Anamnese

Anamnese (griech. anámnēsis = Erinnerung, Vergegenwärtigung) ist ein zentraler Begriff der Liturgiewissenschaft und Theologie. In der Liturgie bedeutet Erinnerung mehr als bloßes Zurückdenken an vergangene Ereignisse. Gemeint ist das gläubige Gedächtnis, in dem die Heilstaten Gottes für die Feiernden wirksam gegenwärtig werden. Wenn die Kirche Gottes Handeln verkündet und feiert, bleibt das Heilsgeschehen nicht nur Vergangenheit, sondern wird im Heute der Feier erfahrbar. Das Zweite Vatikanische Konzil beschreibt die Liturgie deshalb als Vollzug des Werkes der Erlösung und als Feier, in der Christus selbst gegenwärtig handelt (vgl. SC 2; 7).

Dieses Verständnis wurzelt bereits in der Bibel, besonders im jüdischen Pascha. Die Befreiung aus Ägypten wird nicht nur erzählt, sondern als Gedächtnisfeier begangen: „Diesen Tag sollt ihr als Gedenktag begehen“ (Ex 12,14). Jede Generation soll sich selbst als in das Heilshandeln Gottes hineingenommen verstehen (vgl. Dtn 6,20–25). Daran knüpft das christliche Verständnis der Eucharistie an. Beim Letzten Abendmahl spricht Jesus über Brot und Kelch: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19; 1 Kor 11,24–25). Tod, Auferstehung und Verherrlichung Christi sind einmalige geschichtliche Ereignisse, werden aber im Gottesdienst sakramental gegenwärtig gesetzt.

Im engeren liturgischen Sinn bezeichnet Anamnese einen Teil des Eucharistischen Hochgebets. Nach den Einsetzungsworten und dem Ruf der Gemeinde folgt das Gedächtnis des Heilswerkes Christi. Die Kirche verkündet dabei Tod, Auferstehung und Wiederkunft des Herrn und bringt das Opfer des Lobes dar. Die anamnetische Akklamation der Gemeinde – etwa „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit“ – nimmt Motive des Neuen Testaments auf (vgl. 1 Kor 11,26). So verbindet die Anamnese Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im einen österlichen Geheimnis Christi.

Manuel Uder, Trier

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