier Adventssonntage erhalten besonders vom jeweiligen Evangelium her ihr eigenes Gesicht. Der erste Sonntag ist thematisch von der Wiederkunft Christi und von der Mahnung zur Wachsamkeit bestimmt. Die Gestalt Johannes des Täufers, Vorläufer und Wegbereiter des Herrn, und sein Ruf zur Umkehr prägen das Bild des zweiten und dritten Adventssonntags. Am vierten Adventssonntag wird uns Maria vor Augen gestellt. Die Mutter Jesu ist ja der adventliche Mensch schlechthin.

Der dritte Adventssonntag trägt den Namen Gaudete nach dem lateinischen Anfangswort des Eröffnungsverses der Messe (Phil 4,4f.) und hat wie der Sonntag Laetare in der Fastenzeit den Charakter der Vorfreude. An diesem Sonntag können rosafarbene Paramente statt der violetten getragen werden. Im Advent entfällt bei der Messfeier das Gloria, um den Gesang der Engel, das „Ehre sei Gott in der Höhe“, an Weihnachten wieder neu erklingen zu lassen. Insgesamt sollen Orgel- und Instrumentalmusik sowie Blumenschmuck dem Advent als Vorbereitungszeit angepasst werden und nicht „die volle Freude“ über die Geburt des Herrn vorwegnehmen.

Eine zweifache Ausrichtung

Der Advent hat eine zweifache Ausrichtung: Er ist einerseits Vorbereitungszeit auf die weihnachtlichen Feste mit dem Gedächtnis der Menschwerdung Christi, andererseits ist der Advent auch Zeit der Erwartung der endzeitlichen Ankunft des Herrn. Beide Aspekte prägen die Liturgie. Die Grundordnung des Kirchenjahres (GOK) charakterisiert die Adventszeit als „eine Zeit hingebender und freudiger Erwartung“ (GOK 39).

Während die letzten Tage vor Weihnachten, die Tage vom 17. bis zum 24. Dezember, die bevorstehende Geburt Christi in den Blick nehmen, ist die erste Phase des Advents von der Vorbereitung auf das Kommen Christi am Ende der Zeiten bestimmt. Die ehrliche Frage, wie wir mit unserem Leben vor den kommenden Herrn hintreten können, bringt einen heilsamen Ernst in die Adventszeit.

Die geprägte Zeit des Advents zeigt sich in der Gestalt der adventlichen Gottesdienste. Jeder Tag hat seine eigenen Texte. Die Werktage vom 17. bis 24. Dezember nehmen die berühmten O-Antiphonen des Stundengebetes (Magnificat) als Halleluja-Vers vor dem Evangelium auf. Weil sie im Lateinischen mit dem vokativen „O“ beginnen, haben sie den Namen „O-Antiphonen“ bekommen. In ihnen wird Christus unter verschiedenen biblischen Bildern um sein Kommen angerufen.

Bei der Auswahl der Messgesänge ist darauf zu achten, ob das jeweilige Lied den eschatologischen oder vorweihnachtlichen Verkündigungsgehalt des Advents stärker betont. Entsprechend sind die Gesänge bevorzugt der ersten oder zweiten Phase des Advents zuzuordnen.

Das religiöse Brauchtum im Advent verdient wohlwollende Aufmerksamkeit (Adventskranz, Adventskalender, Barbarazweige, Herbergssuche, Brauchtum um den Tag des heiligen Nikolaus). Wird es in der rechten Weise gepflegt, hilft es, den besonderen Charakter dieser Zeit emotional zu verankern.

Maria als adventliche Gestalt

Am 8. Dezember, neun Monate vor dem Fest „Mariä Geburt“, begeht die Kirche das „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“. Maria ist von Gott erwählt, die Mutter Jesu zu werden. Darum blieb sie vom ersten Augenblick ihres Daseins an von der Erbsünde bewahrt und wurde - im Hinblick auf Christus - herausgenommen aus allen Verstrickungen des Unheils. Sie ist die Morgenröte der neuen Schöpfung und in ihr spiegelt sich unverdorben und ungebrochen wider, wie die Welt von Gott her gedacht ist.

