Atempausen als KraftquelleAtmung und Pausen als Gestaltungsmittel

Wenn wir sprechen, transportiert der Atem unsere Worte. Je nachdem, wie viel Atemluft wir zur Verfügung haben, können wir einen kürzeren oder einen längeren Satz, weniger oder mehr Wörter sprechen. Wenn wir lange Sätze sprechen wollen, ohne kurzatmig zu werden, müssen wir unseren Atem dosieren. Dies geschieht keineswegs beliebig. Nur richtig gesetzte Atempausen schaffen eine Phrasierung, die den Text für den Hörer verständlich macht. Die Qualität eines Vortrags hängt in hohem Maße von der Atemführung ab, mit der ein Text gesprochen wird. Ein Gedanke repräsentiert meist eine bildliche Vorstellung und entspricht einer Phrase. Damit sie vollständig ist und verstanden wird, muss sie gesprochen werden, ohne abzusetzen. Danach dürfen und sollen wir Atem holen.

Die Erfahrung zeigt, dass Lektor/innen sich hier gerne unterfordern und einen Gedanken durch Atempausen unterbrechen. „Ihr werdet in das Land, das der Herr, der Gott eurer Väter, euch gibt, hineinziehen und es in Besitz nehmen“ (Dtn 4,1) Diese bildliche Vorstellung muss als ein Ganzes gelesen und präsentiert werden. Daher muss auch davor ausreichend eingeatmet werden.

„Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.“ (Eph 1,17) Sinnvoll ist hier ein kurzes Atemholen nach „Herrn“ oder nach „Herrlichkeit“, aber nur, wenn es notwendig ist. Keinesfalls sollte in der Anweisung („… gebe euch…“) geatmet werden, und genauso wenig vor der Begründung („… damit ihr ihn erkennt.“). Wenn wir hier absetzen, entsteht eine Lücke und der Gedanke „reißt ab“, und damit auch die Verbindung zum Hörer. Ein Bild wird nicht klarer, wenn es dem Hörer wie ein Puzzle präsentiert wird, das er selbst zusammensetzen muss.

Schöpferische Pausen

Atempausen haben aber auch noch eine andere Funktion: Atmen ist regenerativ und reguliert die Spannung, mit der wir sprechen. Ein tiefes Einatmen verleiht mir Kraft für die folgende Phrase und garantiert deren Intensität. Einen Gedanken mit ausreichend Kraft und Volumen bis zum Ende zu sprechen macht die Stimme tragfähig und gibt der Sprache die notwendige Stütze. Mit der folgenden Pause entsteht ein „Abspannen“, d.h. die Sprechmuskulatur entspannt sich und erhält wieder ihre elastische Ausgangslage. Dadurch holen wir automatisch vertieft Luft und erlangen wiederum Kraft und Stimmvolumen für die nächste Phrase. Es ist daher notwendig, sich zum Atmen Zeit zu lassen. Die Pause erhält damit etwas Regeneratives und Schöpferisches. „Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt“ (Apg 2,6). Diese Bestürzung muss ich als Hörer sehen und fühlen. Die unmittelbar folgende schöpferische Pause ermöglicht diese Wirkung. Das Geschehen setzt sich mit der gleichen Intensität fort: „Denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen“ (Apg 2,7). Diese Phrasen sind kurz, und doch brauchen sie Raum, den sie über die Atemspannung bekommen.

Fazit: Die Bilder in den Texten brauchen Pausen, damit sie bei den Zuhörer/innen ihre volle Wirkung entfalten können.

Atmung und Pausen nutzen

Damit Pausen an der richtigen Stelle gesetzt werden, müssen Lektoren ihren Text vorbereiten. Ein erstes Lesen dient dazu, sich mit dem Inhalt vertraut zu machen. In einem weiteren Lesedurchgang werden innere Zusammenhänge erfasst. Atem holen setzt voraus, dass der Leser den Text optisch erfasst und einen Gedanken oder eine Phrase überblicken kann. Schließlich gibt auch der Satzbau Hinweise auf die Phrasierung: Je enger die Beziehung zwischen Wörtern ist, desto störanfälliger ist sie.

Was bedeutet das? Ein einfaches Beispiel wie: „Ich bin das lebendige Brot“ macht deutlich: „das“ verweist auf das Hauptwort, das Adjektiv „lebendig“ beschreibt das Brot näher. Niemand würde zwischen diesen Wörtern eine Pause machen. Auch die Wörter „ich bin …“ bilden eine enge Beziehung untereinander ab und sollten nicht durch eine kurze Pause getrennt werden, um ein vermeintlich wichtiges Wort hervorzuheben. Pausen haben also eine Funktion: Sie geben einem Gedanken Raum. Einem Musikstück, bei dem der letzte Ton im Raum klingt, folgt ein spannungsgeladener Moment bis zum Applaus. Jeder wird bestätigen, dass eine solche Pause kein Vakuum ist; eine Zeitspanne, in der einfach „nichts“ geschieht. Demnach muss der letzte Satz einer Lesung immer „im Raum stehen“ und verklingen, bevor mit dem „Wort des lebendigen Gottes“ und dem Impulsruf der Gemeinde der Rahmen der Lesung geschlossen wird. Pausen sitzen nur dann richtig, wenn sie dem Fluss des Textes Rechnung tragen.

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