Wörter zum Leben erweckenDie Ästhetik in der Verkündigung

Wenn es um Ästhetik geht, finden wir uns in der Kunst wieder. Ein künstlerischer Anspruch in der Verkündigung? Wenn ich als Lektor/in meinen Verkündigungsauftrag ernst nehme, tue ich doch das Nötige. Warum sollte ich auf Ästhetik achten? Wahrscheinlich gibt es zunächst Wichtigeres, etwa, was viele Lektoren bewegt: „dass ich mich nicht verlese“, „dass ich schwierige Wörter richtig ausspreche“, „dass mir bei langen Sätzen der Atem reicht“. Seltener fallen Äußerungen wie: „Ich achte auf die Sinnzusammenhänge“, „Ich schaue, wo man eine Pause machen kann“, „… welches Wort ich betonen muss“. Dies alles sind Überlegungen, die für den Lektor und die Lektorin sprechen. Er oder sie ist bestrebt, eine Lesung sorgfältig und ansprechend vorzutragen.

Was ich noch von keinem Lektor gehört habe, war eine Antwort wie: „Mir ist wichtig, dass die Gemeinde den Text versteht“, „… dass der Gottesdienstbesucher sich angesprochen fühlt und für sich etwas mitnehmen kann“ oder dergleichen. Dies würde die Perspektive des Hörers in den Blick nehmen. Nicht, dass Lektoren so etwas ausblenden würden. Es zeigt indessen: Die erste Aufgabe gilt eben der Konzentration auf den Textvortrag.

Die Werkzeuge beim Sprechen

Bei den wenigsten Menschen gehört das laute Lesen von Texten zur gängigen Alltagspraxis. Wenn wir nicht gerade Kindern etwas vorlesen oder dem Partner einen kurzen Zeitungsbericht, beschränken wir uns auf stilles Lesen zur Aufnahme von Informationen. Dadurch bleibt unsere Ausdruckskraft begrenzt. Was dann laut vorgelesen wird, hört sich ziemlich gleich an.

Nun müssen und können wir nicht jeden Text mit Leidenschaft und Hingabe lesen. Was wir aber sicherlich brauchen, ist ein Gespür für das, was im Text steht, für die Zuhörenden, denen wir den Text vortragen, und schließlich für den Raum und den Anlass, bei dem wir uns befinden. Wäre dies einfach und selbstverständlich, würden Texte, angefangen vom Buch Genesis bis hin zur Offenbarung des Johannes nicht alle gleich klingen oder Fürbitten nicht unbeteiligt heruntergelesen. Der Fehler beruht weniger auf einer mangelnden Kompetenz der Leser/innen, sondern vielmehr auf der fehlenden fachgerechten Anleitung und schließlich der Übung seitens des Lesers.

Im nachsynodalen Schreiben „Verbum Domini“ (2010) schreibt Papst Benedikt XVI.: „Bereits die Synodenversammlung über die Eucharistie hatte größere Sorgfalt bei der Verkündigung des Wortes Gottes verlangt. Ich möchte mich hier zum Sprachrohr der Synodenväter machen, die auch bei dieser Gelegenheit die Notwendigkeit einer angemessenen Schulung für die Ausübung des munus des Lektors in der liturgischen Feier betont haben - insbesondere was den Lektorendienst betrifft. … Die mit dieser Aufgabe betrauten Lektoren müssen, auch wenn sie nicht die Beauftragung erhalten haben, wirklich dafür geeignet und gut vorbereitet sein. Diese Vorbereitung muss sowohl biblischen und liturgischen als auch technischen Charakter haben: … Die technische Schulung soll die Lektoren bzw. Vorleser immer mehr vertraut machen mit der Kunst, vor der Gemeinde zu lesen und dabei die eigene Stimme sowie gegebenenfalls die Möglichkeiten einer Lautsprecheranlage richtig einzusetzen.“

Wenn wir gestalterische Mittel zum Vortrag einer Lesung suchen, brauchen wir Handwerkszeug. Beim Sprechen steht uns hier einzig die Stimme zur Verfügung. Damit Lesen kein Zufall ist, sind wir gefordert, das Potential unserer Stimme auszunutzen und die Sprache beim Vortrag differenziert einzusetzen.

Der Text als Partitur

Einen Text zu verkündigen heißt auch, ihn zu gestalten. Niemand in der Kirche möchte einen theatralischen Vortrag hören, niemand möchte eine Art Schauspiel vor Augen geführt bekommen, und der Altarraum ist alles andere als eine Bühne. Daher ist es die Aufgabe einer Lektorin/eines Lektors, die gestalterischen Mittel auszubalancieren. Es ist ein Stück Professionalität, einen Text so vorzutragen, dass man als Hörer spürt, der Leser „steht dahinter“. Mit der Stimme zu spielen heißt, ich muss als Lektor aus den Buchstaben und Wörtern Bilder entstehen lassen, eine Geschichte in die Köpfe der Hörer zaubern können. Dennoch muss ein Lektor zugleich hinter dem Text zurückstehen, gerade weil es ein Bibeltext und eben Wort Gottes ist und der sakrale Raum ein überdimensioniertes Sprechen verbietet. Die Vielfalt und Verschiedenartigkeit der Texte, die vorzutragen sind, benötigen intensive Übung, um angemessen präsentiert werden zu können.

Mit der Einteilung in Sinneinheiten bietet das Lektionar eine erste Möglichkeit, den Text zu gliedern, Zusammenhänge und bildliche Vorstellungen transparent zu machen. Dennoch muss ich Wörter zum Leben erwecken, ähnlich einem Musiker, der einzelne Töne erst durch sein Spiel zu Wohlklang bringt. Die Noten ebenso wie die Wörter selbst bewirken noch nichts, erst der Klang entwirft ein Bild im Kopf des Hörers und eine Emotion in seinem Innern. Bei bildhaften Texten teilt sich eine Handlung oder Szene oft unmittelbar mit (vgl. pgd 1/2010, S. 2-3), während abstraktere Texte erst einmal distanziert wirken können. Gerade deshalb brauchen sie sorgfältige Vorbereitung und Übung. Über die Gliederung, die das Lektionar anbietet, sehe ich als Lektor/in durch die Einrückung erste Zusammenhänge, und sehe, wo - nicht eingerückt - ein neuer Gedanke, eine neue Handlung eintritt. Dies sind Zeichen für die richtige Phrasierung beim Lesen. Wenn ich mich als Lektor/in von diesen Gedanken selbst ansprechen lasse, entsteht innere Beteiligung und Emotion. Jeder Hörer wird sofort spüren, ob der Text den Lektor selbst betrifft, und wird sich angesprochen und beteiligt fühlen, oder ob im Gegensatz dazu nur Wörter vorgelesen werden.

Anspruch Verkündigung

Wenn immer mehr Laien gefordert sind, die Gemeinde anzusprechen, dann müssen wir bei der Verkündigung mehr Wert auf Qualität legen. Es genügt nicht, einen Text einfach nur zu lesen. Es genügt auch nicht, vor Beginn des Sonntagsgottesdienstes in der Sakristei einen kurzen Blick ins Lektionar zu werfen und den Text zu überfliegen. Es könnte und sollte ein Anspruch jeder Gemeinde sein, Texte zu gestalten, sie farbiger zu lesen und dadurch fassbarer zu machen. Wenn es gelingt, Menschen damit in ihrem eigenen Leben anzusprechen, dann geschieht Verkündigung. Die Ästhetik beim Vortrag zu fördern, ist dabei der entscheidende Weg.

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