Alle unter einem DachReligiöse Hintergründe

Christentum, Judentum, Islam – die religiösen Hintergründe von Grundschülern sind vielfältig. Wer die Unterschiede benennt, kann auch Gemeinsamkeiten entdecken.

Alle unter einem Dach
© Malvezzi Kuehn und Davide Abbonacci

Was sind Christen, was sind Juden, was sind Muslime? Da fängt es schon an, kompliziert zu werden. Jede Religion für sich ist bereits ein weites Feld. Bei den Muslimen gibt es die Sunniten und die Schiiten, bei den Christen die Protestanten, die Katholiken, die Orthodoxen und so weiter. Bei den Juden kann ich gar nicht aufzählen, wie viele verschiedene Traditionen es zwischen liberal und orthodox gibt. Was aber allen drei großen Religionen innewohnt, sind der Respekt vor den Mitmenschen und die Nächstenliebe. Im Islam sagt der Prophet sinngemäß: Ihr werdet das Paradies nicht erreichen, solange ihr nicht wahrhaft gläubig seid. Und wenn ihr euch nicht untereinander liebt, seid ihr nicht wahrhaft gläubig. Juden und Christen kennen das aus der Bibel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ein weiteres verbindendes Prinzip ist die Bewahrung der Schöpfung, mit anderen Worten: der Umweltschutz. Auch das ist ein Grundpfeiler aller drei Weltreligionen.

ES FEHLT AN KENNTNISSEN

Dass man Andersgläubige akzeptiert, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Für den Respekt und die Offenheit anderen Religionen gegenüber braucht es aber zunächst Wissen über die eigene Kultur. Leider fehlt das bei vielen Kindern und auch Erwachsenen. Nicht nur die Religions- und Ethiklehrer haben deshalb meiner Meinung nach die Aufgabe, den Kindern die Vielfalt näherzubringen. Alle pädagogischen Fachkräfte in der Grundschule sollten ein gewisses multireligiöses Basiswissen haben. Das müssen keine tiefgehenden theologischen Kenntnisse sein. Es geht eher um Allgemeinbildung. Und um den Gedanken, dass wir nicht allein auf dieser Welt sind, sondern dass es auch andere Lebensweisen und Traditionen gibt. Ich wünsche mir eine neugierige Grundhaltung. Wir sollten den Kindern schon früh vermitteln, dass es spannend ist, andere Religionen kennenzulernen. Und dass es dabei nicht um falsch oder richtig geht. Was viele Menschen nicht wissen: Die abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum, Islam – kommen alle aus der gleichen Wurzel. Abraham, der Vater, hatte mehrere Kinder. Aus Ismael ist die muslimische Linie hervorgegangen, aus Isaak die jüdische und später die christliche Linie. Und beiden Söhnen wurde ein großes Volk prophezeit. Wenn man weit genug zurückgeht, sieht man, dass sich die drei Religionen auf dieselben Ereignisse beziehen. Zum Beispiel die Geschichte von Abraham, der seinen Sohn opfern soll. Im Islam ist das Opferfest der höchste Feiertag. In der jüdischen Tradition wird die Erzählung als „akedah“ (Bindung) bezeichnet, denn der Sohn wird nicht geopfert. In der christlichen Lehre leitet sich daraus der Gedanke der Opferung Jesu durch Gott im Kreuzestod ab, der für die Menschen die wirkliche und endgültige Hinwegnahme der Sünde bedeutet.
Wenn ich mit Kindern oder Erwachsenen spreche, betone ich trotzdem zunächst die Unterschiede. Ich denke nicht wie eine Muslimin und ich bin keine Christin. Jesus wurde zwar als Jude geboren, aber dann ist eine neue Religion entstanden. Das mache ich bewusst. Denn wenn man das Trennende unter den Tisch fallen lässt oder versucht, es kleinzureden, läuft man schnell Gefahr, dass das Gegenüber sich innerlich abwendet. Die Angst vor Identitätsverlust spielt dabei eine große Rolle. Deshalb erkläre ich lieber, wie ich bin, was ich glaube, was meine Religion ausmacht. Und dann stelle ich Fragen: Wie ist das bei dir? Was glaubst du? Welche Bräuche gibt es bei euch? Oft kommt es auf diese Weise zu tollen Aha-Effekten. Man entdeckt Gemeinsamkeiten. Die Kinder sind verblüfft: „Wirklich? Das ist ja bei uns ganz ähnlich!“ Wenn das geschieht, wenn die Kinder unbefangen über ihre Religionen und Traditionen ins Gespräch kommen, finde ich das großartig.

Protokoll: Astrid Herbold

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