Bilder und BotschaftenDen Auszug aus Ägypten (Ex 14,15–15,1) vorlesen

Streitwagen, Reiter, Pharao. Ägypten als kraftstrotzende Macht. Bilder, die sich aufdrängen, verstörend eindrücklich, Bilder, die einen Siegeszug in Aussicht stellen. Aber die Ägypter werden vernichtet, oder gehen buchstäblich unter. Ist das die Botschaft, die wir hören und als Vorleserin oder Vorleser (bzw. als Lektorin oder Lektor) mitteilen?

Wie oft habe ich diesen Text schon gehört oder selbst gelesen, und immer höre ich scheinbar nur Worte, bei denen das Kämpferische im Vordergrund steht. Erst am Schluss höre ich mit dem Lied, das die Israeliten mit Mose singen, etwas Freundliches. Und selbst da scheint mit warf er ins Meer das Vernichten zu dominieren. Nach dem anfänglichen Unbehagen können wir am Ende erleichtert aufatmen. Wie kommt es dazu, und wie kann ich als Vorleser diesen Prozess und die darin enthaltenen Botschaften zum Ausdruck bringen und die Zuhörenden dabei mitnehmen?

Hören als Werkzeug zum Lesen

Das vielleicht wichtigste Werkzeug, sich als Vorleser den Text zu erschließen, ist das aufmerksame und genaue Hören. Das heißt, selbst vorbereitend lesen und sich zuhören. Welche Worte, Begriffe, Fragmente dringen an mein Ohr, bleiben haften, gehen zum inneren Auge und erzeugen Bilder? Das frühe …schrien sie zum Herrn … was schreist du? fällt auf. Offenbar findet ein Dialog statt, und es scheint keine entspannte, sanftmütige Atmosphäre zu herrschen. Dann folgt eine Handlung: Mose streckte seine Hand aus, und infolgedessen treten eindrucksvolle und ungewöhnliche Ereignisse auf: …das Wasser spaltete sich … wie eine Mauer. Nun tritt eine neue „Figur“ auf den Plan: der Engel Gottes, von dem ich noch nicht weiß, ob er bedrohlich wird oder befreiend. Dann sehe ich eine beängstigende Szene: Wolke und Finsternis … Blitze … die ganze Nacht. Um die Zeit der Morgenwache greift der Herr aus der Feuer- und Wolkensäule ein. Die Handlung setzt sich fort: …der Herr brachte es in Verwirrung. Der Herr ist es, der dafür sorgt, was hier geschieht. Die Worte …mit mächtiger Hand … fürchtete den Herrn machen dies deutlich. Es sind nicht die geschriebenen Wörter, die ich vorlese, sondern die Bilder und wie sie auf mich wirken, und die Phantasie, die ich dabei entwickle.

Wenn wir wie bei dieser Textgattung eine Erzählung vor uns haben, ist ein weiteres Werkzeug, sie sich besser zu erschließen, die Frage: Wer ist beteiligt? Mose als zentrale Figur, die Israeliten, der Herr, die Ägypter. Diese bleiben anonym. Von den Israeliten erfahren wir zu Beginn ihre Gemütslage, sie erschrecken und schreien, der Herr beginnt zu sprechen. Am Ende wird noch einmal die Gemütslage der Israeliten beschrieben: Sie sind erleichtert und fürchten den Herrn. Durch dieses aufmerksame Lesen und In-den- Text-Hineinhören habe ich bereits viel von der Stimmung erfahren, die den Text ausmacht.

Schließlich ist als weiteres Werkzeug in einer Erzählung der Handlungsablauf entscheidend. Er macht die Dramaturgie aus und bestimmt maßgeblich die Sprechweise. Der am Anfang zu erwartende Kampf zwischen Ägypten und den Israeliten tritt gar nicht ein. Mose streckt seine Hand über das Meer (VV. 21 und 27). Dann folgen die Geschehnisse wie von selbst, durch den Engel und Gottes Eingreifen. Die Israeliten müssen sich nur dem Herrn und seinen Anweisungen überlassen.

