"Bei uns sind alle willkommen"Inklusion

Im Hort der Berliner Fläming-Schule ist Inklusion schon lange selbstverständlich – auch dank entsprechender Ausstattung. Besuch in einem Vorreiterprojekt.

Bei uns sind alle willkommen
© Sven Kästner, Berlin

Langsam steigt der Lärmpegel in der Ganztagsbetreuung der Fläming-Grundschule im Berliner Stadtteil Friedenau. Die ersten Kinder kommen nach dem Unterricht zum Essen. „Hast du deine Medizin schon genommen?“, fragt ein Junge aus der 2c das Mädchen neben sich am Tisch. Es ist Diabetikerin, deshalb achten alle Mitschüler darauf, ob es vor den Mahlzeiten sein Insulin in eine kleine Pumpe vor dem Bauch füllt. „Wir gehen mit solchen Dingen ganz offen um“, erklärt Leeroy Herrmann, einer der Erzieher in der Gruppe.
In der Einrichtung wird auf die Besonderheiten jedes einzelnen Kindes geachtet, ohne dabei dem jeweiligen Kind eine Sonderstellung einzuräumen. Kinder im Rollstuhl sitzen in der Mensa neben Kindern ohne körperliche Auffälligkeiten. Blinde oder taube Schüler fallen im Gewusel auf den ersten Blick ebenso wenig auf wie Hochbegabte. Auch Flüchtlingskinder sind nicht ohne Weiteres von den einheimischen Schülern mit Migrationshintergrund zu unterscheiden. Die Kinder der Ganztagseinrichtung haben vier Etagen eines früheren Sparkassengebäudes zur Verfügung, um sich barrierefrei austoben zu können. Behinderten steht ein Fahrstuhl zur Verfügung.
Die Fläming-Schule direkt nebenan war 1975 die erste öffentliche Grundschule in Deutschland, die überhaupt Behinderte aufnahm. Seit zwölf Jahren betreut der Träger „Nachbarschaftsheim Schöneberg“ deren Schüler an den Nachmittagen. „Wir übernehmen die Kinder nach dem Unterricht, und uns sind alle herzlich willkommen“, beschreibt Leiterin Birgit Hampe den Anspruch. Längst haben die Mitarbeiter das Integrationskonzept aus der Anfangszeit in Richtung Inklusion weiterentwickelt. Alle 46 Kinder mit körperlichen Behinderungen oder psychischen Auffälligkeiten sind in die regulären Gruppen integriert, deren Aufteilung orientiert sich an den Klassen.
Deshalb ist es für die zwei Mädchen aus der 3a auch ganz selbstverständlich, dass ihr Mitschüler, der mit einer spastischen Lähmung auf den Rollstuhl angewiesen ist, beim Basteln zwischen ihnen sitzt. Zwar ist der Junge motorisch nicht in der Lage, mit Schere und Papier umzugehen. Aber seine Mitschülerinnen sprechen ihn immer wieder an, drücken ihm Bastelmaterial in die Hand und albern mit ihm herum. Der Junge im Rollstuhl reagiert mit fröhlichen Gesten und leuchtenden Augen. Auf diese Weise bringt er zusätzlich Freude in die Runde.

AUCH EINIGE ERZIEHER SIND BEHINDERT

Erzieher Ben Lange muss nicht eingreifen und widmet sich stattdessen einem psychisch-sozial auffälligen Jungen, der gerade allein auf einem Stuhl sitzt. Das Kind soll sich beruhigen, nachdem es in einer Nachbargruppe ständig gegen die Regeln verstoßen und damit ein gemeinsames Spiel gestört hat. Lange redet deshalb in ruhigem, aber entschlossenem Ton auf den Heranwachsenden ein, erklärt ihm zum wiederholten Mal die Ordnungsprinzipien und fordert ihn auf, sich daran zu halten.
Dass der muskulöse Mann mit dem markanten Tattoo am Hals während seiner Interventionen niemandem in die Augen schaut, daran haben sich alle Kinder hier längst gewöhnt. Auch das liegt am inklusiven Konzept, das nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Mitarbeiter gilt. Erzieher Lange ist sehbehindert und kann die einzelnen Kinder im Raum deshalb nur schemenhaft erkennen. Er orientiert sich an Licht und Schatten sowie an den Geräuschen im Raum.
„Ich habe den Kindern erst erklären müssen, dass ich schlecht sehen kann“, erinnert sich Lange an die erste Zeit mit seiner Gruppe. Die Mädchen und Jungen hatten natürlich einige Fragen dazu, aber alle lernten mit dieser Verschiedenheit umzugehen. Der Erzieher vereinbarte mit jedem der Schüler ein persönliches Begrüßungsritual. Daran erkennt Lange sofort, wer gerade in den Raum kommt. „Ich kann den Kindern für sollte“, sagt er.
Lange ist nicht der einzige Mitarbeiter im Hort, der selbst behindert ist. „Wir haben eine blinde Kollegin, die steht hier ihre Frau und ist eine vollwertige Erzieherin wie alle anderen“, sagt Leiterin Birgit Hampe. „Oder eine gehörlose Mitarbeiterin, von der die Kinder erfahren, wie man sich auch anders als mit Worten verständigen kann.“ Außerdem gibt es eine Fachkraft im Rollstuhl und eine kleinwüchsige Kollegin (siehe Kasten unten).

