"Ab und zu hochschauen!?"Blickkontakt bei der Lesung

Wer die Zuhörenden im Gottesdienst anspricht, nimmt in der Regel Blickkontakt auf. Weil eine Lesung nicht die Worte des Lektors oder der Lektorin sind, beschränkt sich der Blick auf den Beginn und das Ende. So weit, so richtig. Was in bester Absicht gemeint ist, erscheint im Ergebnis oft als zufällig. Viele Lektoren blicken bereits bei den Worten „Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an …“ mindestens zwei- bis dreimal auf. Ein wirklicher Blickkontakt ist das nicht.

Was bedeutet Blickkontakt, wie kann ich ihn herstellen und worin liegt der Nutzen? Kulturübergreifend signalisiert der Blick Interesse am Gegenüber, Gesprächsbereitschaft und Aufmerksamkeit. Wenn die Blicke einander begegnen, entsteht Kontakt. Auch bei der Lesung geht es beim Blickkontakt ganz entscheidend um Kommunikation. Um den Willen, eine Botschaft mitzuteilen, auch wenn Sie diese als Lektor nicht selbst verfasst haben.

Um mit einer Person in Kontakt zu treten, schauen wir diese auch an. Wir teilen etwas mit, womit der andere in Resonanz gehen kann. Das Sprechen wird hierdurch verbindlich. Binden Sie den Hörer durch den Blick, dann wird er Ihnen gerne und aufmerksam folgen. Ein „Schwestern und Brüder!“ zu Beginn ist dazu bestens geeignet, vor allem, wenn Sie den Blickkontakt über diese drei Wörter aufrechterhalten. Da kann der Blick bei einer langen Einleitung wie der eines Paulusbriefes sogar wegfallen. Leicht und für den Blick gewissermaßen günstig sind etwa „Lesung aus dem Buch Exodus“, „…Jesaja“, „… der Apostelgeschichte“ etc. Durch einen angemessenen Blick ist es dann gar nicht mehr notwendig, während der Lesung in die Gemeinde zu schauen.

Mit dem Blick ansprechen

Wenn dies dennoch praktiziert wird, dauert der Blick meist nur einen Sekundenbruchteil. Geschieht dies häufiger, entsteht ein regelrechtes „Rauf-und-Runter“, und schafft eine unruhige Wirkung. Damit aus dem Blick ein wirklicher Kontakt entstehen kann, muss er länger sein! Wir müssen dafür nicht unbedingt im Text eine Pause machen, sondern vielmehr einen ganzen Gedanken mitteilen. Überprüfen Sie einmal Ihre Gewohnheit. Der Ansatz ist gut, aber beim zweiten Wort geht der Blick dann doch wieder ins Buch. Für eine ansprechende und verbindliche Wirkung muss der Lektor ein Stück auswendig sprechen. Aber nicht, indem er die Worte leer vor sich hin sagt, sondern indem er die Zuhörenden in den Blick nimmt, die Begegnung der Blicke riskiert und den Gedanken bewusst mitteilt.

Aus der Erfahrung in der Arbeit mit Lektoren weiß ich, dass dies längst nicht so selbstverständlich gelingt, wie es scheint. Beim Lesen der nicht immer leicht von der Zunge gehenden Texte besteht die Gefahr, die Zeile zu verlieren und sich zu verhaspeln. Es erfordert Übung, sich einige Wörter einzuprägen und mit Blick zu sprechen. Geeignete Textstellen dafür auszuwählen, erfordert zudem Vorbereitung.

Die einfachere - und meist ruhigere - Variante ist es deshalb, sich beim Blick in die Gemeinde auf Beginn und Ende der Lesung zu beschränken. Wenn der Ruf „Wort des lebendigen Gottes“ von einem Blick begleitet und unterstützt wird, ist die Botschaft verbindlich. Mit einem ansprechenden Blick zu Beginn und am Ende geben Sie der Lesung einen sehr würdevollen Rahmen.

Blickkontakt: Die richtige Dosierung

Wie sich bei der Lesung der Blickkontakt gestaltet, lässt sich immer wieder bei Gottesdienstübertragungen im Fernsehen beobachten. Viele Lektoren und die Regie meinen es gut damit, ab und zu hochzuschauen.

Als Fernsehzuschauer ist es wichtig, wenn ein Sprecher uns anschaut, also in die Kamera blickt. Zudem steht bei einer Nahaufnahme der Lektor mit seinem Gesicht mehr im Fokus und ist damit präsenter als bei weiter Entfernung im großen Kirchenraum. Was lehrt uns das als Lektor? Für den Blickkontakt ist die richtige Dosierung entscheidend. Sprechen Sie die Einleitung „Lesung aus…“ als Ankündigung und Botschaft mit Blick zur Gemeinde. Halten Sie dabei den Blick, sonst wirkt es unruhig. Sprechen Sie alternativ die ersten Worte des Lesungstextes, oder bei einem Paulusbrief „Schwestern und Brüder!“ mit ansprechendem Blick. So können auch Fernsehzuschauer aufmerksam werden und sich auf den Text einlassen. Richten Sie danach den Blick nicht beliebig nach außen. Ein Blick nach prinzipiell drei, vier Zeilen kann ablenken und dem Sinn des Textes zuwiderlaufen. Wählen Sie zwei, höchstens drei Sinnabschnitte aus, die überschaubar sind und die Sie gut frei sprechen können. Teilen Sie einen Gedanken bewusst mit, dann wirkt er stärker. Wenn Sie in Ruhe aufblicken und den Blick wieder senken, wird Ihre Botschaft den Hörer erreichen. Selbstverständlich sollte der Blick bei „Wort des lebendigen Gottes“ sein. Um hier eine gute Gesamtwirkung zu erzielen, braucht es Mut, Auseinandersetzung mit dem Text, frühzeitige Vorbereitung und intensive Übung.

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