Dramatisches Sprechen

Was wir als Vorleser hier brauchen, ist eine kraftvolle Sprache, die die Kraft und Stärke vermittelt, die sich hier ausdrückt. Sprechtechnisch heißt das, mit tiefer Atmung und gutem Stimmsitz zu sprechen und präzise zu artikulieren, um den Aussagen Intensität zu verleihen und in den Geschehnissen die Dramatik hörbar zu machen. Gott, der eben noch liebevoll und selbstvergessen Himmel und Erde schuf, wird hier zum mächtigen Akteur. Die Frage Was schreist du zu mir? darf mit Vorwurf und ungeduldiger Schärfe hörbar werden, ebenso die folgende Anweisung und du… . Mit der Ankündigung Ich aber… macht er seine Größe fast drohend deutlich. Mose kommt gar nicht zu Wort, es ist auch nicht notwendig, und doch ist, was er da tut, tollkühn, wir müssen als Hörer wie vom Donner gerührt sein, wenn wir davon erfahren, und der ganze Ablauf ist wie in einem Krimi. Nichts ist hier sanft oder zärtlich, und wenn Filmmusik dazu spielen würde, würde sie uns in höchste Spannung versetzen. Auch die gleich zu Beginn geschilderte Verfassung der Israeliten (erschraken sie sehr) sollte sehr deutlich und mit einem gedachten Ausrufezeichen gesprochen werden, damit sich ihre verzweifelte Lage mitteilt.

Der Engel Gottes (V. 19) zeigt sich ebenfalls erhaben und mächtig. Auch hier brauchen wir ein tiefes Einatmen und gutes Stimmvolumen, das die Intensität des Geschehens vor Augen führt. Geben Sie dem Gedanken Die Wolke war da und Finsternis (V. 20) wiederum Schubkraft über die Atmung und machen Sie die düstere Stimmung durch ein gedachtes Ausrufezeichen greifbar. Verstärkt wird dies noch, wenn Sie im nächsten Gedanken den Hauptakzent auf Blitze legen. Die Ägypter setzten ihnen nach (V. 23) darf gehetzt klingen und auch die Fortsetzung darf beschleunigt und atemlos gesprochen werden. Nun darf eine Pause folgen. Der nächste Gedanke, in dem der Herr auf das Lager blickt, strahlt Souveränität aus und verträgt viel mehr Ruhe (V. 24). Die Anweisung des Herrn in V. 26 unterscheidet sich von der zu Beginn: Er spricht ruhiger, sanftmütiger, wohlwollender. Es bahnt sich bereits an, dass der Gipfel der Bedrohung überschritten ist. So können auch die Verse 27 und 28 weicher und melodiöser klingen, weil die Gefahr für die Israeliten vorüber ist. Staunen in der Stimme, indem sie stärker moduliert, kann hörbar werden in Nicht ein einziger von ihnen blieb übrig. Genau so sollte dies in V. 29 sein, mit dem Unterton eines unglaublichen Ereignisses. Die folgende lapidare Feststellung Israel sah die Ägypter tot am Strand liegen sollte dies noch unterstreichen, mit einem inneren Kopfschütteln, das die Ehrfurcht den Zuhörenden von ganz alleine deutlich macht.

Drei Mal findet sich ein ganz entscheidender Ausdruck: auf trockenem Boden (V. 16, 22, 29), zuerst verheißungsvoll, dann überwältigend, dann erleichtert. Ist das der Schlüssel zur Rettung? Für die Israeliten ja. Wie nehmen wir hier die Zuhörenden mit? Wieder spielt, wie in der ersten Lesung Gen 1,1–2,2, das Wasser eine zentrale Rolle. Wenn es zu viel ist, zeigt sich seine zerstörerische und nicht Leben spendende Kraft. Demgegenüber erleben wir auf einmal das trockene Land, auf dem wir leben können. Und die Folge nach der Lesung der Schöpfungsgeschichte voller Zärtlichkeit und Wärme ist auch hier: Der trockene Boden ist es, der beruhigt. Vielleicht berührt da der Text auch unsere Wirklichkeit. Nun, am Ende, nach der Rettung, haben wir als Vorleser Zeit. Vor Ex 15,1 darf, muss es ein Aufatmen geben, und eine Pause, und dann können wir den Gedanken mit viel Ruhe und mit allem, was wir in unserer Stimme an Wärme zur Verfügung haben, sprechen.

Wo wir sonst auf das Bild blicken oder manchmal eines suchen müssen, um zu verstehen, müssen wir hier hinter den Vorhang schauen. Nicht das Bild mit den vernichteten Ägyptern ist die Botschaft, sondern die Unterstützung, die die Israeliten erlebt haben. Dies gibt auch mir Sicherheit, dass wir uns der Hand Gottes anvertrauen können. Hier, wo ich begreife, dass ich selbst nicht so viel tun muss, sondern vertrauen darf.

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