Die bis heute beliebten „Rorate-Messen“ sind Votivmessen zu Ehren der Gottesmutter Maria, ursprünglich nur an den Samstagen, mancherorts aber auch an allen Werktagen des Advents. Die Messen wurden oft sehr feierlich gestaltet, zumeist wurde auch das Allerheiligste ausgesetzt, vor dem man die Messe feierte, und (oder) sie wurden mit dem sakramentalen Segen beschlossen. Wegen des Evangeliums von der Verkündigung des Herrn durch den Engel Gabriel, das als Perikope gelesen wurde, nannte man diese Messen in manchen Gegenden auch „Engelamt“. Die Marienmesse im Advent wurde als feierliches „Amt“ mit Gloria gefeiert, was allerdings nicht mehr sinnvoll und auch nicht mehr erlaubt ist, wenn selbst an den Sonntagen im Advent das Gloria nicht gesungen wird.

Der Name Rorate kommt vom lateinischen Anfangswort des Eröffnungsverses (Introitus) „Rorate, caeli, desuper“ - „Tauet, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken regnet den Gerechten“. Der Text ist dem Buch des Propheten Jesaja entnommen (Jes 45,8). Wie Tau und Regen als Segen empfunden werden, so bittet der Eröffnungsruf um das Kommen des Herrn. Der Vers enthält aber, was oft übersehen wird, auch eine Aussage über Maria. In der zweiten Hälfte des Verses wendet sich der Blick der Erde zu, die den Heiland hervorsprossen möge: „Tue dich auf, o Erde, und sprosse den Heiland hervor!“ Die vom Tau getränkte Erde ist ein Bild für Maria, die sich ganz auf Gott einlässt und durch ihr Ja zum Eingangstor Gottes in unsere Welt wird. Dabei wird der Schoß Mariens als Schoß der Erde verstanden: Maria ist die (mütterliche) Erde, die sich öffnet und den Heiland wie eine Blume hervorbringt, wie es viele Advents- und Weihnachtslieder bildhaft zum Ausdruck bringen, wiederum Jesaja aufnehmend (Jes 11,1). Der Tau vom Himmel wird zum Symbol für den Heiligen Geist, der das Wunder der Menschwerdung Gottes im Schoß Mariens ermöglichte.

Im Schein von Kerzen

Es gehört zum besonderen Erleben dieses Gottesdienstes, wenn er am frühen Morgen im Schein vieler Kerzen gefeiert wird und womöglich sich ein gemeinsames Frühstück anschließt. Bei der Eucharistiefeier sollte das Rorate-Motiv nicht fehlen, hat doch die ganze Feier davon ihren Namen: als Kyrielitanei (GL neu 158), als Kehrvers zum Antwortpsalm oder als Vers des Hallelujarufes (GL 234,1), vor allem als Eingangslied. Das Lied „Tauet, Himmel, den Gerechten“ wird in vielen Diözesen gesungen und erfreut sich großer Beliebtheit. Das Motiv findet sich auch in der zweiten Strophe des Adventsliedes von Friedrich Spee „O Heiland, reiß die Himmel auf“ (GL 231).

Die Marienmessen in weißer Farbe können auch weiterhin an den Wochentagen der ersten Phase des Advents gefeiert werden, wenngleich zu bedenken ist, dass die neu geschaffene Leseordnung des Advents möglichst auch von den Heiligengedenktagen und der Marienmesse im Advent nicht unterbrochen werden sollte. Eigene Messformulare für die Werktage im Advent charakterisieren den Advent als „geprägte Zeit“.

Die „Rorate-Messe“ kann mit dem Formular der Marienmesse im Advent an den Wochentagen des Advents bis einschließlich 16. Dezember gefeiert werden (vgl. Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch 316 und 333; GOK 42), nicht an Sonntagen oder an gebotenen Gedenktagen (also nicht am 30.11. Andreas, 3.12. Franz Xaver, 7.12. Ambrosius, 14.12. Johannes vom Kreuz). Sinnvollerweise werden die Schriftlesungen vom Wochentag genommen, selbstverständlich ohne Gloria.

Es spricht auch nichts dagegen, die Gottesdienste im ganzen Advent im Licht der Kerzen zu feiern, das Rorate-Motiv anklingen zu lassen und sie mit einem passenden Marienlied zu beschließen. In Österreich wird am Ende der Rorate-Messe gern der „Engel des Herrn“ gesungen (GL-Ö 956). Die Schriftlesungen und Orationen sollten vom Wochentag genommen werden und die Farbe der Gewänder ist violett. Auch wenn man einen solchen Gottesdienst im strengen Sinn nicht als Rorate bezeichnen kann, so wird dennoch den berechtigten Erwartungen der Gläubigen Rechnung getragen. Rorate-Gottesdienste können durchwegs festlich gestaltet werden, dennoch sollte dies in einer vor Weihnachten noch abgestuften Feierlichkeit geschehen.

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