Con anima - mit Seele lesenKommunikation und Kontakt beim Vorlesen

Jemand, der im Radio spricht, hat keinen einzigen Hörer sichtbar vor Augen. Und doch ist es wünschenswert, dass ihm viele Menschen zuhören. Was kann er tun, damit die Zuhörenden „ganz Ohr“ sind? Er muss sie fesseln, sie in seinen Bann ziehen. Auch für einen Lektor ist es von Vorteil, gelegentlich die Perspektive zu wechseln. Was macht mich selbst neugierig? Wann höre ich interessiert, gefesselt zu?

Sprechen ist immer dialogisch, d. h. an ein Gegenüber gerichtet, mit dem ein Austausch stattfindet. Im Alltag Erlebtes zu erzählen ist immer besonders spannend, weil wir das Geschehen noch lebendig vor Augen haben. Wir sind innerlich beteiligt, und das Sprechen erhält eine persönliche Note. Damit wenden wir uns dem anderen zu. Wir können Nähe herstellen. Das Gesagte kann den anderen berühren, in sein Inneres dringen, ja, „unter die Haut gehen“. So entsteht Kontakt. Wenn wir etwas erzählen, legen wir in Gedanken unsere eigene Wahrnehmung in das Sprechen hinein. Das kann ein Unterton der Überraschung, der Freude, der Enttäuschung, der Langeweile und vieles andere sein. Schauspieler nennen dies „Subtext“. Alles, was mitgemeint ist, aber nicht ausdrücklich gesagt wird, drückt sich im Tonfall aus, d. h. in der Modulation, im Tempo und in der Lautstärke, ohne dass wir groß darüber nachdenken müssen. Gleichwohl sollten wir im Kirchenraum nicht „drauf los erzählen“. Zunächst müssen wir uns für die Botschaft des Textes interessieren.

Die Stimmung transportieren

In der ersten Lesung der Christmette hören wir: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht. Über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“ (Jes 9, 1) Mit diesen Gedanken muss es gelingen, die Neugier der Hörer zu wecken - vergleichbar dem Lumen Christi zu Beginn der Osternacht. Im Erscheinen des Lichts kann sich Überraschung ausdrücken und weiter Neugier darauf, was durch dieses Licht geschehen mag. Diese Eindrücke sollen sich auch den Zuhörenden mitteilen. Wenn wir mit Konzentration und Präsenz lesen, nehmen auch die Hörer das Bild und die damit verbundene Verheißung eines „Vaters in Ewigkeit“ wahr. Die weitere Ankündigung eines Friedensfürsten und des leidenschaftlichen Eifers des Herrn (V. 5-6) schafft eine positive, feierliche Stimmung. Diese Feierlichkeit soll transportiert werden.

Wenn wir uns als Leser zu sehr zurücknehmen, entsteht keine Kommunikation und kein Kontakt. In dem Ausdruck communicare est participare wird deutlich: miteinander sprechen heißt teilhaben. Wir müssen die Zuhörenden anrühren mit unserer Stimme und dürfen das, was uns anspricht, nicht verbergen. Die eigene Aufmerksamkeit wird deutlich in einer Haltung der Ansprache: „Hör’ mal, pass’ mal auf“. Fehlt dieses Interesse am Mitteilen, hat der Text weder mit uns selbst noch mit den Hörern etwas zu tun.

Wer sich beim Lesen in den Text versenken, sich selbst vergessen kann, kann erleben, dass es spielerisch wird, von alleine geht. Es entwickelt sich Freude am Tun. Wenn ein Musikstück „mit Seele“ gespielt wird, nennen wir dies con anima. Lesen Sie einen Text con anima. Dann ist er beseelt, der Szene wird Leben eingehaucht, und die Hörer werden davon berührt.

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