HOHER PERSONALSCHLÜSSEL

Wegen ihres besonderen Konzepts verfügt die Ganztagsbetreuung über einen besonders hohen Personalschlüssel: Während in Berlin regulär auf einen Mitarbeiter 23 Kinder kommen, kümmern sich hier 45 Erzieherinnen und Erzieher um die 419 Kinder. Für jede Gruppe stehen deshalb zwei Fachkräfte zur Verfügung. Dazu kommen oft noch Praktikanten. Inklusion erfordert viel bürokratischen Aufwand, um den sich im Haus Verena Wehle kümmert. Die Erzieherin mit Heilpädagogik-Ausbildung hilft Eltern dabei, sich im Paragrafendschungel der Sozialgesetzgebung zu zurechtfinden. Denn bisher ist gesetzlich geregelt, dass Eltern die Einzelfallbetreuung und Eingliederungshilfen für ihre Kinder bei den Ämtern beantragen müssen. Erst damit wird die zusätzliche Personalausstattung der Schule gesichert. „Wir müssen viel schreiben und die Eltern müssen einige Behördengänge erledigen“, berichtet Wehle. Ein Riesenprozedere, das die Kollegen hier als veraltet bewerten. „Wenn alle Einrichtungen inklusiv arbeiten sollen, dann müsste eine Ausstattung wie bei uns eigentlich normal sein“, sagt Wehle. Ein Erwachsener allein könne nicht 23 Kindern mit allen ihren Besonderheiten gerecht werden.
Gerade Kinder mit emotionalen oder psychischen Auffälligkeiten brauchen zuweilen mehr Zuwendung als körperlich behinderte. „Da hat der ein oder andere Mitarbeiter an manchen Tagen auch mal das Gefühl, dem nicht ganz gerecht werden zu können“, räumt Leiterin Birgit Hampe ein. Die Pädagogen lassen allen Kindern hier viel Freiraum für Selbstbestimmung. Das soll dazu beitragen, dass sich niemand benachteiligt fühlt.
Dass bei der inklusiven Arbeit die eigene Haltung eine große Rolle spielt, ist in Berlin-Friedenau zu spüren. Für Hampe und ihr Team ist die Einbindung aller eine Herzensangelegenheit. „Alle Menschen müssen dahin kommen, dass Behinderung etwas gibt es hier kaum besondere Angebote speziell für behinderte Kinder. Alle Schüler haben ab nachmittags um drei Uhr die Wahl zwischen vielen unterschiedlichen Angeboten: Einmal wöchentlich probt eine Zirkus-AG, es gibt einen Töpferkurs, Sprachförderung oder einen Kurs für kleine Forscher. Auch ein Bewegungsangebot und eine Theater-AG stehen allen offen. Die einzige Ausnahme ist der Rolli-Treff. „Dort können Rollstuhlfahrer auch mal mit ihrer Besonderheit unter sich sein“, sagt Hampe. Hier setzen die Erzieher ebenfalls auf viel Selbstständigkeit. „Auch die Kinder im Rollstuhl wollen nicht immer von Erwachsenen begleitet werden.“
Dieser selbstverständliche Umgang mit allen Besonderheiten soll auch den Schülern vermittelt werden. „Wenn die Pflege der Behinderten zur Pflicht wird und Kinder zum Beispiel jeden Tag einen Rollstuhlfahrer auf dem Schulhof hin und her fahren müssen, dann vermittelt man einen schlechten Bezug zur Behinderung“, beschreibt Hampe ihren Ansatz. „Dann achtet auch niemand mehr darauf, was das Kind im Rollstuhl in die Gemeinschaft einbringen kann.“ Deutlich wird hier: Inklusion bedeutet für alle Beteiligten nicht nur Förderung, sondern es wird auch gefordert. Das ist hier ebenfalls Teil der Sozialerziehung.
Deshalb haben sich die Pädagogen im Ganztag ganz bewusst vom Umgang der Lehrer nebenan mit den Flüchtlingskindern emanzipiert. Die werden in der Schule getrennt von den Einheimischen in sogenannten Willkommensklassen betreut. „Zu unserem inklusiven Ansatz passt das aber nicht“, sagt Hampe. Deshalb haben die Erzieherinnen und Erzieher die Neuankömmlinge je nach Altersstufe auf die verschiedenen Gruppen aufgeteilt. Das bereitet durchaus Probleme, da die Willkommensklassen vom Vormittag die eigentlichen Bezugsgruppen für die Kinder sind und sie die anderen Schüler teils nicht kennen. „Aber Isolation entspricht nicht unserer Arbeitsweise“, bekräftigt die Ganztags-Leiterin.

Sven Kästner ist Redakteur von klasseKinder!.

Steckbrief

Schulform: Die Fläming-Grundschule ist eine offene Ganztagsschule. Rund 600 Kinder besuchen die Klassen 1 bis 6.

Ganztag: Seit 2005 besteht eine Kooperation mit dem gemeinnützigen Hortträger Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. Das Hortgebäude befindet sich unmittelbar neben der Schule. 419 Kinder verbringen hier ihren Nachmittag. Sie essen in Gruppen Mittag, können frei spielen und aus einer großen Palette an Arbeitsgemeinschaften auswählen. Die Mitarbeiter betreuen die Schüler außerdem bei den Hausaufgaben.

Ausstattung: Schule und Hort sind barrierefrei. Im Hort wird eine Gruppe von etwa 23 Kindern von zwei Fachkräften betreut, was deutlich über dem normalen Berliner Personalschlüssel liegt. Insgesamt arbeiten 45 Erzieherinnen und Erzieher in der Nachmittagsbetreuung. Der Hort unterstützt die Eltern auch bei Behördengängen, die für die Bewilligung der Einzelfallhilfen nötig sind.

www.ganztag-flaeming.nbhs.de

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