In Bildern verkündigenWie Lektoren zu einem sinnerfüllten Vortrag kommen

„Erst wenn ich einen Text wirklich verstanden habe, kann ich ihn auch gut vortragen." Darauf, wie sie angemessen und gut lesen, würden viele Lektoren so antworten. Im gleichen Atemzug werden noch weitere Kriterien genannt, etwa: richtig betonen, laut und deutlich sprechen, sorgfältig lesen, mit Würde vortragen, die richtige Einstellung.

Was spricht mich an?

Neben dieser zweifellos unerlässlichen Auseinandersetzung können wir uns einen Text auch noch anders erschließen. Lesen Sie sich den Text zuerst leise, dann einmal laut vor. Laut lesen deshalb, weil durch das Artikulieren und das Umsetzen in motorische Aktivität die Worte fassbarer werden. Darüber hinaus hören Sie sich selbst sprechen, und erfahren etwas vom Text durch den Klang des Gesprochenen. Legen Sie den Text dann beiseite und überlegen Sie: Welches Wort daraus ist Ihnen spontan im Kopf geblieben? Welcher Begriff spricht Sie besonders an? Dabei kommt es nicht darauf an, dass es ein besonders wirkungsstarkes Wort ist oder ein Wort mit besonderer Tragweite, etwa das zentrale Thema des Textes. Betrachten wir als Beispiel die zweite Lesung vom Fest der Heiligen Familie (1 Joh 3, 1-2, 21-24). Es kann ein beliebiges Wort sein, vielleicht Kinder, Herz, Gebote, vielleicht aber auch Zuversicht, oder offenbar, ebenso vielleicht ein Verb wie bitten oder empfangen.

Wahrscheinlich wird es bei einem weiteren Lesedurchgang ein anderes Wort sein, oder auch zwei bis drei Wörter oder Ausdrücke. Nahe liegend ist beispielsweise Kinder Gottes, das ist sein Gebot, der bleibt in Gott. Einem anderen Leser wird ein anderer Begriff als erstes ins Auge fallen.

Diese Vorgehensweise klingt sehr einfach. Es geht gerade nicht darum, einen Text exegetisch zu ergründen. Außerdem ist sie sehr subjektiv. Dadurch, dass ich mir ein Wort vergegenwärtige, wird es für mich greifbar. Ich verknüpfe es mit einem Inhalt und Sinn. Mit diesem Sinnkern mache ich einen Gedanken präsent und konkret. Was verknüpfe ich mit dem Wort Kinder, oder dem Wort Herz, beide emotional besetzt? Oft sind es auch mehrere Wörter, die nachklingen, und wahrscheinlich verknüpfen sie sich zu einem Bild. Welches Bild habe ich mit dem Ausdruck Kinder Gottes vor Augen? Wir müssen nicht sofort den ganzen Textzusammenhang verstanden und behalten haben. Es kann sogar hilfreich sein, den Kontext zunächst auszuklammern. Trotzdem weist dieser Weg in eine entscheidende Richtung: Über bestimmte Wörter fühle ich mich angesprochen. Und wo ich mich angesprochen fühle, hat der Text etwas mit mir zu tun. Als Kind Gottes fühle ich mich gut aufgehoben, es steht für den Inbegriff von Geborgenheit. Ein Begriff, den ich bewusst gehört und wahrgenommen habe, spricht mich an und rührt etwas in meinem Inneren an. Von da aus geht der Impuls zum Hörer im Gottesdienst.

Versetzen wir uns in die Perspektive des Gottesdienstbesuchers. Er hört Wörter und Sätze, die sich zu einer bildlichen Vorstellung formen. Die Bilder sind immer an Wörter geknüpft. Damit sich die Bildentwürfe entwickeln können, braucht der Hörer aber jemanden, der ihm diese vor Augen führt. Daraus entwickelt sich für den Hörer der gesamte Textzusammenhang, die „Geschichte".

Bilder vermitteln die Botschaft

Aber interpretiere ich als Lektor dann nicht zu viel? Soll ich den Text nicht so neutral wie möglich lesen? Und bekommt der Gottesdienstbesucher nicht auch etwas von mir persönlich mit, von dem, was ich verstanden habe, und was mich anrührt? Letzteres will ich vielleicht lieber für mich behalten.

Diese Gefühle und Befürchtungen sind berechtigt, aber unbegründet. Im Gegenteil: Nur was mich anspricht, kann Schwingungen auslösen. Wo Schwingungen entstehen, wird Resonanz erzeugt. Vielleicht hört jemand aufgrund meiner Ausdruckskraft zum ersten Mal bewusst ein bestimmtes Wort, und genau dann werden Bilder und Assoziationen bei ihm ausgelöst. Diese haben dann mit der Person zu tun, die sie hört, denn so kann sie das Gehörte für das eigene Leben einordnen und nachempfinden. Dies erzeugt oft eine Reaktion von großer geistiger Bewusstheit und Präsenz. Beispielsweise der sehr konkrete Gedanke: „Denn wir werden ihn sehen, wie er ist." Das bewusste Nachvollziehen dieser Vorstellung macht die Tragweite des Gedankens greifbarer als vorher. Auch ein Bild, das Ungewissheit ausdrückt, wie etwa: „Was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden" führt uns die Tiefe des Gedankens deutlich vor Augen. Je mehr Sie als Lektor darin geübt sind, sich den Text bildhaft zu erschließen, umso mehr können Sie den Text „abrunden", zu einem Ganzen machen: Was ist die Quintessenz, worauf läuft der Text hinaus? Angeknüpft an den Anfang des Textes: „Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat …" mündet die Botschaft in ein konkretes Bild, das uns die Lesung begreifen und für den Hörer begreifbar werden lässt: „Dass er in uns bleibt, erkennen wir an dem Geist, den er uns gegeben hat."

In Bildern den Sinnkern erfassen

Die Erfahrung in der Arbeit mit Lektoren zeigt, dass es oft schwierig ist, aus einem Gedanken das Wort herauszufiltern, das betont werden muss. Die Frage nach dem Wort, das am wichtigsten ist, führt hier selten zum Erfolg, denn das richtig Gedachte lässt sich nicht motorisch durch das Sprechen umsetzen. Erst wenn wir als Lektor einen Sinnkern entdecken, aus dem sich der Gedanken entwickelt, können wir die Einteilung in Sinneinheiten erfassen. Diese Sinneinheiten können wir mitteilen, nämlich als Bilder. Die richtige Betonung entwickelt sich dann fast nebenbei. Im letzten Satz des Beispieltextes wäre es der „…GEIST, den er uns gegeben hat", im ersten Satz entsprechend „wie groß die LIEBE ist". Je präsenter ich mir selbst beim Lesen das Bild vor Augen führe, das die Sinneinheit beschreibt, desto leichter gelingt die richtige Betonung. Dann ist sie nicht ein Produkt des abstrakten Denkens, sondern der bildlichen Vorstellung, der Idee, was hier geschieht.

Nun ist jedem Lektor bekannt, dass sich nicht jede Lesung bildhaft oder sofort als Ganzes schlüssig präsentiert. Mit dem Impuls über Wörter, Begriffe und den Bildern, die ich selbst damit verknüpfe, stehen mir aber Werkzeuge zur Verfügung, viele Texte über weite Strecken begreifbar zu machen, für mich selbst und für den Hörer.

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